Hamburg ist reicher seit dem vergangenen Wochenende. Sicher nicht im materiellen Sinne, doch reicher an vielfältigster Musik, wertvollen Begegnungen, wunderbaren Momenten und sonnenbeschienenen Gesichtern und Seelen. Zu verdanken hat Hamburg – und die Jazzwelt – diese Bereicherung zwei jungen Damen, Nina Sauer und Tina Heine, den Initiatorinnen des ersten internationalen Elbjazz Festivals.

Deutschlands größter Seehafen bot an zwei Tagen den perfekten Rahmen und ein schönes Sinnbild für musikalische Weltoffenheit und interkulturellen Austausch. Dass selbst das Wetter diesem Anliegen wohlgesonnen war, erfüllte mit Sicherheit die kühnsten Träume der Veranstalter.

„Mut zur Lücke“ – ohne diesen Grundsatz geht gar nichts bei einem Festival wie diesem. Wer den Anspruch verfolgt, möglichst viel vom Gesamtangebot mitbekommen zu wollen, muss scheitern. Und so hat man beim Blick ins Programmheft die Qual der Wahl. Vieles klingt verlockend und doch lassen es die Entfernungen einer Großstadt nicht zu, überall dabei sein zu können. Ein Nachteil, der aber auch Vorteil sein kann. Da bleibt Raum, um auf einer Barkasse, dem Fahrrad oder per pedes Eindrücke sacken zu lassen, bevor man sich der nächsten musikalischen Welt öffnet. Und es sind wirklich Welten, die das Elbjazz 2010 zu bieten hat: von NDR-Bigband und Marizas Fado über Gipsy Swing und den minimalistischen Elektronik-Pionier Bugge Wesseltoft bis zu Lokalgrößen wie Nils Wülker und Elbtonalpercussion. Ein überwältigendes Spektrum an Angeboten, das den Reichtum des Jazz mit Nachwuchskünstlern und alten Hasen widerspiegeln will. In Verbindung mit maritimen Veranstaltungsorten ist dieses Festivals einmalig.

Der Freitagabend startet bei blauem Himmel an den Marco-Polo-Terrassen der Hafencity mit der NDR-Bigband, unterstützt von Toto-Schlagzeuger Simon Phillips und Percussion-Maestro Trilok Gurtu. Ein prominenter Startschuss mit hohem Gute-Laune-Faktor. Dank des Barkassen-Shuttle-Service bleibt bis zu Till Brönner noch etwas Zeit, um sich auf dem Weg zum Blohm+Voss-Festivalgelände frische Hafenluft um die Nase wehen zu lassen. Das Werftgelände entfaltet in der schönsten Abendsonne all seinen industrieromantischen Charme und bildet eine ungewöhnliche Kulisse für Jazz auf höchstem Niveau. Der nächste Veranstaltungsort im persönlichen Festivalprogramm scheint eher ungeeignet für derartige Musik und Menschenmengen. Das Stage Kehrwieder Theater ist sicherlich nicht für großen Andrang und feinsinnigen Jazz konzipiert. Zu trocken die Akustik, zu rot-plüschig der Saal und zu gediegen die Einrichtung mit Tischen und Sesseln. Tellerklappern ist nicht unbedingt das, was man sich bei einem Bobo Stenson Trio als Hintergrundgeräusch wünscht. Und dennoch gelingt es vor allem Bassist Anders Jormin, mit atemberaubend schönen Melodiebögen in den Bann zu ziehen. Den perfekten Abschluss dieses ersten Tages jedoch bietet Pianist Bugge Wesseltoft in der überfüllten St. Katharinen-Kirche. Wo bekommt man schon nachts um 1.30 Uhr noch ein meditativ-versunkenes Gute-Nacht-Lied des großartigen Norwegers zu hören?

Auch der zweite Festivaltag lockt trotz kurzer Nacht mit strahlendem Sonnenschein bald aus den Federn. Auf den Marco-Polo-Terrassen präsentieren sich junge und ältere Künstler der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Da hält Klavierprofessorin Caroline Weichert eine charmante musikwissenschaftliche „Vorlesung“ – Jazzstücke klassischer Komponisten verbunden mit kurzen Zwischenmoderationen. In Liegestühlen und mit kühlem Getränk in der Hand eine wunderbare Form der musikalischen Weiterbildung. Kurze Zeit später in den Deichtorhallen: dichtes Gedränge zwischen Kunstwerken und diversen Schlaginstrumenten. Auf dem Boden sitzend und an Wänden lehnend verfolgt ein zahlreiches Publikum gebannt die faszinierende Klangwelt des Ensembles Elbtonalpercussion – vier bemerkenswerten Percussionisten aus Hamburg. Diesen vier jungen Herren gelingt es, in wiederum gänzlich andere Welten zu entführen. Fernöstlich klingt manches. Und gleichzeitig überschreiten ihre Klänge jegliche Grenzen von Raum und Zeit. Auch mangels Bühne wird es ein Konzerterlebnis der besonderen Art – in unmittelbarer Nähe zu Musikern und Instrumenten.

Bis zum gut gefüllten Abendprogramm kann man sich jetzt schon mal eine kleine Pause gönnen auf dem Weg zurück zur Hafencity. Und kulinarische Bedürfnisse wollen schließlich auch gestillt werden. Der Rest des Tages wird wieder dem eigens geöffneten Blohm+Voss-Gelände gewidmet: Die schwedische ACT-Formation Oddjob bietet Clint Eastwood-Adaptionen, sorgt aber noch nicht für ganz großen Andrang. Wenig später ereignet sich auf der kleinen Bühne des Blohm+Voss-Geländes eine festivaleigene Premiere: Hamburger Künstler treffen auf den brasilianischen Pianisten, Produzenten und Arrangeur Eumir Deodato. Funkig-entspannt geht es da zu. Etwas zu selbstgefällig jedoch erscheint der Altmeister, der unter anderem für Kool & The Gang und Björk arbeitete. Frischerer Wind weht da bei Lokalstar Nils Wülker. Dem jungen Trompeter und seiner grandiosen Band gelingt es einmal mehr, seine Fangemeinde mit genreüberschreitenden, energiegeladenen Klängen zu begeistern. Kaum zu überbieten ist so viel positive Energie anschließend vom großen Manu Katché, der mit „Third Round“ wieder einmal eine neue Bandbesetzung präsentiert. Tore Brunborg kann in dieser Besetzung leider nicht seinen sphärisch-schönen, Garbarek-ähnlichen Klang entfalten. Und Pianist Alfio Origlio ist nicht so überzeugend wie ein Marcin Wasilewski auf „Playground“. Schade. Dennoch ein schöner Ausklang eines großartigen Festivals, dem man noch viele, viele Jahre wünscht.  Herzlichen Glückwunsch, liebes Elbjazz-Festival! Der 27. und 28. Mai 2011 sind notiert. (Text und Fotos: hb)

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