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„Apathisches eintauchen in die Realität“: 206

Vorrede war schon, also gleich hinein ins Artenschutzgebiet 206 (19. März, Uebel & Gefährlich). Frage und Antwort in einer ganz speziellen „Republik der Heiserkeit“:

Halle an der Saale. Von einem Tokio Hotel-Mitglied mal abgesehen, entstammen dem Ort fast keine Musiker (Quelle: Wikipedia), dafür eine ganze Menge Sportler. Aus dieser brachliegenden Landschaft stammend werdet ihr derzeit zurecht sehr hoch gehandelt. Erzählt doch mal aus erster Hand etwas über die aktuelle Musikszene bei euch vor Ort und die heimatnahen Reaktionen auf 206.

Nur weil etwas nicht in Wikipedia auftaucht, muss das nicht der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt hier bestimmt genauso viele Musiker wie Sportler, wenn nicht sogar mehr. Wahrscheinlich liegt es an der Gegend: karge Landschaft, Felder, quietschende Straßenbahnen… Im Herbst und Winter ist es besonders schlimm mit all dem Schneematsch und grau in grau. Da kannst du gar nichts anderes machen, als Songs zu schreiben um nicht ernsthaft depressiv zu werden. Und die Menschen kommen zu den Konzerten, checken das und fühlen sich nicht mehr ganz so allein, wenn da jemand drüber singt. Denn ihnen geht’s ja genauso.

Immer wieder fällt der Begriff “(Großstadt)Blues” im Zusammenhang mit “Republik der Heiserkeit”. Eine Stilrichtung, die schon vor der Wende seinerzeit ein riesiges, oft vollkommen unpeinliches Sammelbecken für sehr viele DDR-Musiker aus anderen Genres bedeutete. Gab es da Berührungspunkte im Entstehungsprozess des Albums?

Wir sind in der DDR geboren, mehr verbindet uns damit aber nicht. Es sind wohl eher die Folgeerscheinungen der Nachwendezeit die uns, wie fast alle Menschen unserer Generation, geprägt haben: glückliche Kindheit, verwirrte Jugend, apathisches eintauchen in die sogenannte Realität. Vor allem britische und amerikanische Bands wie Wire, Bauhaus, The Birthday Party, Suicide, Helmet oder Bruce Springsteen waren und sind dabei unsere Eckpfeiler und Rettungsanker. Die spielen alle ihre sehr eigene Form des Blues. Denn Blues heißt nicht nur: „Nimm deine Gitarre und spiel‘ nach 12 Takten wieder das selbe“, sondern in erster Linie: „Nimm dein Leid und mach ein Lied daraus“. Das ist eine Form die uns sehr entspricht.

Trotz aller komprimierten Wut, latenter Perspektivenlosigkeit und vieler Finger in noch mehr Wunden. Ihr vermittelt nie Hoffnungslosigkeit, stattdessen tretet ihr Arsch, helft auf, um gleich darauf loszulassen, jammert nicht, geht hin wo es auch selbst mal weh tut. Klingt manchmal, als hättet ihr mit sehr vielen resignierenden Menschen zu tun gehabt? Halle lag ja sogar einmal europaweit an der Spitze der Arbeitslosenstatistik.

Wir haben vor allem mit uns selbst zu tun gehabt.

Welche sind für euch die zugleich vordergründig schlimmsten und doch irgendwie im täglichen Leben brauchbarsten typisch deutschen Eigenschaften? Böses Stichwort z.B. “Disziplin”.

An dieser Stelle passt eine Zeile aus unserem Song „Kratzer to the Top“: „Händeschuetteln, Schulterklopfen, Vorwaertschuppen, Armverschrenken, schiefe Blicke von der Seite, operiertes Einheitsdenken.“

206 Kilometer von Halle entfernt seid ihr im Bandbus unterwegs. Welche Alben rotieren darin zur Zeit?

Roxette – „Don’t bore us – Get to the chorus“ (das ist das Best of) und Pj Harvey – Is this Desire.

Interview: kel | Fotos: Martina Drignat + Pressefreigabe


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