Gestern waren es vier Musiker, heute lassen wir zwei Lesern den Vortritt. So also klingen die Deichkinder 2012:

Genau das sagt einem das  Titelstück. Eine immergültige Parole bei Deichkind. Damit ist auch schon klar, wo das Album treffen soll, ganz unten, laut, ein Hieb in den Magen, ein Klingeln ganz tief zwischen den Ohren, an allen Punkten, die sowohl den Kopf als auch die Beine einschalten. Beim Opener ‘Tetrahedon’ ist das noch nicht gleich klar. 2 Minuten ruhiges Fließen, immer wieder unterbrochen von sekundenlang an – und wieder abschwellenden Noiseunterbrechern und spoken words in Kauderwelsch.

Das weckt unmittelbar den Liebhaber und Bastler. Rückwärts abspielen bei halber Geschwindigkeit war der letzte Versuch das Rätsel zu lösen, dann klingelte der Nachbar, entnervt von besagten, wiederkehrenden Noiseunterbrechern. Einfach also selbst ein bisschen probieren.Es dauert insgesamt ein wenig, bis das Album musikalisch Fahrt aufnimmt. Es ist eben nicht in erster Linie nur stumpfe Party, Dancen, Krawall und Remmidemmi, es geht Deichkind um das Gesamtprogramm, jedes Stück Text zählt: „Befehl von ganz unten“.

So zeigt denn auch Illegale Fans” direkt den Kurs, alle können sich ficken, die irgendwo zwischen Hörer und Musik stehen. Youtube’s Streit mit der Gema und nicht verfügbare Videos, Saturn, Media Markt und selbst Metallicas Lars Ulrich und sein Feldzug gegen illegale MP3 downloads kommt noch mal auf den Tisch, für alle, die sich erinnern.

Auch das ‘Arbeit nervt’ Thema wird in einer anderen Variante wieder aufgenommen. In Bück dich hoch” geht es genau darum, zu bücken und buckeln, um hoch zu kommen. So zieht es sich über „Befehl von ganz unten“. Tanzbar? Selten. Denkbar oder eher nachdenkbar? Ja, das eher. Die Texte soll man hören, sehr genau hören. Um das zu erreichen werden Stimmen teilweise fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Tiefer reinhören, weiter nach ganz unten.

Leider, so scheint es oft, steht der Band nur ein begrenzter Vorrat an Tönen zur Verfügung und auch im Tempo bleibt man eher gedrosselt und wagt keine Ausbrecher. Bis sie dann mit dem letzten Track ‘Die rote Kiste’ doch noch zu überraschen wissen, mit einer eindeutigen Gitarre, Drums kann man ebenfalls ausmachen und es wird gesungen. Nimmt man sich hier den Text vor, merkt man aber auch schnell: im Gegensatz zu vorher geht es hier um nix. Da muss keine message rüberkommen, hier darf getanzt werden. Und dann lächelt man doch schon wieder, weil es so offensichtlich System hat: Hört euch erst an, was wir zu sagen haben und am Ende, gottverdammt, rastet aus und tanzt! 29. März | o2-World |

Marc Herrmann (Gastbeitrag)

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