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Interview: Alexander Schröder (Redfield Records)

Demnächst kommen die Death Letters und Face Tomorrow. Frisch draußen begeistern Eskimo Callboy. Mehr oder weniger eben waren Sixxten und Sights & Sounds bei uns unterwegs. Dazu Dampfmaschine, Alex Amsterdam, Team Stereo und einige mehr. Es gibt genügend Gründe, mal bei Redfield Records nachzufragen. Es antwortete: Alexander Schröder, seines Zeichen Inhaber vom Ganzen.

Wir finden euch gut – was aber macht eurer Meinung nach ein Label zu einem guten Label?

Uij, schwierige Fragen und das gleich zum Einstieg! Deshalb einfach mal ein paar Stichwörter: Wilder Enthusiasmus, entwaffnende Ehrlichkeit, kommunikative Offenheit, kreative Ideen, endlose Motivation, selbstzerstörerischer Arbeitseifer, eine allumfassende Übersicht in sämtlichen Arbeitsbereichen und meiner Meinung nach sehr wichtig: Die Fähigkeit seinem Bauchgefühl zu vertrauen!

Von Alex Amsterdam über Sixxxten über Eskimo Callboy über Dampfmaschine über Sights & Sounds zu Social Suicide – legt ihr bewusst wert auf Vielfältigkeit oder sehen wir den roten Faden nur nicht?

Wir verfolgen eigentlich keinen reinen musikalischen Masterplan beim Signing unserer Acts. Wenn man sich unsere Vergangenheit betrachtet, haben wir aber schon immer mit Bands zwischen Indie und Hardcore / Screamo zusammengearbeitet. Wichtig ist einfach auch immer die Attitüde und der persönliche Geschmack. Aber gerade zu den im Kontext Redfield Records eher erstmal außergewöhnlicheren Künstlern gibt es auch immer wieder eine Erklärung in Form einer besonderen Verbindung oder langjährigen Freundschaft. Alex Amsterdam und Dampfmaschine kenne ich bestimmt schon seit über einem Jahrzehnt, letztere stammen sogar aus der gleichen Kleinstadt Melle wie ich (in der Nähe von Osnabrück), die vorher außer dem Medium-Terzett („Mein Hut der hat drei Ecken“) und dem INTRO Verlag noch nicht wirklich viel besonderes in der nationalen Musikszene bewegt hat. So ergeben sich die Verbindungen dann einfach. Zudem ich mir nicht so sicher bin, wie wichtig ein Name wie Redfield Records in der heutigen Zeit noch für eine Veröffentlichung ist. Klassisches Beispiel aus der Vergangenheit ist ja z.B. der Melodypunk von Fat Wreck oder Epitaph. Da wusste man früher immer ungefähr, was einen erwartet. Ich denke, dass das für uns nicht wirklich gilt.

Wie findet ihr die Bands bzw. wie finden die Bands euch? Klassisch und ihr besucht Shows und sucht und die Bands schicken euch CDs?

Die klassischen Variante ist in Zeiten des allmächtigen Internets mit Youtube-Clicks, Facebook-Likes  oder Last.fm-Plays sicherlich sehr selten geworden. Zudem es wirklich sehr hart ist, einen absoluten Newcomer aufzubauen. Natürlich sind die reinen Zahlen in Form von Clicks und Views auch kein echter Richtwert, dafür gibt es auch schon wieder viel zu viel Fake, aber sicherlich kann ich nicht leugnen, dass solche Dinge zumindest auch kleine Indikatoren dafür sind, sich ein allumfassendes Bild von einer Band zu machen. Wir müssen zwar auch immer auch auf die Wirtschaftlichkeit schielen – schließlich ist das unser Hauptjob und wir müssen unseren Kühlschrank neben den Bergen von Sekt und Champagner auch mit etwas Essbarem füttern -, aber am Ende entscheidet dann natürlich immer auch der persönliche, musikalische Geschmack; der ja bekanntlich bei jedem auch verschieden ist. Und das ist auch gut so! Bläst uns ein Album so sehr um, dass es mehrfach im Tag im Player rotiert, gibt es nichts Schöneres, wenn man dann Wochen später die fertige CD oder noch besser Schallplatte in den Händen halten kann.

Worauf legt ihr bei den Bands – außer musikalischer Qualität –  wert, damit ihr sie unter Vertrag nehmt?

Die Bands sollten ein gewisses Maß an Eigenverantwortlichkeit an den Tag legen und am Besten auch schon etwas Erfahrungen mitbringen, um gewisse Situationen auch einfach besser einschätzen zu können. Eigentlich jeder Band, die wir signen sagen wir, dass die Arbeit mit der Unterschrift erst richtig losgeht. Zurücklehnen gibt es da nicht, stattdessen gibt es nun sogar noch mehr zu tun. Damit muss man auch erstmal klarkommen.

Außerdem sollte man der Realität ins Auge blicken können. Die Art von Musik, die wir veröffentlichen, macht die Allerwenigstens zu reichen Rockstars. Stattdessen bedeutet es in Vans quer durch das Land zu düsen, im Schlafsack auf Fußböden zu pennen und ein intensives Hobby oder eine Passion sehr ambitioniert und professionell auszuleben. Oft zahlt man dabei auch drauf. Das hat nichts damit zu tun, dass wir unsere Bands abzocken, sondern ist einfach die Realität, bei manchen Leuten herrschen da auch wirklich noch komplett falsche Vorstellungen.

Weiterhin wichtig ist es, dass die Künstler genügend Zeit mitbringen, um für Konzerte und Touren verfügbar zu sein. Da hat sich sicherlich nicht viel geändert. Nach wie vor ist es das wichtigste, sich das Publikum zu erspielen und die berühmte Ochsentour zu machen, um sich einen Status zu erarbeiten.

Wie stark greift ihr ins kreative Geschäft – Single, Cover, Merchandise etc – ein bzw. was entscheiden die Bands und was entscheidet ihr?

In das kreative „Geschäft“ unserer Künstler greifen wir eigentlich gar nicht ein. Natürlich geben wir gerne Feedback, wenn wir gefragt werden, aber das letztendliche Entscheidungsrecht liegt immer beim Künstler. Er hat die absolute künstlerische Freiheit und wir glauben, dass das auch wichtig so ist.

Welche Bands waren eure bisher erfolgreichsten und wichtigsten und welche würdet ihr gerne haben? Und: auf wen und auf was dürfen wir uns in Zukunft freuen?

Unsere bekannteste Band war lange Zeit sicherlich Fire In The Attic, nicht zuletzt nachdem wir das 2008er Album „Cum Grano Salis“ exklusiv über die VISIONS veröffentlicht haben. Da die Band derzeit auf Eis liegt, sind unsere bekanntesten Künstler aktuell sicherlich u.a. We Butter The Bread With Butter, Eskimo Callboy oder aber auch Face Tomorrow, mit denen wir 2011 nach zehn Jahren Labelgeschichte das erste Mal in offiziellen Album-Verkaufscharts gelandet sind; nämlich in ihrem Heimatland Holland – und das gleich für drei Wochen. Trotzdem sind uns alle unsere Künstler natürlich gleich wichtig und wir sind für alle 24/7 da, so wie sich das wie in einer kleinen „Familie“ auch gehört! Jede einzelne Veröffentlichung war ein kleiner Baustein für das, was Redfield Records nach elf Jahren harter Arbeit ausmacht. Das gilt für alle Bereiche, für die Höhen und Tiefen, die man zusammen durchlebt hat, wir sind in vielen Bereichen jetzt auch um einige Erfahrungen reicher.

Freuen könnt ihr Euch auf KMPFSPRT, die aus ehemaligen Leuten von Fire In The Attic und Day In Grief bestehen, sowie Death Letters, eine unfassbar junges holländisches Duo, das sich dem Alternativ Rock verschrieben hat, sowie neuen Alben von Eskimo Callboy, His Statue Falls, Mutiny On The Bounty oder Social Suicide. Das ist unser Fahrplan bis Mitte des Jahres. Außerdem freuen wir uns riesig, dass Album „Dualism“ von den Textures auf Vinyl veröffentlichen zu dürfen. Die Holländer gelten ja als Pioniere des Progressiven Metals, das derzeit als „Djent“ so gehypt wird. Da wird es ein richtig edles, exklusives Vinyl geben, mit ganz vielen Extras! Solche besonderen Veröffentlichungen sind immer wieder das berühmte Salz in der Suppe!

Wie seht ihr die/eure Zukunft so überhaupt? Das wird super oder das wird schwer? Und: warum?

Natürlich wird das alles super, keine Frage! Wir wollen auch weiterhin Musik veröffentlichen, auf die wir Bock haben, uns voller Begeisterung in die Produktionen von speziellen Bundles, Verpackungen oder anderer toller Editionen stürzen und auf kleine und große Konzerte fahren, um unsere Freunde zu treffen. Wir bleiben uns treu und glauben, dass es auch weiterhin eine Nische für uns geben wird, wenn wir mit der Zeit gehen ohne uns zu verbiegen. Natürlich wird das schwer, das ist leider auch die Antwort!

Was kann ein Label in der heutigen Zeit überhaupt noch, was Downloads, Facebook und Co. nicht können?

Eine gute Frage! Ich vertrete da vielleicht doch sogar eine eher etwas konservativere Meinung, denn ich glaube, dass die meisten Künstler sich eher auf ihren künstlerischen Output konzentrieren sollten, als die komplette Business-Ebenen zu bedienen. Mit einem fähigen Label im Rücken, besitzt jeder Künstler einfach noch weitere Mitarbeiter, die in ihren Schwerpunktgebieten für einen aktiv sind. Gerade als Newcomer steigt man hier sehr schnell in ein funktionierendes Netzwerk ein, das sich sehr schnell positiv auswirken kann.

Wie ist der Kontakt zu anderen Labels? Macht jeder eher sein Ding oder tauscht man sich aus und hilft sich eventuell sogar?

Wir sehen andere Labels nicht als Konkurrenz an! Warum auch, denn es gibt ja auch genug andere wunderbare Musik, die wir uns gerne anhören. Die muss ja auch jemand veröffentlichen. Mit einigen sind wir schon seit vielen Jahren befreundet oder halten immer wieder den Kontakt und tauschen uns aus. Finde ich auch wichtig, wenn man sich gegenseitig auch mal Tipps geben kann. Mit Funtime Records aus Belgien machen wir z.B. nun endlich auch zusammen eine exklusive 7“ von Face Tomorrow. Funtime wird die Groezrock Edition in Belgien auf dem Festival verkaufen, was uns riesig freut, denn ich glaube mit dem Label von Johan Quinten sind wir schon fast seit Anfang an in Kontakt, haben früher Releases getauscht und immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Oder die Jungs von Asscard Records, die das Sights & Sounds Vinyl superamtlich als farbiges Doppelvinyl veröffentlicht haben, während wir den Rest übernommen haben. Auch die Coffeebreath & Heartache Jungs aus dem benachbarten Bielefeld verdienen eigentlich mehr Aufmerksamkeit mit ihren supercoolen besiebdruckten und oft handgefertigten Vinyl-Releases. Wir freuen uns immer Gleichgesinnte zu treffen und haben da in der Vergangenheit eigentlich nie besonders schlechte Erfahrungen gemacht.

Ihr macht auch Booking oder Management – für wen, was genau und warum überhaupt? Reicht euch die Labelarbeit nicht?

Das Bookinggeschäft ist sehr arbeitsintensiv, das haben wir vor einigen Jahren eingestellt, da fast alle unserer Bands mittlerweile bei sehr fähigen Agenturen gelandet sind, die das Tagesgeschäft einfach viel besser beherrschen, als wir das mit unserer Besetzung je leisten könnten.

Management ist immer so ein schlimmes Wort, wir verstehen uns für ausgewählte Bands immer als freundschaftliche oder väterliche Berater, wenn man das so sagen will. Wir haben das für Fire In The Attic gemacht, danach für Das Pack aus Hamburg – nach wie vor eine unfassbar gute Liveband, die sich wirklich jeder mindestens einmal im Leben angeschaut haben sollte (Warum? Weils geils!) – und aktuell arbeiten wir mit We Set The Sun zusammen.

Unser Schwerpunkt liegt sicherlich in der Labelarbeit, wobei wir hier immer versuchen wollen, den Bands immer auch weiträumig unter die Arme zu greifen. Parallel dazu sind wir seit 2004 aber auch im Verlagsgeschäft aktiv, um die Rechte unserer Künstler z.B. durch Platzierung in Werbung, TV-Serien, DVD-Magazine oder Computer-Spiele optimal auswerten zu können.

Wenn ihr noch was loswerden möchtet: Dann bitte sehr.

Immer Dampf!

Interview: Mathias Frank


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