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Viele Fragen an: Tigeryouth

SingerSongwriter schwappen hier und da; über die Ufer, in die kleinen gemütlichen Wohnzimmerclubs und fangen manchmal an zu nerven; mit ihrem verletzlichen und verklärten Blick auf das Leben mit tieftraurigen Texten, ihrem Gesäusel ins Mikrofon, mit ihrem schüchternen Blick. Doch es geht auch anders.

Knackige Texte über Mitfahrgelegenheiten, vom Versacken an der Bar, von alten Freunden, die nie welche waren aber auch davon, nicht zu wissen, wo man hingehört. Tilman aka Tigeryouth kotzt sich in seinen Texten gerne aus über die Welt, über die Menschen und das Zwischenmenschliche und erzählt damit persönliche Geschichten, aber ohne dieses ewige Jammern und Heulen. Akustischer Punkwriter oder so. Was er zu sagen hat, lässt sich bei einem sympathisch unkomplizierten Becher Coffee to go vom Kiosk am Straßenrand herausbekommen: Im Gespräch zwischen lauten Lastern und donnernden Schienen.

Der Mensch braucht ja Vergleiche. Und mich erinnert deine Art zu spielen und deine Texte an Senor Matze Rossi. Hast du mit ihm schon mal was gemacht?

Tilman: Ich hab’ mit Matze eine meiner ersten Shows in Ibbenbüren gespielt. Dann letztens in Hamburg nochmal. Hoffentlich im Winter wieder. Bin noch ‘n bisschen lauter als er, ne.

Und was gar nicht gepasst hat, in einer Rezension zu deinem Livealbum „Live @ Lala Studios“ („Livealbum in EP-Länge“) stand der Vergleich mit einem wütenden Bernd Begemann. Häh?!

Vergleiche find ich ja per se nicht schlecht. Bernd Begemann hab ich bis dato aber nie gehört und dachte mir dann „Neeeeeee“. Ist ja schon anders. Schön, aber anders. Ich hab’ so Musik früher aber auch nie gehört, erst so mit der Zeit. Früher waren das immer die Punk/Hardcorebands meiner Freunde, die ich gehört habe. Eigentlich höre ich immer noch hauptsächlich die Musik von Freunden.

Kommst du musikalisch aus dieser Richtung? Hast du vorher schon in Bands gespielt?

Nur in Beschissenen. Mit 14 in einer unfassbar schlechten Grunge-Band, als Bassist. Irgendwann auch mal gesungen. Dann bin ich für ein Jahr nach Brasilien gegangen, hatte 300 Euro dabei, mit denen ich mich eigentlich hätte versichern müssen. Das hab ich nicht gerafft und mir ‘ne Gitarre von dem Geld gekauft. Da hab ich dann angefangen, Songs zu schreiben. Hab da auch ‘ne EP aufgenommen. Das hab ich mir letztens mal wieder angehört und fand das furchtbar. Das war so James Blunt-mäßig. Voll hoch, gequetscht, gepresst.

Dann bin ich zurückgekommen und hab’ mit meinem damals besten Freund weiter Musik gemacht. SingerSongwriterzeug, erst mit bescheuerten deutschen Texten, dann auf englisch. Haben damit auch nur in Ibbenbüren und Münster gespielt und uns wie Rockstars gefühlt, als wir den Schülerbandwettbewerb gewonnen haben. Wir waren aber eben immer nur ‘ne halb beschissene Schülerband.

Mich hat das aber nicht losgelassen, ich hatte Bock, was vernünftiges zu starten und das Glück, dass das dann geklappt hat, als wir nach Köln gezogen sind. Ich wollte immer raus. Weg von den alten „Freunden“, die meistens eben doch nur Zweckfreunde sind, so Schulfreunde eben. Bei denen man dann merkt, dass man sich eigentlich nichts zu sagen hat, wenn man mal weg ist. Bei Oberstufenreunionpartys bekomme ich immer das Kotzen. Aber es lädt mich auch keiner ein. Ich hab aber auch kein Bock auf diese Fragen: „Was studierst du und was wirst du dann und wat verdienst du damit?“ Das schöne auf Tour ist, dass mich mit den Leuten, die in Bands spielen, Konzerte organisieren oder die Musik abfeiern mehr verbindet. Da sind schon so viele wunderbare Freundschaften entstanden.

Darum geht’s ja auch nicht. Auch wenn es sehr idealistisch klingt, aber man sollte mit dem was man macht, glücklich sein. Was bringt einem ne Stange Geld, wenn du kaum Zeit für die schönen Dinge hast, weil du wie blöde arbeitest.

Momentan wohne ich ja in Osnabrück, nicht weit weg von Ibbenbüren, man trifft also zwangsläufig alte Bekannte, die man nicht treffen will. Und dann kommen diese Fragen und man hat das Gefühl, dass sie genau wissen was sie wollen und auch nicht verstehen, dass man selbst diesen Weg nicht gehen will. Und dann der Spruch „Ja, deine Musik ist ja nur ‘n Hobby, oder? Davon kannst du doch nicht leben“. Aber das ist es eben nicht. Klar bin ich unterwegs, mache Musik, mache, was mir Spaß macht. Um mir diesen Luxus leisten zu können, stehe ich den Rest der Zeit eben in ‘ner Kneipe. Schönes Musikerklischée. Aber es ist gut, dass es diese Menschen gibt, die das nicht verstehen, da kann man wunderbar Songs drüber schreiben.

Ist denn demnächst etwas Album-ähnliches geplant?

Wir haben ja grad’ die Live-Platte „Live @ Lala Studios“ rausgebracht. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon eine Platte aufgenommen, die ich dann noch mal aufnahm’, weils nicht gut genug war. Dann ist die Festplatte kaputt gegangen, wo die Tonspur drauf war. Der gute Freund, dem die gehört, konnte die erst retten, hat das alles noch mal zusammengefriemelt aber dann sind Gitarrenspuren verschwunden. Ein Teufelswerk.

Demnächst nehmen wir noch mal auf, mit ganz neuen Songs. Ich bin, was Aufnahmen angeht echt mies, ich spiele lieber live, da ist es nicht so schlimm, dass ich kein perfekter Gitarrist bin. Daher steht das leider noch ein bisschen in den Sternen. Soll dann über Lala Schallplatten und Heads Down Records rauskommen. Vielleicht finden sich auch noch mehr Labels, die mitmachen. Die alten Sachen möchte ich nochmal neu mischen lassen und dann als Download-Link oder so zur Verfügung stellen. Mir liegen meine alten angepissten Songs echt am Herzen und ich möchte, dass die auch gehört werden.

Im Song „Schlechte Laune“ prangerst du die Leute an, die sich ständig beschweren, die rumjammern. Wie ich finde, einer der wütendsten Songs. .

Ist einer der ersten Songs, den ich geschrieben hab’ als ich in Köln gewohnt hab. Ich geb mir echt Mühe gute Laune zu haben, aber die Leute sind oft so schlecht gelaunt, ziehen Fresse und kommen einem vor als hätten sie keinen Bock auf alles oder sind nur glücklich, wenn sie wen am Telefon haben und alles andere ausblenden können. Das hat mich unfassbar aufgeregt, vor allem in der U-Bahn. Die Songs entstehen, wenn ich so was beobachte und verarbeite. Und am Ende denke ich dann „Eigentlich nicht schlimm“. Die haben schlechte Laune. Scheiß drauf.

Alltagsbeobachtungen also.

Alltagsbeobachtungen aus einem sehr kleinen Cockpit.

Wie auch der Song „Vor Berlin“ in dem es um deine Mitfahrgelegenheits-Erfahrung geht.

Ich war in Berlin, wollte nach Köln und fand eine Mitfahrgelegenheit um 4 Uhr nachts. Das ist so überhaupt nicht meine Aufstehzeit, also hab’ ich durchgemacht. Dann bin ich zu der Tanke gefahren, bei der wir verabredet waren. Das Mädchen, mit der ich mitfahren wollte, war aber nicht da. Am Telefon sagte sie dann mit verschlafener Stimme „Bin grad aufgestanden, bin so in anderthalb Stunden da“. Und ich hing da, schon totmüde. Und als sie endlich kam, wollte ich nur noch schlafen. Und sie hat geredet und geredet, die hat mich so zugetextet und dann immer so „Ey, ey, hörst du noch zu?“. In der Situation ist der Song entstanden, es geht einfach um diese Mitfahrgelegenheitssituation. Man trifft da wildfremde Menschen, klärt ab, was man so macht, woher man kommt und wohin man will. Und dann saugt man sich Geschichten aus den Fingern, nicht, weil man was zu reden hat, sondern nur, damit geredet wird. Dabei sieht man sich wahrscheinlich eh nie wieder.

In irgendeinem Song ist das ähnlich beschrieben: “Ich bin kein Freund von Menschen die gleichzeitig viel und wenig sagen und ich fürchte ich neige selber oft dazu“.

Ja, genau. Die meisten Dinge, über die ich mich aufrege, sehe ich irgendwann auch an mir selbst. Ist wahrscheinlich bei jedem so. Wenn man mal aufmerksam ist.

Als Tigeryouth bist du ja allein unterwegs aber früher war dein bester Freund dabei. Hast du kein Bock mehr darauf?

Wir sind nach Berlin gezogen damals und wollten das schon machen. Wir haben dann aber gemerkt, dass er da keinen Bock mehr drauf hatte, er hatte auch ‘ne Freundin und kaum Zeit, was ja auch okay ist. Die beiden haben mittlerweile auch ‘ne Tochter, was großartig ist.  Irgendwann hab ich entschieden das lieber allein zu machen.

Willst du noch irgendwem danken?

Vielen Dank an Sebastian. Hört euch alles von Spring Leads You Home Tonight an!

Hast du sonst noch nen Musiktipp?

Ja, ich hab da ein paar.
Empty Guns
Das sind großartige Jungs. Die haben mich mal blind für ne Show in Stendal gebucht. Und seitdem nehmen die mich überall hin. Danke!

Und meine Freunde
Diane Parkers Little Accidents und Henry Parker aus Hamburg
The Driftwood Fairy Tales aus Berlin
The Dimensions aus Ibbenbüren
Smile and Burn aus Berlin

Ach und Spring Leads You Home Tonight.

Wer ironische Witzchen, die dreckige Lache von Tilman und seine wütenden Songs live erleben will, der sollte am 4. Juni in die Astra Stube kommen, wo er zusammen mit den Empty Guns spielt.

Interview: (ms)

 



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