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Kummerfeld Rock City

Ein persönlicher Rückblick auf zwei Tage Ackerfestival

Dinge passieren: Wenn man aus der Großstadt ins Pinneberger Outback rausgondelt, um dann festzustellen, dass das Ackerfestival gar nicht auf einem Acker stattfindet. Sondern auf einem Sportplatz. Mit Vereinsheim daneben.  Und einer minikleinen Bühne, auf der dann irgendwann tatsächlich Turbostaat stehen. Auf der im letzten Jahr Casper stand. Skandal! Ein Getränke- und drei Fressstände runden das Ganze ab. Man schüttelt mit dem Kopf und fragt sich, wo genau man hier gelandet ist. So lange, bis man das weniger aus Verwunderung als vielmehr aus Verzückung und Liebe zu diesem Festival tut, das im Grunde einfach alles richtig macht. Und man begreift: einmal Acker, immer Acker. Ist einfach so.

Das größte kleine Festival der Welt findet schon seit sieben Jahren in Kummerfeld statt. In diesem winzigkleinen norddeutschen Nest bei Pinneberg, von dem man so ziemlich nichts erwarten würde. Nicht mal einen McDonalds gibt es dort (aber dazu später mehr). Als eines der letzten Open Airs des Sommers kann man auf dem Ackerfestival nochmal der dahinscheidenden Festivalsaison hinterher trauern. Oder sich den letzten Fix holen, der einen über den tristen Winter rettet. Organisiert wird das Zweitagesevent vom Ackerfestival e.V., im Grunde aber steckt gefühlt der ganze Ort dahinter. Wenn man sich umschaut, scheinen sie alle da zu sein und entweder am Merchstand Acker-Hoodies und -Beutel zu verticken, Waffeln zu backen oder tonnen- resp. literweise Nudelpfanne, Steaks und Bier unter die Festivalbesucher zu bringen.

Der Charme des Ackerfestivals steckt im Detail. Weniger ist eben doch manchmal mehr, und insbesondere im Line-Up schlägt sich das nieder. Ein grandioses Gespür für gute Bands und vielversprechende Newcomer, vornehmlich aus Deutschland, vornehmlich mit Punkrock oder Indieeinschlag. Und dazu dann so ein Knaller wie Turbostaat als Headliner, die wohl von sich selbst am meisten unterschätzte Band aller Zeiten.

Doch bevor die Husumer einen Eins A Festivalabschluss hinlegen, müssen aber noch andere ran. Fuck Art, Let’s Dance starten am Freitag vor einer versprengten Person ihr Set, die sich dann auch noch überlegt, lieber mal ihre Regenjacke holen zu gehen. Es regnet in Strömen. Die Menschen kommen nur sehr langsam aus ihren Löchern. Und feiern dann das Trio ab, das ungelogen als die Hamburger Franz Ferdinand durchgehen könnten. Circle Pit und eine Polonäse inklusive. Eine Premiere in der Bandhistorie, wie mir Sänger Nico später verrät. Auch die Info, das die Band bald einen neuen Track veröffentlichen wird, lässt er sich entlocken. Bei Bondage Fairies im Anschluss wird das Publikum endgültig warm und bei We Butter The Bread With Butter gibt es dann kein Halten mehr. Top Frisuren, top Performance. Mehrere Walls of Death später wird die Menge in die Nacht entlassen, mit einem breiten Lächeln im Gesicht und der Vorfreude auf Tag zwei.

Dieser beginnt trocken und mit den unfassbar tighten Frau Potz, die dank ihrer langen Spielzeit sogar einige Raritäten in die Setlist packen („Sternezeichen Fuchs“ zum Beispiel). Einfach nur gut. Vierkanttretlager halten da locker mit, auch wenn man Sänger Max die lange Festivalsaison deutlich anhört. Aber sie geben dem Akkordeon seine Würde zurück – lange überfällig war das!

Der Turn zu Rockstah, dem Quoten-Hip-Hop-Act aufm Acker, hätte danach böse schief gehen können. Geht er aber nicht. Es bewahrheitet sich die Vermutung: die Menschen sind im Jahr 2012 endlich offen für Musik aus allen erdenklichen Nischen, die sich zu Hauf an den Peripherien des Rock’n’Roll auftun. Die Nerdrevolution erreicht Kummerfeld, das wie Rockstahs (und meine) Heimtstadt Rodgau ohne den Fluch und Segen des goldenen Ms auskommen muss. Fanboy Manuel erklärt mir das Künstlergeheimnis später im Fachgespräch so: Rockstah ist einer von ihnen, ein Nerdboy eben. Der lieber zockt als fickt und darüber auch noch einen Song schreibt. Und für den es nichts Romantischeres gibt, als zum Tetris-Theme mit der Liebsten zu kuscheln. Einfach so uncool, das es schon wieder cool ist, wenn man es nur bewusst genug nach außen kehrt. Mit dieser Erkenntnis bestückt Rockstah eine ganze Platte. Und trifft damit den Nerv der Hängercorekids. Der Acker könnte hier mal wieder der Hype eine Nasenspitze voraus sein – das erste Mal wäre es ja nicht.

Jetzt steht nur noch ein Name auf dem Flyer, ganz oben, wo er hingehört: Turbostaat machen mit einem Set aus einem Guss den Sack zu. Auf der umnebelten Bühne steht eine einsame Tischlampe, die auch aus der Wohnstube einer Kummerfelder alten Dame stammen könnte. „Husum verdammt“ könnte auch heißen: „Kummerfeld verdammt“. Das gäbe sich nichts.

Turbostaat setzen gerade zur allerletzten Zugabe an, wir sind schon auf dem Weg nach draußen, um uns ein Taxi zurück nach Pinneberg zu rufen. Im Grunde kann es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr besser werden. Denken wir. Wir legen einen letzten Halt am improvisierten Bandmerchstand ein, an dem auch gerne mal die Künstler selbst ihre Shirts verkloppen. „Fuck Winter“ proklamieren Turbostaat auf ihren. Doch die eigentliche Attraktion ist Friese, der König der Merchhändler. Der menschgewordene Punkrock und möglicherweise der netteste Mensch der Welt. Ein kurzer Schnack, ein Jutebeutel-Fachgespräch und die Erkenntnis: Es gibt sie doch noch, diese Momente im Rock’n’Roll. Die einen mit allem versöhnen und daran glauben lassen, dass Musik einfach alles kann. Sogar das: aus einem verschlafenen Nest in Schleswig-Holstein für ein Wochenende im Jahr Kummerfeld Rock City machen. (Text: mmk / Fotos: kel & mmk)


Eine Reaktion zu “Kummerfeld Rock City”

  1. Marie

    ACKER IST DAS BESTE! Egal wie klein die Bühne ist, oder das Gelände. Die Athmosphäre und die Leute da machen es aus :)

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