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Viele Fragen an: Gallows

Seit einigen Wochen nun schon treten Gallows einem mit ihrem dritten, selbstbetitelten Langspieler gehörig in die Fresse. Es hagelt verzückte Reviews aller Orten und auch die Livemitschnitte, die von ihren Auftritten beim Reading Festival und Bestival in Großbritannien online anzuschauen sind, sprechen eine eindeutige Sprache: mit dieser Band ist sowas von zu rechnen. Die ganze Platte ist ein gut 30minütiges „Fuck off“ an all jene, die nach dem Weggang von Frank Carter dem Fünfer aus Watford, UK schon den Totenschein ausstellen wollten. Aber so glücklich jener mit seiner neuen Band Pure Love ist, so fein sind Gallows mit ihrem neuen Frontmann Wade MacNeil. Kein ganz Unbekannter ist er, denn zuvor war er Alexisonfires markantes Aushängeschild.

Weniger Arbeiterklassen-Attitude und Hardcoregemetzel, mehr Punkrock und Singalong-Choruses – so kann man Gallows 2.0 grob vereinfacht beschreiben. Das allein versprach eine schweißtreibende Liveshow in Hamburg. Zunächst war das Logo als Austragungsort angekündigt, aber da die Show mit dem Reeperbahn Festival-Samstag kollidierte, wurde flux umdisponiert: im Grünspan mussten die Herren nach Mitternacht ran. Voll war es, aber venue- und publikumsbedingt ein wenig undynamisch. Für einige, die die Band schon vorher bei Festivalauftritten erlebt hatten, sprang der Funke nicht wirklich über, trotz einer Setlist die von „Misery“ über die Hits des neuen Albums wie „Last June“, „Odessa“ und „Outsider Art“ bis hin zu Klassikern wie „London Is The Reason“ und „Orchestra of Wolves“ alles aufbot.

Alle anderen Anwesenden blickten dem ebenfalls nicht gerade gering ausfallenden Wahnsinn eines Wade MacNeil ins zutätowierte Gesicht. In Leopardenweste erdrosselte der sich gerne mit dem Mikrofonkabel oder band sich den Arm ab, um sich einen imaginären Schuss zu setzen. Den Balkon im Grünspan erklomm er dann sogar auch noch – wo ein Frank Carter sich definitiv runtergestürzt hätte. Wade beließ es aber bei dem Sprung über die Absperrung in den Pit – von dem sich Gitarrist Laurent Barnard zum Schluss samt Instrument tragen ließ.

Ebenjenen durften wir am Nachmittag vor der Show in einem Wohnwagen im Grünspan-Hinterhof befragen. Gallows, wie isset euch? „Ziemlich gut!“, um es mal zusammenzufassen. Aber lest selbst:


Gestern Abend habt ihr in Köln im Gebäude 9 gespielt – schon das zweite Mal in 2 Monaten. Wie war es?

Wir hatten erst Bedenken, wie das werden würde. Aber diesmal war ein komplett anderes Publikum da als beim letzten Mal. Und beide Male war es großartig!

Jetzt kannten vermutlich auch schon mehr Leute das neue Album, oder?

Genau. Bei den Festivalauftritten diesen Sommer hatten wir auch noch nicht so viele neue Songs im Set wie gestern und auch heute Abend, einfach weil das Album noch nicht erschienen war. Jetzt spielen wir ungefähr zur Hälfte jeweils neue und alte Songs.

Wie fühlt sich das für euch an, die neuen Songs mit einem neuen Sänger live zu spielen?

Das fühlt sich richtig gut an! Es ist schon eine Weile her, seit wir mit Gallows neue Songs gespielt haben. Unser letztes Album „Grey Britain“ kam ja schon 2009 raus, vor drei Jahren also. Jetzt ist es wirklich sehr aufregend, endlich was neues am Start zu haben – und Wade macht wirklich einen großartigen Job und passt perfekt in die Band.

Ich habe euch letztes Jahr bei der Visions Party in Dortmund spielen sehen, damals noch mit Frank. Ganz kurz danach wurde sein Ausstieg bekannt. Was ich mich gefragt habe: war zum Zeitpunkt der Shows schon klar, dass Frank gehen wird?

Ja, wir wussten das schon eine lange Zeit vor der offiziellen Ankündigung. Das war schon ein bisschen merkwürdig, aber wir hatten schon einige Shows gebucht und es machte einfach mehr Sinn, die noch durchzuziehen.

Aber ihr wolltet Franks Weggang nicht vorher ankündigen und dann so eine Art Abschiedstour mit ihm spielen?

Nein. Aber das war auch eher eine Entscheidung des Managements. Sie haben entschieden, wann wohl der richtige Zeitpunkt für die Bekanntgabe ist. Für mich hat es im Prinzip keinen Unterschied gemacht: ich habe einfach wie immer Gitarre gespielt.

War es nicht merkwürdig zu wissen, dass Frank, der auf eine Art das Aushängeschild von Gallows war, die Band verlassen wird?

Auf eine Art war das sogar eher eine Erleichterung, um ehrlich zu sein. Wir hatten mit der Band einen Punkt erreicht, wo wir einfach keine neue Musik mehr schreiben konnten. Jeder machte sein eigenes Ding und etwas musste sich dringend ändern. Durch Franks Weggang wurde uns restlichen vier bewusst, dass wir damit weiter machen konnten, die Musik zu machen die wir machen wollen – ohne dass uns jemand zurückhält. Wade hat dann eine ganz neue Dynamik in die Band gebracht, mit seiner positiven Energie. Und er spielt einfach gerne fucking Punk Rock, was elementar wichtig ist, wenn man ein Teil von Gallows sein will.

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Wade zu Gallows kam?

Wir kennen uns schon sehr lange und haben in der Vergangenheit viele Shows gemeinsam mit Alexisonfire gespielt. Ich habe Wade vor Jahren auf einer Party kennengelernt und dann beim Reading Festival vor eine Weile wiedergetroffen. Ich habe ihn die Nacht davor gefragt, ob er nicht „Orchestra of Wolves“ mit uns spielen will. Erst hat er sich geziert, aber ich meinte nur: „Keine Sorge, nimm einfach am Ende des Songs meine Gitarre und auf geht’s!“ Wir hatten also schon eine Weile ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Er ist wie ein Bruder für uns. Als klar war, dass Frank die Band verlassen würde, hatte Steph schon gehört, dass Alexisonfire sich auflösen würden – noch bevor das offiziell bekanntgegeben wurde. Da Wade noch keine konkreten Pläne für die Zeit danach hatte, haben wir beschlossen ihn zu fragen, ob er bei Gallows einsteigen möchte. Für uns war es wichtig jemanden zu haben, der kein Frank-Klon ist. Wir wollten jemanden, der anders ist, aber der definitiv den Gallows-Vibe hat. Auf Wade trifft das genau zu. Wir wollten auch keinen weiteren britischen Sänger, weil die Leute ihn dann ständig mit Frank verglichen hätten. Wade hingegen ist eine eigenständige Persönlichkeit, ein ganz anderer Typ, mit seinem ganz eigenen Stil zu singen. Für uns funktioniert das also sehr gut.

Wie ist denn dann der Songwriting-Prozess vonstatten gegangen, mit jemandem der in Kanada lebt?

Im Grunde auch nicht anders als zuvor, da Frank ja in Brooklyn lebte, als er in Gallows war, und Stu und Lee in Kalifornien wohnen, weil sie mit amerikanischen Frauen verheiratet sind. Wade lebt in Toronto, aber wir haben eigentlich alle unsere Homestudios, wo wir Aufnahmen machen und sie uns dann per Mail hin- und herschicken können. Als wir im Frühjahr 2012 dann ins Studio gegangen sind, haben wir uns eine Woche Zeit genommen, die ganzen Ideen zusammenzusetzen und in ordentliche Songs und Strukturen zu bringen. Wir haben nichts übereilt, aber wir wollten auch keine Zeit verschwenden damit, die Sachen, die nicht auf Anhieb funktionierten, anzugehen. Wir haben uns lieber auf das konzentriert, was gleich geklickt hat. Man hört das dem Album denke ich auch an: alles hat einen gewissen Flow, eine bestimmte Energie. Es wird nie langweilig, sondern…

… haut dir permanent eine rein.

Genau! Richtige Knaller eben (lacht).

Ich war auch sehr überrascht, als ich schon vor Monaten das komplett fertige Album von eurem Label bekommen habe. „Das ging ja schnell“, dachte ich mir. Seitdem höre ich es ständig, weil es so großartig ist. Es klingt so ganz anders als eure letzten Alben, viel weniger düster und hardcorig, dafür sehr eingängig und punk rocky.

Ich finde es hat eher den Vibe unseres ersten Albums „Orchestra of Wolves“. Bei der letzten Platte hatten wir uns etwas in der Idee von „Grey Britain“ verloren. „Gallows“ hat wieder mehr eingängige Choruses, Melodien und geht insgesamt einfach mehr nach vorne. Damit können sicherlich mehr Leute wieder etwas anfangen.

Gab es denn fürs neue Album eine Art Konzept oder eine Idee, die dem ganzen zugrunde liegt? Ich hatte so das Gefühl…

Wirklich? Ich denke eher, dass jeder der Songs für sich steht… Aber was ist dein Eindruck?

Für mich zieht sich durch alle Songs des Albums das, was Wade neulich auf Twitter geschrieben hat: „Live the life you sing about“. Diese Idee, dass man nicht nur über Sachen sprechen oder singen sollte, sondern sie vor allem auch im eigenen Leben umsetzt. Also mehr Action, weniger Agitation.

Stimmt schon, ja. Ich denke, „Gallows“ ist ein sehr ehrliche Platte geworden. Die allererste Zeile im ersten Song „Victim Culture“ bringt es auf den Punkt: „In us we trust“.

Ich hab mir sogar ein T-Shirt mit dieser Zeile gemacht, nur für heute Abend. Eine der großartigsten Textzeilen von euch ever, finde ich.

Viele Leute sagen: „Gallows ohne Frank kann einpacken, er war die Band und die anderen vier sind garnichts“. Aber wir wussten immer: wir vier waren immer diejenigen, die die Musik geschrieben haben. Und am Ende des Tages können wir deshalb immer noch genau die Musik machen, die wir machen wollen, weil wir uns unseren Fähigkeiten bewusst sind. Wenn wir Fans verlieren, ist das so – dafür gewinnen wir auch wieder neue dazu.

Ich finde aber auch: das ist einerseits eine sehr persönliche Platte geworden, mit deren Inhalten viele Leute etwas anfangen können, die aber gleichzeitig auch politisch ausgerichtet ist. Gerade was die Lyrics und das Cover-Artwork im Pussy Riot-Style angeht.

Die meisten Punk Rock-Bands – wenn sie denn gut sind – bieten einen persönlichen Anknüpfungspunkt für ihre Hörer. Einer der Gründe, warum Wade zugestimmt hat, bei uns einzusteigen, war dass er sich mit unserer Musik identifizieren konnte, obwohl er auf der anderen Seite der Welt in einem völlig anderen Umfeld lebt.

Was können wir von eurem Auftritt heute Abend im Grünspan erwarten?

Heute könnte es etwas merkwürdig werden. Eigentlich sollten wir unsere eigene Show im Logo spielen, aber jetzt sind wir ein Teil des Reeperbahn Festivals. Also keine Ahnung, wie das so werden wird. Die Show ist ziemlich spät, Stu und ich werden also vermutlich etwas betrunken sein, weil wir in den Bars hier in der Gegend rumhängen werden. Wenn wir es schaffen, schauen wir uns noch Turbowolf im Molotow an und Lights aus Kanada, eine Singer-Songwriterin.

Und zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was war dein Konzert-Highlight als Fan, an da du dich gerne erinnerst?

Ich war vor über zehn Jahren mal auf einem Hardcorekonzert von Great und As Friends Rust. 2000 oder sogar 1999 müsste das gewesen sein. Ich war total in Liebe mit den beiden Alben dieser Bands und bin im Moshpit völlig ausgerastet. Heute mache ich das nicht mehr, dafür bin ich vermutlich einfach zu alt (lacht). So wie ich mit Gallows auf der Bühne abgehe, das ist schon das höchste der Gefühle in Sachen Abschnallen.

Das reicht ja auch schon! Ich erinnere mich an Menschenpyramiden in Dortmund letztes Jahr… Und an Frank, der sich vom Balkon im FZW in die Menge wirft. Gut, das wird Wade vermutlich nicht gerade machen…

Nein, eher nicht (lacht). Damals ging es uns eher ums pure Chaos, heute dann doch mehr um die Musik. Zum Ende der Frank-Ära bei Gallows wurden die Auftritte mehr und mehr zur Zirkusshow. Die Erwartung der Leute war dann entsprechend auch eher: „Mal sehen was diesmal beim Gallows-Gig passiert“. Jetzt ist es eher: „Lass uns mal deren Songs live auschecken und einfach eine gute Zeit haben“.

Interview: Marion Müller-Klausch


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