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„Mein „Ich“ sollte auf den Rücksitz“

Unser jüngstes Album der Woche mit der Option auf einen Platz unter den ersten drei Alben des Jahres stammt von Textor (14. März | Kampnagel | concert-news präsentiert), der auf „Schwarz Gold Blau“ jetzt einen sehr anderen, sehr viel düstereren Ansatz entblättert, als noch zu Zeiten von Kinderzimmer Productions. Wir haben mal versucht, gemeinsam etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Hallo Henrik von Holtum!

Das von dir beschriebene Großraumdissen-Szenario ist eigentlich zu schön, um nicht dabei gewesen zu sein. Hast du an solchen Orten eine Vergangenheit von der du eigentlich selbst nichts mehr wissen möchtest?

Ich habe da mal reingeschaut, bin aber nicht geblieben. Der Bezug kommt eher daher, das ich lange ganz in der Nähe der letzten 24h-Tanke vor dem Industriegebiet gewohnt habe, also der Einflugschneise zu ein paar solcher Läden. Ich habe die Jungs beobachtet  und ihre  Gespräche überhört, bevor sie da raus gefahren sind. Und manchmal wenn ich vom Ausgehen zurück kam habe ich sie dann auf ihrem Nachhauseweg wieder getroffen.

Mal zitierst du Die Sterne, später bringst du Truck Stop, Henry Valentino, den Komponisten Franz Grothe (!) und Tocotronic in einem Atemzug unter. Das wirkt auf mich wie kleine Rettungsringe in der tiefgrauen oberflächlichen Umgebung des Bösen, das du auf dem Album beschreibst.

Es ist eher ein „Mit-dem-Strampeln-aufhören“ und beobachten wer wie agiert und reagiert. Ich weiß nicht ob es das Böse ist, was mich da umgeben hat, aber es hat sich schon angefühlt wie jenseits des Guten und kein Weg da weg. Ich habe Tocotronic und die Sterne schon als Erleichterung begriffen.

„Schwarz Gold Blau“ wirkt auf mich über weite Strecken wie Sprechgesang 2.0, ähnlich einem Hörspiel, das vielleicht auch mit rein gesprochenen Textpassagen funktioniert hätte. Gab es diesen Gedanken in der Entstehung?

Schön das man die Geschichte durchspürt, der inhaltliche Zusammenhang ist ja eher lose. Ich wollte das Album singen, weil ich auch wollte dass man es mitsingen kann. Mein „Ich“ sollte auf den Rücksitz.

„Neu Ulm“ erzählt  keine Geschichte sondern gibt dem undefinierten Ziel einen weiten Weg. Überhaupt kehrt das Thema Autobahn auf dem Album wieder. An anderer Stelle wirkt „Schwarz Gold Blau“ wieder wie ein Kammerspiel. In welcher Umgebung sind denn die Stücke entstanden?

Es ist Musik für kleine Räume, also Plätze an denen man gut mit sich ist. Autos haben den großen Vorteil, dass man nicht nur mit sich ist sondern auch noch in Bewegung. ich habe auch immer viel in Zügen geschrieben und in Tourbussen gedacht.

„Die Hölle ist in Sinsheim …“ zitierst du in „Fahr mich nach Hause“ quasi die Vorhölle aller empathisch geprägten Fußballfreunde.

Ich habe mich auf dem Album viel mit angeblichen Unorten auseinander gesetzt, dass Sinsheim eine Aufladung hat wusste ich gar nicht. Ich fühle mich eher umstellt von symbolträchtigen Orten erstarrter Traditionen, ob man dann noch einen dazu betonieren muss weiß ich nicht. Ich möchte in Bewegung bleiben, aber eine Posse und ein zu Hause wären schön.

Eure Instrumentierung klingt oft nach einer quälenden Mühle und senkt sich zum Beispiel „Vorm Schleckermarkt“ in die Niederungen der Melancholie. Obwohl das Thema ein ganz anderes ist: War der Titel genau zu der Zeit entstanden, als es mit der SM-Kette gerade steil bergab ging? Die Wirkung verstärkt sich ja schon sehr dadurch.

Nein, das Stück ist viel älter. Für mich war die omnipräsenten Schleckermärkte eher Trutzburgen einer ewigen Cheapness, ich dachte die Dinger wären für immer und dann bewegt es sich doch. Ich empfinde Melancholie als Erleichterung und als ein Ende des Quälenden und als eine Qualität, die genau wie Humor in allem als Spurenelement enthalten sein sollte, Melancholie macht tiefer und dreidimensionaler, Humor nimmt das Blei aus der Mischung. Aber „senken“ finde ich schön, eine Instrumentierung die sich wie ein Abend über alles senkt.

„Kreuzberger Nächte“ ist ein Geniestreich der Inkonsequenz mit relativ offenem Ende, der den allnächtlichen Rausch hinterfragt. Trotzdem gelingt es dir, den erhobenen Zeigefinger in jedem Moment zu vermeiden? War das eine Schwierigkeit beim Schreiben, nicht in eine „Keine macht den Drogen“-Dynamik zu geraten?

Das mit dem Zeigefingern hatte ich ja noch nie so drauf, also wäre es eher schwierig gewesen jetzt damit anzufangen. Es geht ja auch nicht um Drogen, sondern um die Frage „Was zum Teufel tue ich hier“. Die Frage stellt man sich oft genug auch ohne chemische Hilfe.

Interview: (kel)



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