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Interview: Stefan Malzkorn (Fotograf)

Stefan MalzkornStefan Malzkorn ist einer der umtriebigsten Musikfotografen vor den Hamburger Bühnen und auf den unzähligen Festivals in und um die Stadt. Seit über zwanzig Jahren hält er in fantastischen Bildern fest, was uns allabendlich begeistert – die Bands, die Musiker, die Atmosphäre. Jeder Musikliebhaber hat schon einmal mithilfe seiner Fotos zurückgeschaut auf DEN tollen Konzertmoment, er bebildert zum Beispiel Konzertreviews der Hamburger Morgenpost oder liefert das visuelle Begleitmaterial zum schönsten Stadtfestival, dem Reeperbahnfestival. Seit letztem Jahr vertreibt er in Eigenregie einen Fotokalender mit seinen Lieblingsmotiven.

Jetzt steht ein neues Projekt an: Stefan Malzkorn stöbert bereits jetzt ganz tief in seinem umfangreichen Archiv und bereitet eine große Musikfotoausstellung vor, in deren Genuss wir noch dieses Jahr kommen werden. Beginnend am Reeperbahnfestival-Wochenende im September wird unser liebstes Hobby, unsere Leidenschaft „Musik“ dann nicht nur hör- sondern auch sichtbar: Malzkorn’s Rock’n’Roll! Aber dazu später mehr.

Als Fotograf kommuniziert er in Bildern – hier und heute lassen wir ihn zu Wort kommen:

Wie kamst Du zur Fotografie, wann hattest Du erstmals eine Kamera in der Hand?

Das ist eine Geschichte, die lange zurückliegt – die erste Kamera war ein Weihnachtsgeschenk meiner Großeltern an meine Schwester und mich, ich glaube, so 1970 – eine Agfa-Kassettenkamera; Highlight war ein Blitzwürfel, der sich mit jeder Aufnahme auf der Kamera mitdrehte und aus vier Einmal-Blitzen bestand; ich glaube, ein sündhaft teures Gimmick.

Irgendwann habe ich dann von meinem Vater seine 60er-Jahre Voigtländer-Vito übernommen, eine „echte“ Kleinbildkamera, natürlich ohne Spiegel und Zeiten sowie Blende mussten manuell eingestellt werden. Diese Kamera war die Grundlage für einen Laborkursus im Kunstunterricht.

Der eigentliche Beginn meiner Lust am Fotografieren war aber die Spiegelreflexkamera meiner Kunstlehrerin und Abi-Tutorin – daraufhin habe ich dann 1982 zum Abitur eine Olympus Spiegelreflexkamera geschenkt bekommen. Mit der habe ich gerne fotografiert, während der Ausbildung, auf Reisen – nicht süchtig, aber wenn ich Bilder gemacht habe, dann gerne. Ich habe während des Studiums sogar mal einen zweiten Platz in einem Wettbewerb der Studentenwerke gemacht.

Der Einstieg in die professionelle Fotografie ist dann eng verknüpft mit Musik gewesen: 1991 haben Freunde von mir ein Fanzine begonnen – und ich bin dann mit auf Konzerte gegangen und habe für das „Heft“ fotografiert. Das hat sich dann ziemlich schnell verselbständigt, auch weil ich den Trieb hatte, veröffentlichen zu wollen.

Worauf richtest Du Dein Objektiv außerhalb der Musikwelt und wo liegt Dein fotografischer Schwerpunkt?

Menschen, Menschen und Menschen. Tatsächlich halte ich Portraitieren inzwischen für eine eigene, selbständige Kunstform.

Wovon lässt Du Dich inspirieren?

Menschen, Menschen und Menschen; das ist immer mit einem großen Maß an Improvisation verbunden.

Wie bereitest Du Dich auf ein Shooting, einen Einsatz vor?

Irgendwie: nie. Jedenfalls war das mal so – und das ist natürlich nicht richtig, auch nicht in der Vergangenheit. Im Prinzip bin ich immer vorbereitet, die Fototasche ist schon so ausgestattet, dass ich vielen Eventualitäten begegnen kann. Außerdem habe ich immer eine Lichtanlage bereit, die ich sehr oft einsetze – natürlich nicht im Konzert; aber eigenes Licht bietet ein hohes Maß an Gestaltungsmöglichkeit und fotografischer Sicherheit.

Ich muss auch eine Bemerkung zu dem Begriff „Shooting“ machen, den ich selber nie verwende und auf den ich gerne reagiere, um deutlich zu machen, wie ich denke. Ich schieße grundsätzlich nicht, und erst recht nicht auf Menschen. Natürlich orientiert sich der Begriff am Zielen und Abdrücken – ich assoziiere ihn aber eher mit Militarismus. Für mich selber aber ist meine Fotografie mein Kommunikationsmittel.

Worin besteht die Herausforderung beim Arbeiten im Fotograben auf Konzerten?

Auf engstem Raum, in direkter Tuchfühlung zu anderen Fotografen, Publikum und Security-Personal, in sehr kurzer Zeit: Trotzdem zu gestalten.

Hast Du eine Lieblingslocation zum Arbeiten?

Eine Lieblings-Konzerthalle?

Genau.

Dann die Fabrik; das ist ein bisschen nach-Hause-kommen; da kenne ich fast jeden, und oft bleibe ich hinten am Tresen stehen, weil ich dort Freunde treffe.

Was macht für Dich die Arbeit als Fotograf aus?

Im Leben sein, in der Zeit – Zeit festzuhalten. Menschen festzuhalten. Ich sage immer wieder, das ich „versuche“ zu fotografieren. Das ist jedes Mal neu, auch in der Wiederholung. Immer wieder neu, auch nach dem zwölften Element of Crime-Konzert. Immer wieder neu. Auch nach dem fünften David Wyndorf-Portrait. Immer wieder neu.

Was war Dein bisher schönster Auftrag, welchen würdest Du gern einmal realisieren?

Auftrag: da will jemand Anderes etwas bekommen und dafür beauftragt er. Vielleicht sollten wir von schönen Bildern, beeindruckenden Menschen, lustvoller Arbeit sprechen; Arbeit, die durch die Lust eben nur noch wenig Arbeit ist. Das gibt es immer wieder und das ist es auch, was mich „bei der Stange“ hält.

Es gibt für mich ein sehr leidenschaftliches Moment, ein Moment, der bedeutet, dass ich auch in den widrigsten (eigenen) Situationen noch Bilder machen kann – das ist Talent und Fluch und Segen zugleich.

Wirklich gerne ausbauen möchte ich immer noch meine Portraitfotografie – und auch meine Versuche in der Food-Fotografie; bei letzterem wünsche ich mir tatsächlich mal, ein Kochbuch zu gestalten.

Und um dann doch eine Antwort auf den ersten Teil der Frage zu geben: wahrscheinlich Björk 1995, weil meine erste Tochter grade geboren worden war, ich da erstmals eigenes Licht hatte, der Termin erst abgesagt und dann zugesagt worden ist, weil ich nach Dresden geflogen worden bin, weil wir in einem wunderbaren, alten Gewächshaus alleine waren, weil sie so nah und so entfernt war – und ich so nah und entfernt war. Weil alles irgendwie verwunschen war und dann waren nachher die Bilder schön und die Plattenfirma hat sie gekauft und ich habe das erste Mal ein großes Honorar bekommen und Jahre später hat sie ein Bild für ihr ganz eigenes Buch ausgesucht. Und – ja – der Tag ist in vielen Details bei mir erhalten, in meinem eigenen „Kopfkino“.

Welcher Künstler hat Dich am meisten überrascht und wieso?

Wieder: Björk. Aber auch hier muss ich wieder ganz klar sagen, dass jeder Tag neu ist und immer wieder überraschend ist: Das ich das Radio im Auto höre und über das Programm der Roskilde-Roadshow berichtet wird und dann hört man einen Act wie Woodkid und stellt das Radio laut und lauter.

Was magst Du an der Hamburger Konzertlandschaft?

Dass es so viele leidenschaftliche Menschen gibt, dass die Klub-Dichte unvergleichlich eng ist, in Laufentfernung – dass das mein Kiez ist, die Leute, die ich kenne und dass KEINER der Beteiligten etwas vorspielt, vormacht. Es ist so unhierarchisch und eher ein Teilen und irgendwie entfernt von Hierarchien.

Was hat es mit der bereits erwähnten Ausstellung auf sich? Erzähl’ uns davon?

In der Präsentation, die ich geschrieben habe, steht folgende Einleitung:

Rock’n’Roll: das ist kein bestimmter Musikstil, das ist Ausdruck eines Lebensgefühls und einer Lebensphilosophie, das ist der Drang, auf eine Bühne zu gehen, das ist der Moment, „es passieren zu lassen“ – sich auszuliefern, sich zu zeigen: Live – Lebendig.

Ein Song gräbt sich unter der Haut ein, er wird Teil der eigenen Geschichte – er erzählt die Geschichte eines Gefühls; immer wieder abrufbar.

Musik als Kunstform findet in der Zeit statt, sie hat einen Anfang, eine Mitte, ein Ende.

Fotografie ist der Augenblick, die gefrorene Zeit. Fotografie ist in der Zeit – sie kann nicht vor der Zeit und sie kann nicht nach der Zeit sein. Natürlich ist sie ein Kunstmedium, sie ist manipulierbar – und diese Manipulierbarkeit ist heute erst recht im allgemeinen Bewusstsein angekommen.

Trotzdem ist ein fotografisches Bild ein Bild, das dem Festhalten der Zeit am Nächsten kommt – ein Bild, das stehen bleibt und dem Betrachter die Zeit zum eigenen Wahrnehmen lässt. Ein fotografisches Bild ist ein lesbares Dokument, ein Zeitdokument – und enthält einen historischen Wert.

Ich selber fühle mich inzwischen als Teil des Rock’n’Rolls, manchmal denke ich, dass ich, je älter ich werde, desto mehr lebe ich das – und ich bin nicht derjenige, der sich hinter seiner Kamera versteckt, sondern ich gehe selber auf eine Bühne – meine Sozialisation als „Künstler“ ist mehr in der Musik als in der Bildenden Kunst. Ich stelle Bilder zu 20 Jahren Musikkultur in Hamburg aus – und das sind 20 bewegte, auch wilde Jahre; und gleichzeitig suche ich den Brückenschlag von der Musik zur Fotografie und von der Fotografie zur Musik. Ich finde es großartig, beim Reeperbahnfestival die Ausstellung beginnen zu können – und ich finde es großartig, die Ausstellung in Musik einzubetten und nicht einfach nur hingehängte Bilder zu zeigen. Entsprechend planen wir ein Musikprogramm – während des Festivals, aber auch über das Festival hinaus, das in der Ausstellung [vom 25.09. bis 24.10.2013, Anm. d. Red.] stattfinden wird.

Wie oder wonach wählst Du die Motive aus Deiner unfassbar großen und umfangreichen Sammlung für die Ausstellung aus? Wo liegt der Schwerpunkt?

Das (fast) einzige Kriterium sind gute Bilder – aber natürlich gibt es auch Bilder, mit denen ich als Bildermacher nicht mehr wirklich einverstanden bin, deren historischen Wert ich aber sehe – und die auch Teil meiner Entwicklung sind. Später in der Ausstellung ist es dann wichtig wie die Bilder zueinander stehen: Bilder können sich gegenseitig in der Wirkung verkleinern, sie können aber durch die Hängung auch viel stärker werden. Da kann es sein, dass Lieblingsbilder nicht aufgehängt werden, weil sie nicht in die Reihe der anderen Motive passen.

Schwerpunkt ist natürlich Pop, Rock, Rock’n’Roll. In dieser Ausstellung werde ich aber ziemlich sicher Portraits und Live-Bilder gleichberechtigt zeigen.

Hast Du einen Traumjob?

Inzwischen: JA!

Fantastisch. Herzlichen Dank und viel Erfolg für die Ausstellung!

Interview: Carina Rudolph
Fotos: Stefan Malzkorn



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