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Das ging ins E.A.R. – Kashmir im Interview

Wenn sich die U-Bahn nachts durch die Eingeweide der Stadt frisst, dann ist es perfekt. Neonbeleuchtung, alle paar Minuten spuckt sie Menschen auf Bahnsteige, Unbekannte, Gesichter, Hüllen in unterschiedlichster Verfassung. Münder, die sich bewegen, aber man hört nichts durch die Kopfhörer, die die Ohren umschlingen. Alles, was man hört ist der perfekte Soundtrack dazu.

Kashmir’s „E.A.R„., da klingt ein sehnsüchtiges Suchen in „Peace in the heart“, „Seraphina“ reiht sich ein in die geliebten Single Klassiker á la „Kalifornia“ oder „Melpomene“. Da sind sie also wieder die unterschätzten Dänen. Vor ihrem Konzert im Übel & Gefährlich trafen wir Asger und Henrik zum Interview. Noch mit der U-Bahn im E.A.R. ging’s los.

Was denkt ihr, was ist die beste Situation oder der beste Ort um sich eure Musik anzuhören?

Asger: Das kommt darauf an, was für ein Mensch man ist. Ich mache das immer erst mal allein. So ein richtiges Album, mit dem ganzen Artwork, dem Booklet und ich selbst ganz allein, abends, auf der Couch.

Henrik: Unsere Musik war tatsächlich immer gut um unterwegs zu sein. Nachts in seinem Auto, beim Fahren. „No Balance Palace“ hatte das auch, so eine gute Geschwindigkeit zum Reisen. Wir haben tatsächlich auf dem neuen Album ein paar U-Bahn Samples und Soundbites in „Piece Of The Sun“.

Apropos Samples, Vibes und Input. Ihr habt schon mit David Bowie und Lou Reed aufgenommen, wer wäre noch ein gern gesehener Gast auf einem Kashmir Album?

Asger: Naja, mal ehrlich, man muss sich da schon fragen: was soll nach den beiden noch kommen? Wir wollten uns für dieses Album nur auf uns vier konzentrieren, darum haben wir es auch wieder selbst produziert. Nur wir vier haben alles gemacht. Das letzte Mal hatten wir das zu den Aufnahmen von „Zitilites“.

Henrik: Wir haben uns aufgeteilt und in 2er Teams aufgenommen. Asger und ich haben viel zusammen gemacht und am Ende haben wir dann alles zusammen geworfen, was dem Ganzen eine neue, ganz eigene Dynamik gegeben hat.

Ihr habt ja auch ganz gemischt Instrumente aufgenommen, die vielleicht nicht unbedingt eurer eigentlichen Arbeitsplatzbeschreibung entsprechen. Eine Folge besagter Dynamik?

Henrik (lacht): Ja, es muss nicht immer der ‚Spezialist‘ derjenige sein, der das Instrument dann spielt.

Asger: Henrik hat beispielsweise das Schlagzeug bei „This Love, This Love“ eingespielt. Henrik spielt Schlagzeug! Ich liebe es, wie er es spielt und ich selbst kann es gar nicht so spielen, wie er, weil meine Art Schlagzeug zu spielen ganz anders ist. Da denke ich mir schon ‚verdammt‘!

Henrik: Aber er lernt es jetzt. Langsam, sehr langsam und am Ende der Tour haben wir dann vielleicht was Brauchbares.

Asger (lacht): Ja, Beat für Beat. Wir hatten gestern ein kleines Konzert in Kopenhagen um Arrangements für die Tour zu testen und es passt einfach, ohne dass wir auf der Bühne immer im Kreis laufen und Instrumente wechseln.

Also keine Überraschungen heute Abend?

Asger: Ein paar Leute werden vielleicht überrascht sein, dass es ruhiger wird, als in der Vergangenheit. Wir versuchen die Stimmung von „E.A.R.“ zu transportieren.

Henrik: Genau, wir sind keine Rockband! Manchmal…

Wenn ihr das Album jetzt noch mal aufnehmen könntet, würdet ihr irgendetwas anders machen? Würde Asger vielleicht singen?

Asger lachend: Oh ja. Wenn wir es noch mal aufnehmen würden, dann würde es komplett anders klingen. Wenn ein Album fertig ist, dann ist das immer eine Art Momentaufnahme. Ein Tagebuchauszug und man assoziiert damit, wer und wo man zu dieser Zeit gerade war.

Und am Ende der Tour ist es dann gefühlt wieder ganz anders?

Henrik: Ja, das ist das Tolle daran. Es entwickelt sich, es baut automatisch eine ganz neue Welt um sich herum, Stück für Stück wird es  immer grösser und detailreicher.

Eine Frage noch, weil es mir auffiel, „Seraphina“, „Ophelia“, „Melpomene“, wie groß ist der Einfluss von Mythologie oder klassischer Literatur auf euer Songwriting?

Henrik: Das ist in der Tat nur Zufall. Asger und ich haben „Seraphina“ als diesen rein instrumentalen Bastard angefangen, der anfangs nicht wusste, wo er hin wollte. Dann kam Kasper und brauchte etwas, das er über den Refrain singen konnte und da war das Wort Seraphina einfach da. Es hat dann erst hinterher irgendwie Sinn gemacht, als der Song fertig war. Mit „Melpomene“ war das genauso.

Asger: Ja, manchmal braucht es eben nur diese eine winzige Kleinigkeit um etwas anzufachen. Diesen einen kleinen Funken für das Strohfeuer. Bis alles lichterloh brennt.

Selbst im Interview sind sie also noch poetisch. Nur eben keine Rockband mehr? Stille Wasser sind tief, meines an diesem Nachmittag eine ganze PET Flaschenlänge und Kashmir`s neue Stille? Wer da war, wird beipflichten: die sind sehr wohl noch eine Rockband und was für eine Gute. Neben neuen Songs wie „Blood Beech“, „Piece Of The Sun“, „Peace In The Heart“ oder dem Übungsstück „This Love, This Love“ waren auch viele alte Geliebte gekommen. „Melpomene“, die „Rocket Brothers“, „The Cynic“, „Mouthful Of Wasps“ und und und. “Seraphina” schließlich kam im Akustikgewand, so, wie sie selbst es lieb gewonnen haben, seit ihrem Auftritt bei TV Noir.

Ein Abend, der rundum glücklich machte, auch noch lange danach, als sich die nimmer satte, stählerne Raupe schon wieder ihren Weg nach Hause fraß.

Interview: Marc Hermann


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