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Fragen über Fragen: Ásgeir Trausti

Sommer am Niederrhein, Sonnenbrand auf Nase und Rücken, Sonnenhut auf dem Kopf um diesen vor selbigem zu schützen. Die Frage im Hinterkopf, wie ein Isländer wohl diese Temperaturen erträgt. Die Antwort folgt auf Anhieb, als Ásgeir Trausti (gesprochen ungefähr so: Ausgier Troisti – Reeperbahnfestival, 26. September, Imperialtheater) aus dem Tourbus voller Isländer steigt: über seinem T-Shirt trägt er eine dicke Weste und eine Wollmütze ziert seinen Kopf. Vermutlich seine Art, sich vor der Sonne zu schützen.

Während in der übervollen Haldern Pop Bar Ben Caplan ein paar Ständchen singt, suchen wir uns ein schattiges und ruhiges Plätzchen neben der Dorfkirche, um ein wenig über den guten Vibe auf dem Haldern, sein Album „Dýrð í dauðaþögn“, die englische Version „In The Silence“ und den ganzen isländischen Rest zu plaudern.

Wie er mir erzählte, waren sie auf Promotour in Großbritannien, sind erst kurz vor dem Festival angekommen und würden nach einem kurzen Stopover in Reykjavik als Support von Of Monsters And Men auf Europatour gehen.  In seiner Heimat sind beide sowas wie Stars, jedoch dürfte es auch für ihn etwas besonderes sein, mit ihnen auf Tour zu gehen.

Ja, das ist es, vor allem weil man die Möglichkeit hat, vor vielen Menschen und an Orten zu spielen die man noch nicht gesehen hat. Wir haben schonmal im Dezember mit ihnen gespielt und da waren 3000 – 5000 Leute. Es ist irre zu sehen wie groß sie geworden sind, da sie in Amerika schon vor 20 000 Leuten spielen.

Die Musikwelt schaut ja momentan auf Island, atmet diese Musikszene ein. Glaubst du, dass gerade die isländische Musik etwas besonderes ist?

Ja, definitiv, auf verschiedene Art und Weise. Wenn du dir anschaust, wie klein unser Land und die Musik-Community ist – hier wohnen 320 000 Menschen. Es gibt keinen Mainstream, nur den Mainstream aus den amerikanischen Charts. Die Menschen in Island können die Musik hier ausleben, können etwas einzigartiges schaffen. Musik mit Seele, Musik die Spaß macht, ohne Zwang.

Wolltest du auch schon immer Musik machen?

Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Meine Mutter spielt Orgel in der Kirche, mein Vater spielt Akkordeon. Alle meine Geschwister beschäftigen sich mit Musik und spielen Instrumente. Also war Musik immer da, sodass ich mit sechs Jahren anfing  klassische Gitarre zu spielen, brachte mir selbst Klavier und Schlagzeug bei und fing an meine eigene Musik zu schreiben. Musik macht wohl den größten Teil meines Lebens aus. Aber ernst wurde es erst vor anderthalb Jahren.

Wie kam es dazu?

Eigentlich habe ich meine Musik immer nur für Familie und Freunde aufgenommen. Vor drei Jahren fing ich dann an, die Sachen besser zu spielen, sie in einer guten Qualität aufzunehmen. Irgendwann habe ich das einem meiner besten Freunde gezeigt, der meinte, dass ich da mehr draus machen und einen Produzenten kontaktieren muss. Das tat ich am selben Abend. Kurze Zeit später fingen wir an, zusammen ein Album aufzunehmen.

Und schwupps warst du ein Star in Island! Ist es einfach, in Island „berühmt“ zu werden?

Es hilft, so eine kleine Musik-Community zu haben. Jeder kennt jeden und jeder kommt auf die Konzerte. Aber niemand rennt dir hinterher, wenn du über die Straße gehst und niemand fotografiert dich, wenn du betrunken bist.

Letztes Jahr hast du im KEX-Hostel während des Iceland Airwaves gespielt, wo eine Menge aufgeregte Mädchen in den ersten Reihen standen.

Da kann ich mich gar nicht dran erinnern. (das verschmitzt-schüchterne Grinsen muss ich nicht erwähnen)

Schnell ablenken und die nächste Frage stellen: Dein Album „Dýrð í dauðaþögn“ (engl. „In The Silence“) wurde zunächst auf isländisch veröffentlicht. Aber es gibt auch Pläne, ein englisches Album aufzunehmen, oder?

Als wir anfingen, das Album aufzunehmen, war die Idee erst die isländische Version und dann auch eine englische Version zu veröffentlichen. Wir haben dann die Reaktionen in Island abgewartet und dann entschieden, wirklich die englische Version zu machen. Auch weil einige Labels außerhalb von Island an der Musik interessiert waren, aber wollten, dass es in englisch veröffentlicht wird. So haben wir uns mit John Grant zusammengetan, der das ganze Album übersetzte. („In The Silence“ wird vorraussichtlich am 1. November  erscheinen)

Worum geht es in den Texten, erzählst du Geschichten und war es schwer, das zu übersetzten?

Es ist eher poetisch und atmosphärisch, keine stringenten Handlungen. Für Isländer ist es oft schwieriger isländische Musik zu hören, als für Menschen die die Sprache nicht verstehen, denn nicht jedes Wort hat eine zusammenhängende Bedeutung. Die Zuhörer können für sich selbst entscheiden, was es zu bedeuten hat. Aber die Texte sind ganz eng verknüpft mit Natur, Landschaften und Atmosphäre.

Das ist eigentlich das, was man von isländischer Musik erwartet bzw. kennt. Dass Musik, Texte und Atmosphäre eine Einheit bilden.

Die meisten isländischen Musiker denken, dass es nicht nötig ist, isländische Texte zu übersetzten. Ich finde, dass da ein bisschen der Zauber verloren geht, auch wenn die englischen Texte fast wortwörtlich den isländischen entsprechen. Wenn die Leute die Sprache nicht kennen, konzentrieren sie sich voll und ganz auf die Musik. Es sollte keine Regeln geben, wie man etwas singen oder schreiben soll. Denn wichtig ist diese Einheit.

Wirst du auf englisch singen auf der Tour?

Ja, nach dem Release des englischsprachigen Albums. Aber wir werden das mixen, ein paar Songs in isländisch, ein paar in englisch. Weil es da draußen Menschen gibt, die das Isländische gern hören wollen.

Welche Rolle spielte dein Vater beim Schreiben der Lyrics?

Mein Vater ist ein alter Mann, der in einem kleinen Dorf mit vierzig Einwohnern wohnt und Gedichte schreibt seit er ein kleiner Junge ist. Er hat außerdem fünfzig Jahre lang isländisch gelehrt, einige Bücher und für viele isländische Künstler die Lyrics geschrieben. Ich hätte mir niemand anderen vorstellen können für meine Texte.

Das ist eine Seite die man immer wieder über Island hört, dass viele Menschen schreiben, Gedichte schreiben.

Ja, man wächst damit auf. Die meisten von uns kommen aus kleinen Dörfern, wo man sich eben selbst beschäftigen muss. So verbringen die Familien häufig die Nachmittage mit musizieren, Geschichten schreiben, Geschichten erzählen. Das hat eine lange Tradition und ist in unserer Kultur fest verankert. Und ich denke das ist auch das Besondere an isländischer Musik, die Sprache, der Umgang mit ihr. Das macht das ganze zu etwas einzigartigem.

Danke dir für das Gespräch!

Danke dir und schönen Urlaub!

Überaus sympathisch und angenehm wirkte das Gespräch mit Ásgeir noch nach. Entspannt und beseelt schlenderte ich vom Dorfplatz zum Biergarten des Haldern. Und in meinem inneren Ohr hörte ich die Songs vom isländischen Album..auf „Dýrð í dauðaþögn“ begegnet einem schöner sphärischer Folk, der manchmal mit elektronischen Beats unterlegt ist und von Ásgeirs hohem Gesang getragen wird. Poppig, tanzbar, eingängig und wunderschön „Nýfallið regn“, relaxt „Heimförin“, in alter Singer-Songwriter-Manier „Þennan dag“. Für mich muss es keine englische Version geben, reicht die isländische doch aus, Bilder von weiten Hochlandebenen, bemoosten Lavafeldern und rauhen Meeresbuchten in den Kopf zu zaubern. (ms)



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