Ticket-Hotline: 040-343044 (Theaterkasse Schumacher)

SUCHE  

Ganz Anders – Trentemøller im Interview (Teil I)

Vom Abend des 19. Mai 2012 hatte man sich mehr erwartet. Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung hatte mit Bayern München im Champions League Finale gefiebert und war enttäuscht worden. Ein etwas kleinerer Teil der deutschen Bevölkerung fand sich im Uebel & Gefährlich ein um dem dänischen Musiker Anders Trentemøller live auf der Bühne zu erleben. Doch wie er da vor dem DJ-Pult stand, da wollte der Funke nicht überspringen. Denn irgendwie hatte man sich mehr erwartet. Weil er schon so viel tolle Musik veröffentlicht hat. Weil er tolle Remixe von tollen Künstlern gemacht hat. Weil sein Sound irgendwie doch garnicht in die „klassische“ Tanzschublade passt …

Letzte Woche kam dann die Bestätigung, dass er wieder nach Hamburg auf Tour kommen wird. Am 16. November wieder im Uebel und Gefährlich. Präsentiert von yours truly concert-news. Ausserdem erscheint diese Woche sein neues Album „Lost“. Es gab also mehr als genug Gesprächstoff als wir uns Ende Juli mit ihm auf einen Schnack trafen.

Lest hier den ersten Teil des großen Trentemøller Interviews über das Musizieren an sich, die Entstehung des Albums und seine Einflüsse. Morgen gibt es dann Teil 2! HIER geht es zum zweiten Teil!

Hallo Anders, viele Leute nehmen dich als reinen DJ war, dabei performst du auch mit einer Band. Trentemøller, Band oder Solo-DJ?

Tatsächlich trete ich seit einigen Jahren mit meiner Band auf und manchmal eben auch als DJ. Aber das ist wirklich selten geworden. Es sind auch zwei komplett verschiedene Dinge für mich. Wobei mein Fokus definitiv auf der Band liegt.

Das passt zu dem Eindruck, den ich von deinem neuen Album „Lost“ gewonnen habe. Es vermittelt irgendwie ein Band-Feeling, findest du nicht auch?

Ja, stimmt! Auf meinen früheren Alben gab es drei verschiedene Sänger/innen, aber jetzt hat die Hälfte des Albums Vocals. Ich finde das total interessant, dass du von dem Band-Feeling sprichst. Denn weiterhin bin nur ich es, der die Musik macht und die Instrumente spielt. Dass die Musik jetzt so klingt wie sie es tut war ein sehr natürlicher Prozess. Als ich angefangen habe Musik zu machen, habe in allerlei Bands gespielt. Ich komme also garnicht von einem DJ Background, geschweiged denn von einem elektronischen Background. Irgendwann habe ich dann mal angefangen clubbige Musik zu machen, aber hatte immer das Gefühl, dass man noch so viel mehr machen daraus machen könnte. Dann ist die DJ-Sache explodiert, obwohl ich auch andere Sachen zu der Zeit gemacht habe. Ich bin nicht nur ein DJ! (lacht)

Aber so war es auch relativ leicht für mich ein Album wie “Last Resort” zu machen, was ja eher ein Listening Album mit elektronischen Elementen ist. Mein zweites Album war meines Erachtens sogar noch “organischer”. Naja, und jetzt klingt das neue Album so. Das war also in keinster Weise geplant, so als hätte ich mir gesagt: “So, und jetzt mache ich etwas das weniger elektronisch ist.”

Sicherlich spielen da auch die vielen Künstler mit denen du zusammengearbeitet hast eine Rolle. Ich war total überrascht als ich in der Tracklist all diese interessanten Namen gelesen habe. Allen voran eine meiner Lieblingsbands Low. Wie kam es denn zu dieser aussergwöhnlichen Kollaboration?

Ich bin ein Fan seit ihrem Debüt und liebe das “Trust”-Album. Die haben so wahnsinnig viele tolle Lieder! Mimis und Allens Stimmen klingen so gut zusammen. Ich habe die sicher schon sieben Mal live gesehen und das ist immer der Wahnsinn!

Grml, ich hatte leider noch nicht die Chance…

Echt nicht? Das solltest du dringend nachholen! Nun denn, offensichtlich ist “The Dream” etwas besonderes für mich. Ich habe das Stück in einer kalten Winternacht geschrieben und während ich da so vor meinem Klavier saß, stellte ich mir vor wie schön es wäre, wenn Mimi dazu singen würde. Denn obwohl es ein ganz anderer Sound war, hatte das Stück dieses gewisse “Low”-Feeling. Ab dem Moment habe ich das Stück eigentlich für sie weitergeschrieben, ohne dass sie überhaupt etwas davon wusste. Schliesslich habe ich die beiden nie getroffen und kenne sie nur durch deren Musik. Irgendwann habe ich mir dann ein Herz gefasst und ihnen auf Facebook geschrieben. Darauf habe ich aber nie eine Antwort bekommen. Später habe ich herausgefunden, dass Mimi kein Internet macht und noch nicht mal ein Handy hat.

Das ist ja nicht unbedingt verwunderlich.

Überhaupt nicht! Man bedenke deren Musik und wie sie da draussen in Minnesota leben müssen. (lacht) Aber dann habe ich irgendwie den Kontakt zu deren Manager herausfinden können. Dem habe ich dann geschrieben. Er kannte und mochte zum Glück meine Musik. Also habe ich ihm das Stück geschickt und er hat es dann auf eine CD gebrannt und wollte es Mimi geben. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich nicht damit gerechnet, dass irgendwas daraufhin passieren würde. Ich wüsste nicht, dass Low sonst schon mal ein Feature gemacht hätten. Weisst du da was?

Nö, nicht das wüsste. Und wenn, dann ganz sicher nicht in einem „elektronischen“ Umfeld.

Aber dann habe ich eine Mail von dem Manager bekommen und sie hatte dort reingeschrieben, dass sie das Stück total gut fände und sie es noch am selben Abend in ihrem Homestudio einsingen würde. Und ich so: “WOW!”. Das war eine wirklich große Sache für mich.

Was soll ich sagen? Sie hat dann diese fantastischen Vocals aufgenommen und sogar en Text dazu gesschrieben. Allan hat dann noch die Backing Vocals gemacht und mir alles zugeschickt. Mein Instrumental war schon genau so, wie man es heute auf dem Album hört. Aber ich dachte, dass ich sicher noch ein paar Anpassungen machen müsste, sodass es mit ihrem Gesang verschmelzen würde. Aber es passte perfekt! Ich musste nichts verändern!

Wie war das mit den anderen Künstlern? War es da ähnlich? Nehmen wir als Beispiel mal Jonny Pierce von The Drums.

Nein, das war ganz anders. Wir haben uns mal beim Danish National Radio getroffen, wo wir beide Interviews gegeben haben. Anschliessend haben wir uns unterhalten, weil ich deren Debüt-Album mit diesem Surf-Pop-Happy-Ding sehr mag. Wir meinten dann beide, dass wir mal was zusammen machen sollten. Ein Jahr zog ins Land und nichts passierte. Jonny fragte mich aber irgendwann, ob ich nicht ein Remix für sie machen könnte. Ich sagte ihm zu unter der Bedingung, dass er auf meinem neuen Album singen müsse. Er war sofort Feuer und Flamme. Also machte ich den Remix und ein paar Monate später hatte ich das Stück für ihn fertig. Man kennt seine Stimme ja zum Indie-Sound seiner Band und so wollte ich unbedingt ausprobieren wie sie zu einem elektronischen Stück klingt. Das fand er auch spannend und wir haben dann eine Weile gemeinsam an dem Stück gearbeitet. Die ganze Sache war viel mehr auf Künstler-zu-Künstler-Basis. Kein Label, mein Management, kein garnichts.

Hattest du bei deinen Gästen die Sounds der jeweiligen Bands im Kopf? Vielleicht auch nur als grobe Inspiration?

Ja und nein. Natürlich hatte ich beim Schreiben meiner Stücke die Stimmen im Kopf, wusste wie sie klingen und zu was sie fähig sind. Und einige Stücke sind ja auch in gewisser Weise ähnlich zu den Hauptbands meiner Gäste. Aber dann gibt es da auch so ein Stück wie “Deceive” mit Sune Rose Wagner von den Raveonettes. Das Stück ist viel clubbiger als der Rest des Albums und etwas ganz anderes als die Musik, die man von ihr kennt. Ich fand es aufregend, meine Gäste aus ihren Komfortzonen locken und sie etwas Neuem auszusetzen. Aber klar, bei einen Stück wie “Gravity” (mit Jenna Hunter von Lower Dens) hatte ich vielleicht nicht den konkreten Bandsound, aber zumindest ihre Art zu Singen im Kopf. Zumal ich sowieso ein Lower Dens Fan bin und deren neues Album ebenfalls sehr gut finde!

Ich hatte eine interessante Erfahrung als ich hier her geradelt bin. Bisher hatte ich das Album nur abends und im Dunkeln gehört, aber so ein Stück wie “Never Stop Running” funktioniert hervorragend in der Sommersonne!

Ja! Das tut er wirklich! Ich finde auch, dass es das positiveste Stück auf dem Album ist.

Das bringt mich auf meine nächste Frage. In dem PR-Text zum neuen Album steht, dass deine Musik “geisterhaft” wäre und eine dunkle Atmosphäre seit je her in deiner Musik vorherrscht. Stimmt das denn überhaupt?

Hm… Ich glaube auch, dass das neue Album etwas positiver ist im Vergleich zu den anderen. Vielleicht nicht unbedingt positiv, aber etwas heller. Wobei, hell ist auch nicht das richtige Wort ist…

Vielleicht sowas wie hoffnungsvoller? Ein Licht in der weiten Ferne?

Das ist es! Und wieder ist es das etwas, dass natürlich entstanden ist und nicht irgendeinem Plan gefolgt ist. Ich bin sowieso ein schlechter Planer, vor allem wenn es ums Musikmachen geht. Erst wenn ich etwa auf der Hälfte des Schreibflusses bin, erkenne ich meist einen gewissen roten Faden im Sound und weiss welche Wege ich vermutlich weiterverfolgen muss. Ich schreibe und produziere alles alleine, was ein sehr einsamer Prozess ist. Im Studio ist also wirklich niemand da, der mir Feedback geben könnte, vor allem weil ich sehr zurückhaltend bin anderen Leute meine Musik vorzuspielen wenn ich selbst damit noch nicht zurfrieden bin.

Klar, “Never show work in progress!”, Es ist also tatsächlich so wie man sich das vorstellt. Du sitzt da nachts einsam in deinem Studio und schraubst an deiner Musik rum?

Ganz genau! So ist es wirklich! (lacht)

Aber was würdest du denn sagen, wo das Dunkle oder Geisterhafte herkommt?

Es kommt definitiv nicht daher, weil ich traurig bin und die ganze Zeit weine. Aber ich finde, dass dunkle, melancholische Dinge so vielschichtiger sind als andere. Davon werde ich immer wieder inspiriert. Da bin ich sicherlich auch von vielen meiner Lieblingsbands wie Velvet Underground, Joy Division, The Smiths oder The Cure beeinflusst. Sie alle haben ihre Inspiration aus diesen “dunklen” Vibes genommen.

Ausserdem könnte es auch etwas mit der traditionellem Nordisch-Skandinavischen Folkore tun haben, die auch von einem “blue vibe” geprägt ist. Sogar Lieder die vor zweihundert Jahren geschrieben wurden! Die sind alle in Moll und haben dieses dunkle Element in sich. Also vielleicht habe ich das auch einfach in meinem Blut, weil unsere Musik schon immer so klang?

Ja, das klingt tatsächlich einleuchtend. Als Beispiel fällt mir gerade “Hazed” ein, das letzte Stück auf der Platte, welches mich an Sigur Rós erinnert hat.

Defintiv! Die haben das genauso. Da ist es völlig egal ob du Indie-Rock hörst oder etwas Elektronisches, die Grundstimmung ist die Gleiche. Es fühlt sich zumindest ähnlich an.

Mir scheint es auch, als ob da auch einiges musikalisch zusammenwächst. Sigur Rós wurden mit der Zeit auch “elektronischer” und haben mit dem letzten Album auch das Rocken gelernt. Ólafur Arnalds, mit dem ich neulich sprach, entdeckt neben der klassischen Musik auch die Elektronik immer mehr für sich. Du erzählst mir heute, dass du weit mehr bist als ein Electro-DJ. Glaubst du, dass sich da gerade eine Art Trend vollzieht?

Ich versuche nur Musik zu machen, die sich richtig anfühlt. Und ich denke nicht, dass das Teil irgend eines Trends oder einer Entwicklung ist. Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, dass jedes Stück seinen eigenen Sound verlangt. Wenn also ein Stück eine Richtung einschlägt, dann folge ich dem lieber, anstatt mir zu überleben, ob das jetzt in vom Sound her passt. Es geht hier ja im Grunde nur darum gute, qualitative Musik zu machen!

Im zweiten Teil des Interviews geht es um die anstehende Tour, Trentemøller als Live-Act und was ihn mit Hamburg verbindet. Stay tuned! Das formidable Album „Lost“ gibt’s ab morgen im Handel.



Einen Kommentar schreiben