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“Wir trugen Cowboystiefel, Schnurrbärte und Ballonseidenhosen”

Ein Buch über seine Erfahrungen als Musiker zu schreiben ist heutzutage nichts neues mehr. Und dennoch hat Jonnie Schulz, seines Zeichens ehemaliger Drummer der „Butch Meier Band“, seine Geschichten niedergeschrieben. Zusammen mit Audiolith Records und dem Ventil-Verlag erscheint Ende Oktober das Buch „Kein Zutritt für Hinterwäldler – Die Geschichte der Butch Meier Band“. Wir haben uns auf den Weg gemacht und wollten wissen, was dieses Buch denn nun so speziell macht. Herausgekommen ist ein ausschweifendes Gespräch mit dem wirklich sympathischen Autor und ex-Musiker.

Erzähl uns doch erst einmal kurz und knapp: Worum geht es in dem Buch?

Also die Hauptstory ist, wie der Untertitel, „Die Geschichte der Butch Meier Band“, auch schon sagt, geht es um die „Butch Meier Band“, die zwischen 2000 und 2008 ungefähr existiert hat. Es geht um den Werdegang, den ich hier aus meiner Perspektive erzähle. Zum einen sind es Anekdoten aus dem Touralltag und zum anderen soll es allgemein erklären, wie solche Bands im allgemeinen funktionieren, zum Beispiel welche Art von Streitigkeiten es da gibt. Noch grober gesagt geht es um sogenannte Kumpelsysteme und wie diese funktionieren, wie die Leute miteinander umgehen und so weiter. Das alles natürlich mit dem Bezug auf eben diese Band.

Schaut man auf deinen Blog, so findet man dort die Angabe, dass ca. 75% des Buches der Wahrheit entsprechen. Wie viel ist nun wirklich wahr und wie viel entstammt deiner Fantasie?

Diese Rechnung mit den 75% hat der Ventil-Verlag aufgestellt und ich weiß selbst nicht genau, wie sie auf diese Zahl kommen, sie kommt zumindest nicht von mir! Natürlich gibt es ein paar Abdrifter in Fantasiewelten von Seiten des Erzählers, aber die meisten Sachen sind tatsächlich so passiert. Manche davon haben wir uns zusammen gesponnen, aber insgesamt würde ich den Wahrheitsgehalt doch eher zwischen 80-90% ansiedeln.

Wie kamst du auf die Idee deine Erfahrungen aufzuschreiben und zu veröffentlichen? Was genau hat dich dazu bewegt?

Dazu bewegt hat mich hauptsächlich die Tatsache, dass ich einfach so viel Quatsch mit dieser Band erlebt habe, den ich sonst nicht erlebt hätte. Auf den ersten Blick ist es natürlich nicht so originell ein Buch über eine Band zu schreiben. Ich hatte hierbei jedoch den direkten Vergleich, da ich auch Musik in anderen Bands spiele und das, was ich mit der „Butch Meier Band“ an einem Abend erlebt habe, das erlebt man bei anderen Bands in einer ganzen Woche. Sprich es gab viele sehr spezielle Momente, wo wir zum Beispiel auf den räudigsten Punkfestivals Europas gespielt haben, aber andererseits auch bei meiner Oma auf dem Geburtstag und irgendwann haben uns alle aus den Händen gefressen.

Am Anfang wurden wir noch von allen Seiten angefeindet, da wir fast ausschließlich innerhalb der linken Hausbesetzer Szene gespielt haben. Country war damals einfach nicht modern und Johnny Cash hat auch noch gelebt. Und aus ebendiesem Spektrum wurden wir auch am meisten angefeindet, vor allem wegen der uns vorgeworfenen Amerika Verherrlichung. Außerdem passte denen unser ganzes Outfit nicht. Wir trugen Cowboystiefel, Schnurrbärte und Ballonseidenhosen. Damit haben wir am Anfang aber auch für ziemlich viel Verwirrung gesorgt.

Ich habe im Nachhinein gemerkt, dass ich viele Highlights meines Lebens mit dieser Band erlebt habe und es wäre einfach schade gewesen, wenn diese verloren gegangen wären, da viele dieser Momente auch abseits der Bühne geschehen sind. Ich musste diese Erlebnisse dann einfach nur herunter schreiben, was zwar sehr lange gedauert, aber mir auch sehr viel Spaß gebracht hat.

Wie lange hast du insgesamt gebraucht, um das Buch zu schreiben?

Die Idee für das Buch entstand 2008 oder 2009. Ich habe insgesamt 3 Jahre an der Rohversion geschrieben und diese dann nochmal mit Hilfe von außen ein Jahr lang überarbeitet. Und wenn es im Oktober endlich erscheint, waren es von der Idee bis zur Veröffentlichung ungefähr 5 Jahre.

Du hast vorhin schon angesprochen, dass du viel kurioses mit der „Butch Meier Band“ erlebt hast. Aber was war das kurioseste Ereignis?

Schwierige Frage, da gibt es wirklich sehr viel Auswahl. Ich unterteile das in meiner Antwort jetzt mal in Erfolgsmomente und Momente, die wirklich bitter waren.

Ganz am Anfang der Band haben wir noch versucht in der echten Country- und Westernszene Fuß zu fassen und sind beispielsweise in einen Laden in Hamburg gefahren, wo es eine Country und Western „Open Session“ gab. Wir sind dort total überheblich auf die Bühne gekommen, haben nur englische Ansagen gemacht und dachten, dass das Publikum uns frenetisch feiern und total geil finden wird. Dem war aber leider nicht so, denn die Leute dort haben uns gehasst wie die Pest, weil wir einfach zu schlecht waren, aber trotzdem so angebermäßig aufgetreten sind. Das Ganze ist also total nach Hinten losgegangen. Niemand hat applaudiert und der Höhepunkt war dann, dass einer der Gäste aus der letzten Reihe dazwischen rief: „Schonmal an Selbstmord gedacht?“. Das war der mit Abstand schönste Zwischenruf, den wir je hatten und es ist zudem ein Titel eines ganzen Kapitels in meinem Buch.

Ein anderer kurioser Moment passierte uns in Berlin in einem ähnlichen Laden mit dem Namen „Eisbein Eck“, der auch wirklich so aussieht, wie man ihn sich bei dem Namen vorstellt, also sehr rustikal. Hier war auch ein ähnliches Klientel wie in Hamburg anwesend, aber hier haben wir es irgendwie geschafft die Leute für uns zu begeistern. Das war, nach der Erfahrung bei der „Open Session“ in Hamburg, schon ein positiver skuriller Moment. Vor allem, weil ich am Anfang immer Angst hatte, dass wir irgendwann mal auf die Fresse bekommen, wenn wir in solchen Läden auftreten.

War diese Angst denn berechtigt?

Nein, wir haben nie wirklich auf die Fresse bekommen, was wahrscheinlich auch daran lag, dass unser Sänger Türsteher und Kampfsportexperte war. Auch als wir später unsere sogenannte Fleisch-Show gemacht haben, bei denen wir die Leute mit Senf bespritzt haben, hat sich keiner an uns heran getraut. Er hat einfach eine natürlich Autorität ausgestrahlt.

Was war dein Lieblingspart als Musiker der „Butch Meier Band“?

Ich muss dazu anmerken, dass mir die Musik, die wir gespielt haben, gar nicht so viel Spaß gebracht hat. Bei der „Butch Meier Band“ ging es von Anfang an immer eher um die Show. Am meisten Spaß hatte ich jedoch, wenn wir in kleinen Läden aufgetreten sind und einen direkten Draht zum Publikum hatten.

Warum habt ihr überhaupt Country Musik gespielt?

Das wurden wir sehr oft gefragt, aber so genau kann ich das gar nicht beantworten. Country war einfach die bescheuertste Musik, die uns eingefallen ist und zudem damals auch noch die unpopulärste. Als Johnny Cash dann gestorben ist, wurde Country jedoch modern und unser Konzept, die Leute zu schocken, funktionierte dann auch gar nicht mehr.

Als wir angefangen haben, haben wir noch eine Heavy-Metal Playback Show gespielt, das kommt aber im Buch gar nicht vor. Wir sind dann zum Beispiel mit dem Moped auf die Bühne gefahren und solche Sachen. Mit Country haben wir dann angefangen, weil unser Gitarrist einen Großstadtwestern Film gedreht hat und der Hauptdarsteller sich gewünscht hat, dass wir eine Country Version von „Beat me sensless“ von den Circle Jerks als Filmmusik beisteuern. Das haben wir zwar versucht, aber es war nicht wirklich gut. So ist es dann „You can win if you want“ von Modern Talking geworden und am Anfang sind wir wirklich auch nur mit dem Film aufgetreten, aber die Band hat sich dann verselbstständigt.

Also war es auch ein Akt der Provokation, dass ihr Country Musik gemacht habt?

Ja auf jeden Fall! Wir haben damit, besonders am Anfang, das Publikum sehr provoziert, aber auch irgendwo uns selbst. Das Ganze hatte auch irgendwie etwas verbotenes an sich, vor allem, wenn man so rumläuft, dass man denkt man bekommt jeden Augenblick ein paar auf die Schnauze.

Denkt man nach den ganzen Anfeindungen ans aufhören oder habt ihr euch dadurch gedacht „Jetzt erst recht!“?

Also bei den bitteren Momenten, wie beispielsweise bei dieser „Open Session“ in Hamburg, haben wir erst einmal aufgegeben. Konsequent wäre es ja gewesen, wenn wir da jede Woche aufgetaucht wären, bis wir rausgeflogen wären. Das haben wir uns aber irgendwie auch nicht getraut und da hatten wir ehrlich gesagt auch keinen Bock drauf. Wir haben dann ja den anderen Weg eingeschlagen und sind in die Punkszene gewechselt, die wir ja auch privat sehr gut kannten. Die Anfeindungen kamen ja im Endeffekt auch nur von manchen Leuten. Auf einigen Konzerten wurden wir aber auch vorher auf ein Plenum gebeten, wo wir nochmal deutlich machen sollten, dass wir das Alles gar nicht ernst meinten. Aber auch diese Leute fanden uns dann irgendwann lustig. Es hat sich dann auch recht schnell herumgesprochen, wie die ganze Sache gemeint war und ab da hat die Provokation auch nicht mehr richtig funktioniert.

Es gab natürlich auch Momente, wo wir wirklich ans aufhören gedacht haben, aber das war auch an einem Punkt, an dem bei uns nicht mehr viel los war und wir uns eigentlich nur noch selbst reproduziert haben. Da haben wir uns dann auch gegenseitig in die Wolle gekriegt.

Wie kam es dann letztendlich zur Trennung der Band?

Wir haben schon 2007 die besagte Fleisch-Show gemacht, hatten selbstgebaute Instrumente, eine riesige Bühnenshow und haben für unsere Verhältnisse auch relativ viel gespielt. Dieser ganze Aufwand war aber irgendwann einfach nicht mehr zu bewältigen. Es lag am Ende auch irgendwie ein Fluch auf unserer Show. Wir haben zum Beispiel Fleisch gegrillt, live auf der Bühne, bis unser Grillmeister aus gesundheitlichen Problemen abgesprungen ist, dann ist unser Fahrer ausgestiegen und irgendwie ist dann alles schief gegangen. Das stinkende Show Hemd von Butch Meier wurde sogar aus dem Backstage geklaut!

Wir haben uns also nicht untereinander gestritten. Der ausschlaggebende Punkt war dann aber, als unser Sänger Vater geworden ist und gesagt hat, dass er jetzt erstmal eine Babypause machen wird und allen anderen war es total egal. Im Endeffekt waren wir wohl auch alle froh, dass dieser mega Aufwand jetzt vorbei war. Es gab aber auch nie eine offizielle Auflösung, dennoch werden wir wohl nie wieder gemeinsam Musik machen.

Aber es würde sich ja anbieten, gerade jetzt zur Veröffentlichung des Buches noch ein oder zwei „Reunion“ Konzerte zu spielen.

Ja, das bekommen wir derzeit oft zu hören, aber ich sehe ehrlich gesagt keine Chance, dass das nochmal passiert.

Glaubst du denn, dass euer Konzept auch in anderen Kreisen funktioniert hätte?

Ich glaube schon, denn wir hatten ja auch viele unterschiedliche Konzerte mit unterschiedlichem Publikum. Unsere Verwandtschaft fand uns beispielsweise genauso geil wie die ganzen Punks auf dem Zorro Festival in Leipzig. Am Schluss war das Publikum jedoch sehr viel heterogener als am Anfang.

Also es hatte schon was mit der Szene zu tun, aus der wir kamen, dass das Ganze so gut angekommen ist, weil diese Szene ja auch relativ eingefahren ist. Wenn da jemand was neues macht oder versucht, was neues zu machen, sind die Leute noch sehr begeisterungsfähig. Aber ich denke schon, dass es in jeder x-beliebigen Szene genauso funktioniert hätte, weil wir einfach eine geile Liveband waren! (lacht).

Letzte Frage: Was war, deiner Meinung nach, das geilste Konzert, was ihr als Band gespielt habt?

Auch wieder eine schwierige Frage, aber ich würde sagen, dass es, wie im Buch beschrieben, das Konzert in einer niederländischen Kleinstadt namens Hoorn war. Dort hat eine sogenannte „Entfaltung“ stattgefunden. Was genau das ist, wird im Buch ausführlich beschrieben.

Es war ein Sonntag Abend, es waren nicht einmal 20 Leute im Laden und das waren alles verkaterte Säufer. Wir kamen, arrogant wie immer, auf die Bühne und ich hätte wetten können, dass das Konzert total gegen die Wand geht und die Leute uns hassen oder komplett ignorieren. Dann hat eben die besagte Entfaltung stattgefunden, die Leute sind von ihren Hockern aufgestanden und vor uns auf die Knie gegangen und alle lagen sich in den Armen. Das hatten wir nicht erwartet und das Ganze hat sich dann richtig hochgeschaukelt. Hoorn war so der Prototyp einer Entfaltung.

Danke für das Interview!

Die ersten Einblicke in das Buch gibt es schon beim Reeperbahnfestival und zwar vom Autor selbst. Denn dieser liest am 26.September zwischen 18:30 – 19:30 Uhr im St. Pauli Clubheim erstmals aus seinem Buch vor. Des Weiteren geht er kurz nach der Veröffentlichung auf große Lesetour und feiert seine Releaseparty stilecht im Hamburger Hafenklang. Diese Veranstaltung findet am 14. November statt. (fh)

 

Eine Reaktion zu ““Wir trugen Cowboystiefel, Schnurrbärte und Ballonseidenhosen””

  1. Sam Pirelli aka Smokin’ Slim

    Vor einigen Jahren kam mir die Single “Skymarshall” in die Hände – grossartige Scherbe, die ich in meiner Psycho Radio Show regelmässig spiele. Danke für das Interview, es war bislang sehr schwer, an Infos zu kommen. Ich freue mich auf das Buch. Gruss aus Luzern, Slim

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