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Interview: Pola Roy (Per Anders)

Es ist das größte Kompliment, was man einem Künstler machen kann. Und es ist ein Horror für die, die davon erzählen sollen. „Die Musik ist nicht zu beschreiben.“ Ein bisschen so geht es uns bei Per Anders, der gemeinsamen Band von Jörg Holdinghausen (Tele) und Pola Roy (Wir sind Helden).

Am 21. Februar kam ihr neues Album „Empty House“, auf dem es im weitesten Sinne Indierock gibt. Aber eben noch so viel mehr. Verwirrendes Zeug, poppige Momente und ganz viel clevere Musik. Kurz: es ist vielfältig und spannend. So sollte auch das – von uns präsentierte – Konzert Per Anders im Kleinen Donner werden. Leider wurde die Show abgesagt. Unser Interview mit Pola Roy aber wollen wir euch trotzdem nicht vorenthalten.

Wie würdest du eure Platte mit einem Wort beschreiben?
Puh, gute Frage. Schwierige Frage. Musik? (lacht). Mit einem Wort ist das ganz schwer.

Du darfst auch einen Satz sagen.
Pause.
Ich kann es leider nicht. Und das hat den Grund, dass ich und dass vor allen auch Jörg dir mit einem Satz sagen würde, er hört Fred Frith und Pink und Udo Jürgens. Tatsächlich. Das sind drei Sachen, die er super findet. Insofern ist unser Musikgeschmack extrem breit und wir sind sehr offen, dementsprechend fließt da auch viel ein. Man hat dann immer die Hoffnung, dass daraus nicht Kraut und Rüben werden, sondern dass es auch dadurch, dass wir nur zu zweit sind, eine eigene Signatur bekommt. Wirkliche Gedanken darüber macht man sich aber erst danach.

Meine nächste Frage, die hier steht lautet: Ist „Empty House“ die Platte, die ihr euch vorgenommen habt? Aber was du gerade sagst klingt so, als ob ihr am Anfang nicht wusstet, was am Ende bei raus kommt.
Genau. Also eigentlich hatten wir uns schon einen Prozess vorgenommen. Wir haben unser Studio gemeinsam eingerichtet und haben dann angefangen aufzunehmen – und haben die Aufnahmen der ersten drei, vier Monate dann wieder in den Mülleimer geworfen, weil wir gemerkt haben, dass wir so sehr mit der Technik beschäftigt waren, dass die Musik Schrott war. Also haben wir noch mal von vorne angefangen.

Wie kann man sich das vorstellen? Ihr trefft euch dann mit leeren Blatt Papier und schreibt einen Song?
Nein. Wir hatten schon Demos, Jörg hat gute bis sehr, sehr gute Skizzen der Songs bei sich zuhause aufgenommen, die teilweise sogar auf die Platte gekommen sind. Wir haben manche der Aufnahmen, die er in seinem Wohnzimmer gemacht hat, auch verwendet und haben Sachen dazu aufgenommen. Manchmal haben wir die Skizzen auch als Vorlagen genommen und daraus dann gemeinsam was entwickelt.Wir hatten immer Songs, mit denen wir gearbeitet haben und ihnen das gegeben, was sie brauchten.

Ist es mit zwei Leuten einfacher, den Songs das zu geben, was sie brauchen, weil es nur einen gibt, den man überzeugen muss, oder ist es vielleicht sogar schwieriger, weil man nicht so viele Einflüsse und auch Ideen hat, wie in einer großen Band?
Das kommt sehr drauf an. Also Jörg und ich arbeiten sehr symbiotisch zusammen. Wir sind geschmacklich auf einer Wellenlänge, mögen die gleiche Musik und machen ja auch schon sehr, sehr lange gemeinsam Musik. Deswegen gibt es bei uns keine großen Zerwürfnisse, sondern eine sehr positive Reibung, die man alleine eben nicht hat. Jörg ist ja Multiinstrumentalist und könnte theoretisch alles alleine aufnehmen, aber er braucht schon einen Partner, dem er den Ball zuspielen kann. In einer Band mit mehreren Leuten ist dann viel mehr Gerangel um Positionen und um die Idee. Zu zweit spielt man Ping Pong.

Jetzt stelle ich mir eine Zwei-Mann-Band deutlich intimer vor, wie reagiert man da, wenn der andere doch mal sagt: find ich doof!
Also in unserem Fall hatten wir tatsächlich sehr wenige Momente, in denen der andere das nicht ähnlich gefühlt hat. Und das war dann eher eine Bestätigung für das Gefühl, dass man selber auch hatte, aber das gar nicht wusste. Aber Jörg kann da sehr deutlich sein und das ist eine große Stärke von ihm, dass er offen sagt, was ihm nicht gefällt – und das ist dann manchmal schon schwierig, klar. Aber auch extrem wertvoll, denn das Schlimmste ist, wenn man nicht ehrlich ist und mit halbguten Sachen weiterarbeitet, obwohl man eigentlich sagen müsste, die Idee trägt nicht, wir treten sie in die Tonne und fangen von vorne an.

Müssen am Ende immer beide von jeder Note überzeugt sein oder sagt man auch: „Okay, du findest den Song geil, ich nur okay, aber wir machen den, weil du ihn magst“?
Ja, auf jeden Fall, so funktioniert das. Der, der das starke Gefühl hat, regiert. Wenn einer unsicher war und der andere fand es tierisch, dann macht man es, die Vision gewinnt. Wen aber beide eine komplett gegenläufige Vision haben, dann macht man es nicht.

Hört ihr die Platte noch oder ist sie jetzt durch für euch?
Wir haben sie wahnsinnig oft gehört, weil wir sie ja auch gemischt haben, das war das erste Mal, dass wir das gemacht haben. Und nach dem Mastering haben wir sie wieder oft gehört, weil wir dann über den Sound und die Reihenfolge der Songs gesprochen haben. Und ab dem Moment habe ich sie nie wieder gehört. Aber das war bei mir immer so, sobald sie fertig ist verliere ich das Interesse. Ich hab die Erfahrung nicht gemacht, aber ich hab das Gefühl, dass ist wie ein Kind, dass dann irgendwann auszieht und seine eigenen Weg gehen muss.

Aber was fühlst du denn, wenn du oder andere über das Album sprechen? Ist man da stolz oder hat man einfach nur ein Album gemacht?
Das ist schon ein großes Gefühl von Stolz, auch weil es das erste Mal war, wo wir fast alles alleine gemacht haben und beide in ganz vielen Positionen waren, die für uns neu waren. Wir haben ganz viel gelernt und zum Teil haben wir ordentlich gekämpft. Die Album-Produktion ging über zwei Jahre und da hat man sich schon mal gedacht „Was machen wir da eigentlich? Ist das überhaupt gut oder nicht?“ Es war ein langer Weg und jetzt bin ich sehr stolz drauf.

Was glaubst du, wie die Leute darauf reagieren?
Ich habe ehrlich gesagt gar kein Gefühl dafür, wie die Platte ankommen könnte. Denn es ist schon sehr speziell, was wir da gemacht haben und sicher nicht Jedermanns Sache. Ich bin jetzt durch die letzten zehn Jahre schon etwas verwöhnt, was das Feedback angeht, und auch deswegen ist es schon interessant zu schauen, was jetzt passiert.

Lass uns mal kurz zurück schauen. Ihr habt schon bei Wir sind Helden gemeinsam gespielt (Jörg war Teil der Liveband von Wir sind Helden), kennt euch viele Jahre. Wie wurde dann Per Anders daraus?
Das war ein ganz konkreter Moment für mich. Ich hatte ein Konzert gesehen, wo Jörg damals mitgespielt hat. Cherry hieß die Band, die war ganz toll, hatte aber leider keinen Erfolg. Das war ein ganz kleines Konzert vor vielleicht 20 Leuten in so einem Keller. Das Konzert hat mich echt berührt und gleichzeitig hab ich gemerkt, dass mir was fehlt in meinem Musikerdasein. Wir hatten damals sehr viel Erfolg mit den Helden, spielten große Konzerte und Hallen, aber mir fehlte so ein bisschen das Feine in der Musik, das Zurückgenommene, eine bestimmte Ebene. Und da war mir klar, dass ich wieder mit Jörg Musik machen möchte. Wir haben uns dann in meinem Proberaum getroffen und vor uns hin gespielt. Und irgendwann brachte Jörg eine Kassette mit in den Proberaum und meinte, er hätte einen Song gemacht und jetzt würden wir uns einen Sänger suchen. Aber ich wusste sofort, dass er singen müsse und wir die Sache verfolgen müssen. Und dann hat er innerhalb von zwei Wochen zehn Songs geschrieben und dann ging das so los und wir haben gemerkt, dass das mehr ist, als mal zusammen Musik zu machen.

Habt ihr mal daran gedacht, andere Musiker dazu zu holen?
Ja, immer wieder stand das zur Diskussion. Denn wir mögen es beide sehr gerne, wenn mehrere Musiker in einem Raum spielen und man das auch einfängt, die Interaktion und den Sound einer Live-Band. Und das kann man zu zweit eben nur bedingt reproduzieren. Wir haben bei dieser Platte zu zweit aufgenommen und dann mit Overdubs gearbeitet. Aber wir haben immer mal wieder überlegt, ob wir das nicht mit anderen Musikern machen sollten. Aber gleichzeitig wollten wir es auch so klein halten, wie es ist. Aber wir haben jetzt eine ganz tolle Live-Band für die Tour zusammen gestellt und können uns gut vorstellen, dass wir die nächste Platte als Band aufnehmen.

Stichwort Kleinhalten. Ihr habt beide eine Vergangenheit und Wir sind Helden waren echte Superstars. Hat man da vielleicht mit mehr oder einer anderen Resonanz auf Per Anders gerechnet? Im Vergleich zum Solo-Album von Judith Holofernes zum Beispiel, dass überall auftaucht, ist es um euch doch schon deutlich ruhiger.
Ja, das stimmt schon. Aber mir war schnell klar, dass es schon eine ganz andere Musik ist. Ich weiß jetzt nicht, ob Leute, die Wir sind Helden mögen, auch Per Anders mögen. Bei der ersten Platten hatten wir keine Plattenfirma und haben keine Konzerte gespielt, sondern einfach die Platte rausgegeben und uns nicht weiter drum gekümmert. Und bei dieser Platte machen wir das ja ganz ähnlich, wieder ohne Plattenfirma und wir wollen mal gucken, wie weit wir damit kommen. Wir rühren jetzt nicht groß die Werbetrommel, was aber zu uns auch passt. Wir kommen beide aus einem sehr unkommerziellen Musikerumfeld und hatten dann zwar beide sehr viel Erfolg mit unseren Bands, finden es aber ganz gut, wenn es so langsam und natürlich vor sich hinwächst.

Was darf man sich live von Per Ander erwarten?
Also es wird ganz toll. (lacht). Wir haben eine ganz tolle Schlagzeugerin dabei, Maria Schneider, die auch singt und die zweiten Stimmen von Jörg übernimmt. Ich singe auch ein bisschen, aber ich würde mich sängerisch als begrenzt bezeichnen. Dann haben wir noch zwei weitere Musiker dabei, Christoph Bernewitz von Clueso und Alexander Binder von Trio Schmetterling. Für uns war klar: wir machen es ganz klein auf der Bühne, also nur wir zwei. Oder wir machen es groß. Und dafür haben wir uns dann auch entschieden. Es wird also viel Sound geben und es wird sehr offen. Denn wir nehmen uns die Freiheit, die Stücke aufzufransen und zu improvisieren.

Blöde Frage, aber warum sitzt der Schlagzeuger immer hinten?
Sehr gute Frage! Ich saß zum Beispiel in den ersten fünf Jahren bei den Helden immer links vorne. Denn wir hatten uns genau diese Frage auch gestellt. Wobei das jetzt gar nicht von mir kam, sondern aus der Band, weil wir auf der Bühne immer sehr viel gequatscht hatten und es dann immer komisch war, wenn ich da hinten saß. Ich hab dann aber irgendwann selber gesagt, dass ich wieder nach hinten will. Denn Schlagzeugspielen ist für mich so ein bisschen wie Autofahren und ich hab die anderen ganz gerne vor mir und ein bisschen das Gefühl, die Kontrolle zu haben.

Ihr habt beide bei der Platte von Judith Holofernes (Sängerin von Wir sind Helden, Ehefrau von Pola Roy) mitgemacht. Geht ihr mit ihr eigentlich auch auf Tour?
Jörg und ich waren ja quasi ihre Band und wir drei haben ihre Platte im gleichen Studio wie auch die „Empty House“ aufgenommen. Und Jörg geht auch mit auch Tour, ich bleib zuhause und halte den Laden zusammen.

Habt ihr mal überlegt, zusammen aufzutreten?
Ja, schon. Es ist noch nichts bestätigt, deswegen kann ich nichts konkretes sagen. Aber es kann durchaus sein, dass wir mal im Vorprogramm von Judith auftreten.

Interview: Mathias Frank


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