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German Märchenstunde – über alles reden mit Hanzel und Gretyl

h&g_kleinSie sind morbide, politisch unkorrekt, albern und vollkommen durchgeknallt. Sie sind einzigartig in dem, was sie tun und ein absoluter Geheimtipp für Fans von Iron Sky und Industrial Metal. Sie sind – seit 20 Jahren schon – Hanzel und Gretyl, ein Industrial-/Black-Metal-Duo aus New York.

Und sie sind hier – im Logo, am Montag dem 27. Oktober 2014. Es dauert noch eineinhalb Stunden bis die Türen des Clubs aufgehen werden und noch ca. vier Stunden und zwei Support-Bands, bis Hanzel und Gretyl die Bühne entern werden. Vas Kallas alias Gretyl und Kaizer von Loopy alias Hanzel nehmen sich etwas Zeit, um Backstage mit concert-news ein paar Takte über die Band, ihre Vorliebe für provokative Nazi-Satire und ihr neues Album zu sprechen. Dass auf der anderen Seite der dünnen Wand die Support-Band Deadcell Soundcheck macht, ist nicht hilfreich. Aber es kann eine Gretyl und ihren Hanzel auch nicht davon abhalten, frisch und frei aus dem Nähkästchen zu plaudern. Notfalls werden die lauten Stromgitarren von nebenan eben niedergeschrien.

Vas Kallas: Sorry, dass du so lange warten musstest, aber das Merchandise-Aufbauen ist immer stressig.

Gar kein Problem. Und von ihm [Kaizer] scheinst du ja auch keine Hilfe zu bekommen.

(beide lachen) Vas Kallas: Nein, er darf auch gar nicht. Er richtet nur Chaos an. Er hat dafür andere Fähigkeiten.

Kaizer von Loopy: Trinken. (Prostet mit der Astra-Knolle)

Okay, sprechen wir doch gleich mal über euer neues Album „Black Forest Metal“. (VÖ in Europa am 24.11., Anm. d. Red.) Den gleichnamigen Titelsong samt Video habt ihr ja schon im Internet veröffentlicht. Dabei fällt als erstes auf, dass er eine richtige Song-Struktur hat und eine Menge Text – im Gegensatz zu dem, was ihr bisher gemacht habt, wo die Lyrics hauptsächlich aus einzelnen Sätzen, Wörtern und Sprachsamples bestanden.

Kaizer von Loopy: Genau, das ist neu, ebenso wie die stärkeren Black Metal Einflüsse zu Lasten des Industrial Sounds. Wir wollten mehr songschreiberisch an die Musik herangehen. Weniger Samples, mehr richtiger Metal. Es ist immernoch kein „konventioneller“ Metal, immernoch sehr speziell, aber eben mehr Metal.

Vas Kallas: Das Experimentieren mit diesem [Industrial] Genre hat jahrelang auch Spaß gemacht, aber jetzt wollen wir wieder mehr zu unseren Wurzeln zurück.

Kaizer von Loopy: … zurück zu unserem Metal-Selbst. Unserem Black Forest Metal-Selbst!

Perfektes Stichwort: Was hat es mit dem Black-Forest-Thema auf sich?

Kaizer von Loopy: Da „Hänsel und Gretel“ ja ein Schwarzwald-Märchen ist, war es an der Zeit, ein Schwarzwald-Album zu machen.

Vas Kallas: … Das Black Forest Thema, die verstärkten Black Metal Einflüsse – Musik, Konzept, Bandname, es passt alles so perfekt zusammen und ist leicht zu verstehen.

Kaizer von Loopy: Wir kreieren hier unseren ganz eigenen Stil von Metal und den nennen wir Black Forest Metal.

Das Video zum Song Black Forest Metal spielt in einem Wald, der sehr nach einem deutschen Wald aussieht. Habt ihr es zufällig im Schwarzwald produziert?

(Gelächter) Vas Kallas: Nein, schön wärs! Es wurde in New Jersey aufgenommen.

Kaizer von Loopy: Wir kennen einen, der in dieser Blockhütte, die man im Video sieht, Ahornsirup herstellt. So kamen wir auf dieses Stück Wald und fanden aber auch, dass es nach Schwarzwald aussieht.

Und die Wolfsmasken? Das Rotkäppchen-Märchen?

Kaizer von Loopy: Genau, wir wollten so viele Schwarzwald-Märchen wie möglich verarbeiten

Vas Kallas (grölt dazwischen): Der bösä Wooolf! Bösäää schlächtää Woooolf!

Wo du gerade schon deutsch sprichst: Ihr benutzt viel deutschen Text in euren Songs und den schreibt ihr angeblich auch selbst – denn ihr habt eine Weile in Deutschland gelebt, richtig?

Vas Kallas: Fast richtig, ICH habe früher in Deutschland gelebt. Zuerst in Stuttgart, dann in Berlin.

Wie kam das?

Vas Kallas (lacht): Natürlich wegen einem Mann. Ich lernte einen Deutschen kennen und zog zu ihm nach Deutschland. Wir trennten uns zwar nach einer Weile wieder, aber mir gefiel es dort so gut, dass ich beschloss zu bleiben.

Deutschland scheint ja euch beide zu faszinieren. Alles was mit deutscher Sprache, deutschem Essen und deutscher Geschichte zu tun hat ist für viele Songs und manchmal sogar für ganze Alben themagebend. Nennen wir es beim Namen: bei „Geschichte“ sprechen wir vom dritten Reich. Ihr benutzt viel martialische Sprache und Symbolik mit Nazi- und Kriegsbezug. Schafft euch das keine Probleme mit sympathisierenden Neonazis, die denken, ihr würdet es ernst meinen?

Kaizer von Loopy: Sehr wenig zwar, aber ab und zu kommt es vor, ja. Und das lässt sich nie ganz verhindern, egal wie stark und offensichtlich du etwas parodierst, irgendwer wird es immer missverstehen oder falsch interpretieren. Zum Glück kommt es wirklich selten vor, aber wenn, dann ist es trotzdem immer wieder etwas beunruhigend.

Aber auch nicht überraschend, oder?

Kaizer von Loopy: Nein in der Tat nicht. Wenn man so etwas Kontroverses tut wie wir, dann muss man einfach damit rechnen und leben.

Vas Kallas: Mal ehrlich, Rammstein passiert das in den USA häufiger als uns. Die bekommen viel mehr ungewollte Sympathie von rechts-Gesinnten als wir.

Werden die von den Leuten ernster genommen, weil sie nichts veralbern, sondern total ernst auftreten?

Vas Kallas: Ja wahrscheinlich. Auch wenn unsere Songtitel und Bildwelten teilweise viel extremere Inhalte darstellen kommt unsere Inspiration aus Parodie-Filmen, aus Satire. Guck dir zum Beispiel „Iron Sky“ an. Es ist das perfekte Beispiel für die Art von Kunst die wir machen. Ich denke, wir geben dem Ganzen eine ausreichend starke Comedy-Komponente, um zu zeigen, dass wir nichts glorifizieren. Ich meine, denk nur an Songs wie „Bavarian Bierhaus Blood“ an oder „Lederhosen macht frei“. Bleiben da Fragen?

Kaizer von Loopy: Und ich würde sogar sagen, es ist heute mehr denn je sogar wichtig, das Thema Diktatur und Krieg lächerlich zu machen, denn auch heute noch schaffen es Typen sich als Diktatoren mit teilweise absurden Vorstellungen an der Macht zu halten. Ich denke, schlechtes Gedankengut hat es viel schwerer ernst genommen zu werden, je mehr Leute sich darüber lustig machen.

Irgendwie ist die Szene bizarr bis lustig: Während die beiden über dieses Thema reflektieren und sich große Mühe damit geben, Ihre Denkweise herzuleiten, wird die Ernsthaftigkeit des Gesprächs von infernalischen Grunzlauten torpediert – der Mikrofoncheck von nebenan. Es wird Zeit für einen Themenwechsel.

Was mögt ihr denn sonst noch an Deutschland?

Kaizer von Loopy: Die Biergartenkultur! Und Käsespätzle!

Vas Kallas: Ich liebe bayrische Weißwurst und Sauerkraut und echtes frisch gezapftes Weißbier. Davon kriege ich keinen Brummschädel! Und natürlich fand ich Landschaften wie den Schwarzwald sehr beeindruckend.

Wie habt ihr euch überhaupt kennen gelernt und begonnen, das zu tun was ihr heute noch tut?

Kaizer von Loopy: Wir waren zuerst gemeinsam in einer anderen Band. Die zerbrach und wir gingen als Duo daraus hervor. Unsere Verbindung war die Liebe zur Metal-Musik und zu allem Möglichen der deutschen Kultur und deutscher Musik. Ich stand damals schon total auf Kraftwerk und Einstürzende Neubauten. So vieles Innovatives kam zu dieser Zeit aus Deutschland. Wir wollten zu zweit Musik machen, weil das viel einfacher ist als mit mehreren Musikern. So kam es zum einen, dass wir elektronische Elemente eingebaut haben. Zusammen mit unseren Metal-Einflüssen wurde daraus automatisch Industrial Metal. Dabei wussten wir damals gar nicht genau was das ist. Und am Ende kam dabei eben Industrial Metal mit deutschen Texten heraus. (lacht)

Vas Kallas: So war’s und wir haben ja unser erstes Album komplett in Deutsch gemacht. Dann ging alles sehr schnell. Zwei Wochen später hatten wir unseren ersten Record-Deal, dann wurde Marilyn Manson auf uns aufmerksam und nahm uns als Support Act mit, als nächstes kamen Rammstein auf uns zu – und heute sind wir immernoch dabei!

Jetzt müssen wir endgültig eine kurze Schweige- und Trinkpause einlegen, weil der Soundcheck von nebenan zum ohrenbetäubenden Finale ausartet. Die Aufnahme auf dem Diktiergerät könnte man als Bootleg-Tape verkaufen.

Ist euer Ziel nach wie vor „Number 1 in Deutschland“ zu werden, wie ihr im gleichnamigen Song proklamiert?

(beide lachen) Kaizer von Loopy: Absolut, das ist das Ziel!

Es ist ja schon beachtlich, dass ihr in 20 Jahren Bandgeschichte nie in Richtung Mainstream gedriftet seid, sondern euer extremes Ding wirklich kompromisslos durchzieht. Glaubt Ihr, so wird das etwas, mit number one?

Kaizer von Loopy: Klar, warum nicht? (lacht) Nein im Ernst, wir tun genau das was uns Spaß macht und wir können davon leben – wir sind glücklich mit dem, was wir erreicht haben. Ich denke wir könnten auch gar nichts anderes machen, weil wir so stigmatisiert sind durch unser kontroverses Auftreten.

Vas Kallas, Kaizer von Loopy, das war ein tolles Interview, vielen Dank dass ihr euch die Zeit genommen habt! Das Interview führte Dominik Stelp


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