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Im Interview mit Matthew Caws von Nada Surf

IMG_20150411_180958Norddeutscher Frühling, Blumen, frische Brise und ja, Regen gab es auch vor knapp einem Monat in Husum, als wir uns aufmachten zum Husum Harbour Festival. Man trifft Menschen, die dort Urlaub machen, die sich das Fischbrötchen schmecken lassen, den Stress aus den Knochen pusten lassen, einfach mal Ruhe genießen. Und dann gibt es diese Konzert-Menschen, die sich in die Hotels der Stadt einquartieren, auch Fischbrötchen essen, um abends dann im Speicher den schönsten aller Melodien zu lauschen. Das Husum Harbour Festival hat sich gemausert, vom kleinen kuscheligen unbekannten Indoorfestival zu einem immernoch kleinen, aber schon etwas gewachsenem, immernoch kuscheligen aber schon mehr beachteten Indoorfestival.

Nicht verändert hat sich das Herzblut, mit dem die Bands schon frühzeitig ausgesucht werden, die Vorfreude die sie verbreiten, die Hingabe mit der die Poster, Flyer und der Konzertsaal gestaltet werden. Und die Vorfreude bleibt nie einseitig, denn dieser darf man schonmal nachgehen wenn man erfährt, dass projektor ihr allerallererstes Konzert geben werden, man den wunderbaren Zeilen von Florian Ostertag lauschen darf, bei Talking To Turtles mehrmals einen kleinen Chor anstimmen kann, den düsterschönen Tönen von Scott Matthew zuhören wird und wieder einmal Matthew Caws von Nada Surf spielen sehen und hören darf. Vor allem, wenn man die Chance bekommt, mit letzterem ein paar Worte zu wechseln, ihm Fragen in Form eines Interviews stellen darf, die man schon immer stellen wollte. Oder so ähnlich. So fanden wir uns im VIP-Bereich des Speichers wieder, um Matthew eben diese Fragen zu stellen:

Hi, wie gehts dir? Du bist aus Hamburg gekommen, richtig?
Matthew Caws: Yeah, ich habe eine Show im Molotow gespielt.

Ist das jetzt das erste Mal, dass du solo unterwegs bist?
Also Nada Surf werden hoffentlich noch um die 1000 bis 2000 Konzerte spielen, aber momentan bin ich allein unterwegs und mag es auch. Ich hab das letztes Jahr zum ersten Mal gemacht und von Cambridge, England aus ist das auch einfach, mit dem Flieger günstig überallhin zu fliegen.

Wie ist das im Gegensatz zum auf Tour sein mit den Jungs?
Vor allem ist es ruhig, man ist nicht so in der Summercamp-Stimmung.Ich würde mich zu den introvertiert Extrovertierten zählen und wenn ich allein unterwegs bin, sind diese beiden Seiten gleichermaßen ausgeglichen.

Also nimmst du dir auch Zeit, dein Umfeld zu entdecken?
Manchmal. Heute zum Beispiel war der Weg nicht so weit und wir haben uns Zeit gelassen, waren am Deich und haben Matjes Brötchen gegessen. Auch wenn ich mit Nada Surf unterwegs bin, versuche ich das, dann hab ich ein Klappfahrrad dabei und versuche zwischen all dem Ankommen, Soundcheck und Weiterfahren mich an dieses Rad zu erinnern und erkunde damit manchmal die Gegend.

Bedeutet deine jetzige Solo-Tour, dass du auch ein Solo-Album planst?
Hm, ich weiß nicht, also wenn nicht gewollt, es ist kein Ziel. Aber ich arbeite immer irgendwie. Momentan hab ich die Aufnahmen zum Album eines Freundes Michael Lerner von Telekinesis beendet. Da gibt’s ne ganz lustige Geschichte, wie wir die ersten Songs aufgenommen haben:

Ich hatte einen guten Parkplatz in Brooklyn und er konnte da immer seinen Van abstellen und dann haben wir zusammen abgehangen. Ich mag seine Sachen, er mag meine Sachen. Wir haben ein bisschen zusammen Musik gemacht, immer nur so dreißig Sekunden von nem Song. Und dann später am Abend waren wir in meinem Haus, haben Bier getrunken und er sagte „Wir sollten diesen Song aufnehmen“. Ich sagte daraufhin „Yeah, irgendwann“, aber er sagte: „Jetzt“. Dann wollte er Papier und einen Stift und kurze Zeit später schrieben wir diesen Song und nahmen ihn an meinem Computer auf meinem Kaffeetisch auf. Er kam auf sein Album, du kannst die Hunde des Nachbarn drauf bellen hören.

Warum erzähl ich das eigentlich? Ah, also es gibt keine reine Absicht etwas zu tun, ein Album aufzunehmen. Dinge passieren einfach. Du weißt nie, was passiert und das ist spannend und lässt dich frei bleiben. Also, wer weiß ob da noch mehr von diesen spontanen Alben entstehen oder das nächste Nada Surf Album schneller ist.

Es gibt also keinen Plan, dass ihr ein neues Nada Surf Album Husum Harbour 2015 machen müsst alle anderthalb Jahre?
Wir haben das versucht, aber nach dem letzten wollten wir eine Pause machen, was wir vorher nie getan haben. Nächstes Jahr ist unser 20ster Geburtstag aber wir haben nie aufgehört zu arbeiten, immer nur kleine Pausen. So wie das Minor Alps Album, das ich mit Juliana Hatfield gemacht hab. Aber momentan sitzen wir am neuen Album, von dem ich dachte, wir hätten alle Songs. Aber wir brauchen noch ein paar mehr. Ich verfalle ein bisschen in Panik deshalb.

Oh, es gibt also ein neues Nada Surf Album. Wann plant ihr denn die Veröffentlichung?
Ich hoffe im September in diesem Jahr. Keep the fingers crossed!

Stell dir vor du bist in deinen 70er Jahren. Wirst du immernoch Musik machen?
Wenn ich immernoch Spaß dran hätte zu singen, dann ja. Menschen altern ja unterschiedlich und manche verlieren oder verändern ihre Stimmen. Und so lange ich meine Stimme mag, werde ich singen. Aber wenn nicht, würde ich einfach etwas mehr schreiben. Das war immer ein Wunsch von mir, habe ich bisher aber nie viel getan. Meine Mutter ist Schriftstellerin und sie sagt immer „Du musst schreiben, schreiben schreiben!“ Ich glaube jeder hat eine interessante Lebensgeschichte, jedermanns Interpretation des Lebens ist faszinierend und jeder Mensch sitzt quasi auf einem großartigen Buch.

Das denke ich auch und auch ich habe diese Idee, einmal ein Buch zu schreiben. Also weniger eine Biografie, aber eine fiktionale Geschichte, natürlich basierend auf die Einflüsse und Ereignisse, die in meinem Leben passierten, die Menschen die ich traf, deren Geschichten die sie mir erzählten. Ich mag die Art, wie sich dein eigenes Leben mit dem anderer vermischt, es auch irgendwie verändert.
Da stimme ich dir vollkommen zu. Es ist so etwas wie eine flexible Idee, es kann sich immer wieder verändern mit den Dingen die man erlebt. Ich glaube manchmal, dass es wichtig ist, seine eigene Stimme zu finden in der Art wie man schreibt. Da gibt es ein paar interessante Schriftsteller wie Nicholson Baker oder David Foster Wallace – die Art wie sie denken scheint so interessant. Mir geht es gar nicht so sehr darum worüber sie schreiben, sondern eher wie sie schreiben. Momentan lese ich das Buch „My Struggle“ von Karl Ove Knausgård – eine Autobiographie. Oftmals sind Autobiographien so aufgepumpt mit Drama aber er schreibt über die alltäglichen Dinge wie „Ich habe Kaffee gemacht und ihn dann getrunken“ und irgendwann passiert etwas interessantes. Oder eben nicht. Irgendwie so wie das Leben eigentlich ist.

Ich mag es Songs zu schreiben, nur mache ich es nicht so oft wie ich gern wollte. Einige meiner Freunde haben dieses „Ein Song jeden Tag“. Aber ich war nie diszipliniert genug.

Wäre das nicht auch ein riesiger Druck, der auf einem lastet? Würde man sich nicht noch schlechter fühlen, wenn man keinen Song geschrieben hat?
Klar, aber es würde einen auch gelassener machen gegenüber Erwartungen, Standards. Denn selbst wenn es ein schlechter Song ist, musst du ihn beenden. Das heißt nicht, dass es gut ist, einen schlechten Song zu schreiben, aber es ist gut, sich frei fühlen zu können. Das Problem ist, wenn man lange keine Songs geschrieben hat, dass man so selbstkritisch mit sich selbst ist, dass fast alles schlecht klingt. Man ist nicht frei, man denkt zu viel nach.

Bist du sehr selbstkritisch und wirfst du viele Ideen über Bord?
Schon, aber nicht in einer negativen Art. Auch wenn man ehrlicherweise gestehen muss, dass ungefähr 90% nicht sooo gut ist, ist es wichtig und richtig da durch zu gehen. Und dann findest du am Ende die 10% die gut sind.

Gibt es da alte Songs, die du nicht (mehr) magst?
Ja, da gibts ein paar. Zum Beispiel „Mothers Day“. Es ist das absolute Gegenteil zu „Robot“, welches von männlicher sexueller Gewalt handelt. Da bin ich immernoch sehr sehr stolz drauf, diesen Song geschrieben zu haben, weil er immernoch das sagt, was ich denke.

Die Geschichte zu „Mothers Day“ begann damit, dass wir das Folge-Album zu „Let Go“ machen wollten. Und der Typ von der Plattenfirma erwartete einen neuen Hit. Er hat uns immer über die Schulter geschaut und uns zu verstehen gegeben, dass wir diesen Song noch nicht gemacht haben. Ich war auch noch recht neu in diesem Business, also hab ich versucht einen cheesy Song zu schreiben. Über diesen Typen, keine Ahnung von gender, keine Ahnung von Beziehungen zu Frauen, sie nicht in einer menschlichen Art zu sehen, so wie die Schwester oder die Mutter. Das war in der Zeit von Rap Rock, Sodom Metal. Und nebenan im Proberaum hat eine Band ein spezielles Riff gespielt, das wir durch unsere Steckdose hören konnten. Und dieses Riff haben wir für „Mothers Day“ „geklaut“. Man kann moralisierend sein in Songs, so lange es ankommt ohne den Finger erheben zu müssen. Ich glaube, das ist in dem Song nicht passiert.

Ich habe auf euren Konzerten bisher nicht die französischen Songs gehört.
Doch doch, wir haben die schon öfter gespielt. Aber Französisch ist eine schwierige Sprache zum Songs schreiben, wenn man nicht Muttersprachler ist. Ich habe eine Lieblingstheorie, warum Franzosen so stolz und strikt wegen ihrer Sprache sind: vielleicht liege ich falsch, aber Frankreich ist irgendwie einzigartig. Es hat all die Grenzen und Nachbarn, die alle so starke Kulturen haben. Also müssen sie ihre verteidigen, mit ihrer Sprache und ihren kulturellen Errungenscchaften. Du wirst im englischen immer ermutigt, die Sprache so zu nutzen, sie zu verändern, wie du es willst. Es ist einfacher Wörter zusammenzuführen, sie zu verändern. Im Französischen sind die Standards an Ausdruckmöglichkeiten so strikt und es ist als nicht Muttersprachler kaum möglich damit zu spielen. Serge Gainsbourg macht diese Wortspiele in Französischen, aber er kann es auch. Auch wenn wir alle französisch sprechen, ist es immer wieder eine Herausforderung es auf Tour zu tun. Aber mag es immer wieder gern versuchen.

Husum Harbour 2015

Wie sehen deine nächsten Pläne aus?
Ich werde Daniel in Ibiza besuchen, ein bisschen brodown. Das ist ein amerikanischer Ausdruck für zusammen abhängen, sich mit seinen Freunden unterhalten, die Dinge tun die Bro’s tun. Und dann werde ich an einem Philosophischen Kongress teilnehmen. Ich wurde gefragt, ob ich an diesem 24 Stunden Congress als Musiker teilnehmen will. Das findet in New York im französischen Kulturzentrum statt, ein wunderschönes Gebäude. Mein Konzert wird 6 Uhr morgens sein. Das ist dann wohl mein frühestes Konzert. Aber ich mag diese verrückten Dinge.

Klingt sehr interessant! Danke dir für deine Zeit und für das Gespräch!

Vielen Dank!

Nach einem großartigen Frühstück, welches hübsch dekorierte Salate, knusprigen Bacon, leckeren Lachs, eine große Auswahl an Käse, heißen Kaffee, Tee und Sekt beinhaltete (danke auch an Hans und all die die für das Frühstück zuständig waren), ließen wir uns im Hauptsaal des Speichers nieder, um Nada Surf songs zu lauschen, vorgetragen vom ein bisschen nervösen Matthew Caws, der nach eigenen Angaben die früheste nördlichste Show an jenem Sonntag morgen spielte. Nach ein paar Schlücken Sekt wurde er gesprächig, witzig, unterhaltsam.

Er spielte den neuen Song „Friend Hospital“ vom kommenden neuen Nada Surf Album mit dem Arbeitstitel „You Know Who You Are“. Entspannte, glückliche Gesichter, manche noch gezeichnet von der vorangegangenen Nacht genossen diesen wundervollen Morgen. Es folgte eine kleine Pause vor der Tür des Speichers, um ein paar Sonnenstrahlen einzufangen, frische Luft aufzusaugen. Und anschließend sogar das akustische „Popular“.

Einmal mehr danke an das tolle Husum Harbour Team, welches mit dem Herzen am richtigen Fleck eine tolle Stimmung verbreitet, an all seine Helfer und Helferinnen, die immer mit einem verschmitzten Grinsen Wasser von Viva Con Aqua verkauften, einem die Weinkarte vorlasen oder die Bändchen aushändigten. Danke an die Menschen vor der Bühne, die so manch eine Band glücklich machten, in dem sie ziemlich textsicher waren und überhaupt danke an das singfreudige Publikum. Und danke an Matthew für die Zeit und die Antworten!
(ms)

Das Interview in englisch gibts auf dem Mixtapebabe Blog.


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