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Interview: Sea+Air

HEUTE sind Sea+Air im Rahmen einer ihrer „EVROPI“-Releaseshows auf der Dachterrasse des Uebel&Gefährlich zu Gast. Rechtzeitig zum Release des zweiten Albums am vergangenen Freitag hatten wir die Gelegenheit, uns im Café May in St.Pauli mit Eleni und Daniel auf eine Cola zu treffen und ihnen ein paar Fragen zu stellen.

Sea + Air

Nachdem euer erstes Album auf „Rent a Recordlabel“ erschien, kommt „EVROPI“ jetzt bei Glitterhouse raus. Wie kam es dazu?

D: Es gab mehrere Labels, die Interesse an uns hatten, aber letztendlich war Glitterhouse für uns einfach die beste Option, da sie uns zum einen einen super fairen Deal angeboten haben und zum anderen auch international agieren. Glitterhouse veröffentlicht „EVROPI“ jetzt in 14 Ländern.

E: Uns war es einfach wichtig, international arbeiten zu können mit dem Album und uns nicht nur auf den deutschsprachigen Raum zu beschränken, was bei z.B. Motor der Fall war.

D: Aber mit Motor arbeiten wir managementmässig weiter zusammen.

Nach eurem letzten Album seid ihr dann ja auf eure „Mammut-Tour“ gegangen, von der ja auch in mittlerweile sämtlichen Medien berichtet wurde. Habt ihr bereits während der Tour angefangen am neuen Album zu arbeiten?

D: Bei uns ist die Musik ja immer im Kopf und wir haben irgendwann festgestellt, dass wir eigentlich gar keine Zeit haben, neue Songs zu schreiben und es dauert viel zu lange. Warum nehmen wir also nicht einfach diese Ideen, die uns im Kopf herumschwirren, und machen daraus Lieder und im Endeffekt ein Album,was komplett im Kopf komponiert wurde. Das hat den Vorteil, dass wir zum einen überall daran arbeiten konnten. Wenn man z.B. durch Oslo läuft und an die Songs denkt, beeinflusst das das Album dann im Endeffekt „europaweit“. Zum anderen bleibt dann wirklich nur das hängen was auch tatsächlich eingängig ist von den Melodien her, weil die schlechten Ideen bis zum nächsten Morgen vergessen sind.

E: Auf Tour ist es auch oft so, dass die einzige Zeit, die man für sich hat, die ist, die man schläft. Es war auch oft so, dass man irgendwelche Songs geträumt hat, deren Melodien dann noch im Kopf sind wenn man aufwacht und dann werden sie festgehalten.

„EVROPI“ ist ja ein Konzeptalbum geworden. Wie habt ihr denn die Songs und die Melodien mit den Texten zusammengebracht? Hattet ihr erst die Songs und habt dann die Texte dazu geschrieben?

E: Genau, bei uns läuft es immer so, dass zuerst die Musik steht und dann die Texte folgen. Es ist nie oder nur sehr selten umgekehrt der Fall.

D: Aber in diesem Moment war es dennoch das unmittelbare Gefühl und deswegen haben wir dann auch Europa als Thema genommen. Weil wir auf dieser Tour durch 21 Länder so viel erlebt haben, was die selbe Stimmung hatte wie die Musik und wir feststellen mussten, dass das dann wohl die klassische Situation von „im richtigen Moment am richtigen Platz“ war. Zum Beispiel waren wir ein Jahr vor dem Beginn des Kriegs in der Ukraine und die jungen Menschen dort wussten bereits, dass ihr Land auf ein Chaos zusteuert und keiner im Westen hatte es zu dem Zeitpunkt mitbekommen. Wir konnten bereits da mit den Menschen über ihre Ängste reden und ihren Wunsch, Teil von Europa zu sein.

Und dann habt ihr also zusammen die Songs geschrieben und die Texte sind dann von dir, Eleni, gekommen, da es sich ja um die Geschichte deiner Familie handelt, die hinter dem Album steht?

E: Die Texte haben wir uns aufgeteilt, manchmal war es auch so, dass einer Textfragmente hatte und der andere hat es fortgeführt. Wie in diesem Spiel, wo man Zettel faltet und nacheinander Texte ergänzt. Aber manchmal auch ich alleine oder Daniel alleine und nach ein paar Lieder war er dann da, der rote Faden, und es war klar, in welche Richtung es geht und die restlichen Texte kamen dann quasi von alleine.

Wollt ihr aus den sehr schön geschriebenen Liner-Notes im Booklet eventuell noch einmal etwas draus machen? Eine schöne Geschichte, die man ja fast zu einem Buch verarbeiten könnte.

D: Wobei es ja eigentlich auch ganz schön ist, wenn so ein bisschen offen bleibt und jeder auch seine eigene Geschichte darin entdecken kann. Viele Menschen, gerade mit Migrationshintergrund, machen die Songs so zu ihren eigenen. Ein Lied wie „Follow Me Me Me“, das kennen die ja alle, und daher ist es gut, das Ganze allgemein zu halten um diesen Menschen dadurch den Soundtrack zu ihrer eigenen Geschichte zu liefern.

Die Geschichte deiner Familie hat ja eher einen traurigen Hintergrund, aber ich empfinde das Album insgesamt trotzdem als ein eher positives.

E: Ja, das eine geht ja mit dem anderen einher. Es muss immer beides da sein. Traurigkeit ohne happy sein geht nicht. Die Songs sind auch sehr dynamisch. Es gibt ja auch traurige Momente. Zum Beispiel der Opener auf dem Album ist auch nicht so mega happy.

Du meinst den Opener auf dem Album an sich und nicht den Opener der Geschichte, oder? Ihr habt auf dem Album die musikalische Reihenfolge und im Booklet dann die chronologische Reihenfolge.

E: Genau, der Opener auf dem Album an sich ist eher traurig. Der chronologische Opener ist „Ha Ha Ha Ha“. Das ist die Vertreibung meiner Urgroßmutter, die aus Kleinasien stammt und die alle Zelte abbrechen mussten und von einem Tag auf den anderen und fliehen mussten. Aber da ist ja auch Hoffnung drin.

D: Bei dem Song war unsere Idee sozusagen „das Leben ist schön“ in einen Song zu packen, weil das schon immer einer meiner Lieblingsfilme war und das passte. Da ging es eben auch darum, dass man einem Kind erklären musste, hier die Urgroßmutter, „wir gehen jetzt hier weg und Du wirst hier keinen Sonnenaufgang mehr sehen. Pack jetzt das ein, was Du in Deine Hände nehmen kannst und dann rennen wir runter zum Meer und da wartet ein Boot und dann sind wir weg“.

Hat der Unterschied zwischen der musikalischen Reihenfolge auf dem Album und der chronologischen im Booklet nur damit zu tun, dass die Songs in der aufgenommenen Reihenfolge besser klingen?

E: Ja genau, der Flow war da musikalisch gesehen einfach schöner.

D: Die Musik ist ja unterm Strich immer noch das wichtigste.

S: Ich finde die Geschichte hinter dem Album ist gerade das Interessante und man hätte es auch gut in der Reihenfolge aufnehmen können.

E: Hast Du es mal ausprobiert?

Ja, ich habe mir eine Playlist erstellt in chronologischer Reihenfolge.

D: Das ist ja das Gute an unseren Medien heutzutage. Man kann so etwas schnell machen und da vertrauen wir den Hörern und finden es cool, wenn die das dann so machen.

Was ich ganz lustig finde in dem Zusammenhang: In einem Interview aus 2012 habe ich gelesen, dass du einmal gesagt hast, dass es schön wäre, wenn die Schallplatte einmal wieder kommen würde, da man dann anders Musik hört.

E: Da kann ich mich ja gar nicht mehr dran erinnern. Aber natürlich ist das ein ganz anderes Hörerlebnis. Du stehst auf, gehst hin, drehst die Platte um, es knistert. Es ist ein viel körperlicheres Erlebnis als wenn du Mp3s hörst. Das ist ein beliebiger Vorgang. Bei der Schallplatte musst du dich damit auseinandersetzen, dir die Zeit nehmen und dich drauf fokussieren – und das ist super an der Schallplatte.

Apropos Schallplatten. Ich habe mir damals ein Daniel Benjamin-Album gekauft und ein Song ist mir hängengeblieben, „You are“. Und heute habe ich das neue Album gehört und da ist er wieder. Wie kam das?

D: Weil es eigentlich der erste Sea+Air Song war. Es war das erste Duett, dass wir live gesungen haben und die Publikumsreaktionen waren immer sehr stark darauf.

E: Die Leute haben es immer verlangt und deswegen haben wir gesagt, dass wir es jetzt nochmal offiziell als Sea+Air aufnehmen.

D: Wir wollten es schon immer auch mal so orchestriert machen und deswegen passte es auch einfach zu dem Thema. Einer von zwei Songs auf dem Album, die nicht im Kopf entstanden sind.

Sea + AirEine Frage, die ihr bestimmt schon oft gehört habt. Wie seid ihr auf das Cembalo gekommen? Es ist ja durchaus kein übliches Instrument in der Popmusik.

E: Das Cembalo stand lange bei Daniels Vater im Wohnzimmer und wir haben es immer mal wieder gespielt. Dabei haben wir festgestellt, dass es ein total cooles Rockinstrument ist. Es vereint Klavier und Gitarre miteinander und klingt sehr funky. Es klingt sehr eigen und wir wollten es einfach einmal in einem anderen Kontext als dem bekannten, klassischen/barocken einsetzen.

Damit habt Ihr Euch ja auch ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Ich kenne kaum eine Band, die ein Cembalo benutzt.

E: Doch, es gab schon Bands wie Tori Amos und Kate Bush.

D: Was aber auch zur Schlussfolgerung führte, dass wir beim ersten Album alles mit Instrumenten aufgenommen haben, die es vor 300 Jahren schon gab und das ist auch aus der Cembalo-Idee entstanden.

Das habt Ihr aber beim neuen Album nicht mehr getan?

D: Nein, beim neuen Album nicht. Das ist rockiger. Mit richtigen E-Gitarren.

Wie werdet Ihr das auf der Tour umsetzen? Auch zu zweit?

D: Auch zu zweit, aber mit noch mehr Instrumenten, mehr Multitasking …

Habt Ihr mal drüber nachgedacht, live mit Band aufzutreten?

E: Doch auf jeden Fall.

Mit Jumbo Jet zum Beispiel wart Ihr damals zu viert.

E: Ja, und mit „Daniel Benjamin“ haben wir auch immer in verschiedenen Besetzungen gespielt. Aber das Ding ist, dass das exzessive Touren niemandem zuzumuten ist. Wir haben 2011 entschieden, wir kicken unsere Jobs und leben auf der Strasse. Es war unsere bewusste Entscheidung, aber das kannst Du ja von niemandem verlangen. Aber wir würden in Zukunft gerne wieder mit Band spielen. Wir lieben es, mit vielen Leuten auf der Bühne zu stehen.

Ihr kommt beide aus dem Punk. Jumbo Jet, Noisetoys … Ist Jumbo Jet eigentlich beendet?

E: Nein, Jumbo Jet lebt weiter, aber im Herzen momentan noch. Aber da warten viele zur Zeit auf einen Wiederbelebungsversuch.

Gewisse Jumbo Jet Momente brechen aber bei Sea+Air immer wieder heraus.

E: Ja, die Ausbrüche sind da.

Ich finde immer, ihr seid so die Band der Extreme. Selten gibt es bei Konzerten den Musiker, der vom fast schüchternen Songwriter zum brüllenden Punkorchester mutiert. Da merkt man immer spätestens eure Wurzeln. Ihr geht jetzt im Herbst auf Tour. Es gibt fünf Releaseshows und dann die offizielle Tour. Wo unterscheiden sich die Releaseshows von den Tourshows?

E: Die Releaseshows werden kleiner gehalten und es wird viel Presse anwesend sein. Wir spielen in Hamburg auf der Dachterrasse des Uebel&Gefährlich. Es ist Sommer, die Leute wollen draußen sein.

Steht nach der Tour wieder ein erneuter Tour-Marathon an? Wieder 500 Konzerte in zwei Jahren vielleicht?

D: Auf keinen Fall. Wir werden in Deutschland weniger machen und uns noch mehr auf das Ausland konzentrieren. Wir haben fünf, sechs Länder, wo es richtig gut funktioniert. Italien, Holland, Belgien … Man kann so eine Ochsentour auch einfach nicht nochmal machen.

E: Wir werden in England unterwegs sein und Finnland läuft gerade richtig gut an und auch in Frankreich wollen wir es versuchen, da es das Land ist, was unserer Heimat Nürtingen am nächsten ist.

Ach ja, Nürtingen, da wo Du damals schlafgewandelt bist?

E: Genau Da.

Das heißt, Ihr habt jetzt wieder einen festen Wohnsitz in Nürtingen?

E: Ja, es war uns wichtig einen Platz zu haben, wo wir wohnen, ein Studio haben und vollkommen unabhängig arbeiten können.

Habt Ihr irgendwelche besondere Erwartungen an den Release des neuen Albums?

D: Ja, zum einen das Ausland. Wir würden da gerne noch ein paar Länder mehr „knacken“. Die Resonanz ist supergut bisher. Vor allem aus den skandinavischen Länder und England, die ja kontinentaleuropäischer Musik gegenüber sehr kritisch sind, hören wir viele gute Stimmen, die sagen, dass wir was machen, was es auch so in Amerika oder England nicht gibt. Und darauf würden wir gerne etwas aufbauen. Ansonsten ist das Album eher sperriger geworden, denke ich.

Das würde ich so nicht unterschreiben. „Should I care“ und „Peace beginns at home“ sind doch absolut chartkompatibel.

E: Ok. Das ist die Versöhnung mit unseren alten Fans.

D: Und das ist es genau, dass wir mit dem neuen Album einen neuen Kosmos aufmachen und eine Mischung aus sperrigen und eingängigen Songs geschaffen haben und wir sagen, jeder, der das Album zehn mal anhört, wird auch die sperrigen Songs verstehen und gut finden.

E: Und vor allem jeder, der ein Konzert besucht, wird die Songs verstehen. Ich glaube solche Lieder musst Du live sehen und in dem Kontext, wie wir zusammen auf der Bühne stehen, und dann fällt es den Leuten leichter so ein Album zu schlucken.

Was sagt denn eigentlich Deine Familie zu dem Album, Eleni, in dem es ja um ihre Geschichte geht?

D: Die haben sich ja stundenlang hingehockt um die Geschichten zu erzählen. Und jetzt freuen die sich darüber.

Wie bereits gesagt, ich finde man könnte aus der Geschichte dahinter auch noch mehr machen. Es bleiben so viele Fragen offen.

D: Du kannst jetzt ja fragen.

Nur eine Frage gleich zum Anfang, warum musste Deine Familie fliehen?

E: Es war 1922 und da spielten Nationalitäten und vor allem die Religion eine größere Rolle als sie es sollten. Es war Kleinasien und viele Griechen haben in der Türkei gewohnt und mussten dann das Land verlassen. Es gab einen Völkeraustausch. Die Türken, die in Griechenland gewohnt haben, mussten zurück in die Türkei und andersrum. Es hieß lange Zeit, dass man zurückkehren würde, aber das geschah nie. Und das gleiche hatte mein Großmutter auch, als es nach Deutschland ging. Immer hieß es, wir gehen zurück, aber es passierte nie.

Ich hätte noch viele Fragen mehr, aber meine Zeit ist jetzt um. Ich persönlich finde es ist ein sehr interessantes Album, das sowohl inhaltlich als auch von den Songs her etwas ganz besonderes geworden ist.

D+E: Vielen Dank!

Ich danke Euch!

Am 25. August 2015 sind Sea+Air im Rahmen einer ihrer EVROPI-Releaseshows auf der Dachterrasse des Uebel&Gefährlich in Hamburg zu Gast. Tickets gibt es bei der Theaterkasse Schumacher.

Interview: Sebastian Madej

 



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