Ticket-Hotline: 040-343044 (Theaterkasse Schumacher)

SUCHE  

Interview: Kinky Friedman

credit: Brian Kanof

copyrights: Brian Kanof

„Our shit’s fucked up!“ So bringt Kinky Friedman den aktuellen Zustand unserer Welt in Form eines Songtitels auf den Punkt. Eines leicht abgewandelten Songtitels, denn eigentlich lautet er „My Shit’s Fucked Up“ und wurde von einem Country-Musiker namens Warren Zevon († 2003) geschrieben, bei dem Krebs diagnostiziert wurde. Es ist einer der Songs auf Kinky’s neuestem Album „The Loneliest Man I Ever Met“ (VÖ 09/2015), dessen Vorgänger-Release sage und schreibe 39 Jahre zurück liegt.

In der Zwischenzeit hat Kinky Friedman fast zwei Dutzend Bücher geschrieben (hauptsächlich Kurz-Krimiromane), hat sich als Politiker versucht und ist parallel mit seinem alten Songmaterial durch die Welt getourt. Doch weil ihm das nicht reicht, hat er auch seine eigene Zigarrenmarke auf den Markt gebracht. Er liebt Tequila, seine jüdischen Wurzeln und nicht zuletzt die Political Incorrectness. Für seinen Song „Get Your Biscuits In The Oven And Your Buns In The Bed“ (in etwa zu übersetzen mit „Schieb den Kuchen in den Ofen und deinen Hintern ins Bett“) bekam er 1974 von einer amerikanischen Feministinnen-Vereinigung den „Male Chauvinist Pig Of The Year“-Award verliehen.

Dieser exzentrische Country-Veteran, der sogar Nelson Mandela zu seinen Fans zählen durfte, kommt am 8. Mai 2015 für eine Show ins Knust. Mit Country Music und seinem sarkastischen, knochentrockenen Humor im Gepäck. Das haben wir zum Anlass genommen, den Kinkster auf seiner Ranch in Texas anzurufen und über Musik, das Leben und sein neues Album zu schnacken.

Kinky, die offensichtlichste Frage zuerst: Warum hat es fast vier Jahrzehnte gedauert, bis du endlich wieder ein Studioalbum aufgenommen hast?

Ach weißt du, ich denke das Leben kam einfach dazwischen. Bücherschreiben, meine Kandidatur als Gouverneur von Texas, Touren, andere Dinge tun eben.

Wenn man das Album hört, fällt einem sofort der Unterschied zu deinen früheren Sachen auf: Es ist viel ruhiger, melancholisch, sanft irgendwie. Allem voran der Titel „The Loneliest Man I Ever Met“. Was ist da passiert?

Zum einen sind es die Einflüsse. Ich höre sehr viel Leonard Cohen und Kris Kristofferson zum Beispiel. Aber am Ende ist „I’m The Loneliest Man I Ever Met“ ein 30 Jahre alter Song, den ich in Nashville zusammen mit Will Hoover geschrieben habe, als wir beide durch schwere Zeiten gegangen sind.

Die Stimmung des Albums rührt also von keiner aktuellen Einsamkeit oder so etwas wie Altersmilde?

Nein, es ist ein unbewusstes Konzept-Album. Die Songs, die ich ausgewählt habe, sind größtenteils Lieblingssongs von mir und zufälligerweise fließen sie wunderbar ineinander und passen als Gesamtwerk in die heutige Zeit. „My Shit’s Fucked Up“ ist nicht nur ein Song eines Mannes, der an Krebs stirbt, es ist ein Song über mein Land, über dein Land, über die Welt. Denn ‚our shit’s fucked up‘. Und ich bin mir nicht sicher, ob er reparabel ist.

Er lässt sich eine Weile über das Unvermögen heutiger Politiker aus, die Menschen zu begeistern und zu inspirieren. Wenn Kinky sich mal warmgeredet hat, dann wird er zum Traum eines jeden Interviewers: Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Im langsamen, knorrigen Texas-Zungenschlag und mit vielen Denkpausen, aber es lohnt sich, die abzuwarten.

Ich bewundere Leute wie Ghandi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Sie sind echte Anführertypen, die es immernoch schaffen, zu inspirieren. Deshalb bin ich auch so stolz darauf, dass Mandela meinen Song „Ride ‚em Jewboy“ in seiner Gefängniszelle auf Robben Island gehört hat. Ernsthaft. Erfahren habe ich das einmal auf einer Südafrikareise von seinem ehemaligen Mitgefangenen Tokyo Sexwale [südafrikanischer Politiker, Geschäftsmann und Mitglied des FIFA-Komitees, Anm. d. Red.]. Er erzählte mir, dass Mandela ein Fan meiner Musik gewesen sei und jenen Song immer abends vor dem Schlafengehen auf einem reingeschmuggelten Kassettenspieler angehört habe. Das ist für mich die größte Auszeichnung überhaupt. Viel besser als ein Grammy oder irgendetwas. Wo waren wir?

Bei der Stimmung deines Albums.

Ja, weißt du, die besten Songs werden doch von Songwritern geschrieben, die zu kämpfen haben. Wenn man zu berühmt wird, entfernt einen das von seiner Kunst. Du musst also hungrig bleiben. Nicht zu glücklich werden, sondern Glücksgefühle an allen Fronten bekämpfen. Wenn du ein Künstler sein willst, musst du dich mies fühlen. Das ist der Zustand in dem die großartigen Arbeiten entstehen. Die besten Songwriter sind die melancholischen Typen.

Du meintest, das Album enthält viele deiner Lieblingssongs. Es sind tatsächlich nur drei Eigenkompositionen von dir darauf, der Rest sind Covers.

Ich nenne das nicht covern, sondern neu interpretieren. Ich habe mich für dieses Album mit Willie Nelson zusammen hingesetzt und wir haben die Songs, die uns berühren, gemeinsam mit unserem Gefühl und unserem Sound aufgenommen. Und meine persönlichen Favourites sind „Christmas Card From A Hooker In Minneapolis“ [im Original von Tom Waits, Anm. d. Red.] und „Our Shit’s Fucked Up“.

Aber bei allen neuen Material enthältst du uns sicher nicht die alten Hits vor, oder?

Nein, natürlich spielen wir auf der Show auch die alten Lieblingshits wie „They Ain’t Makin‘ Jews Like Jesus Any More“, „Lasso From El Paso“, „Sold American“, „Gets Your Biscuits In The oven And Your Buns In The Bed“.

Kinky, ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast und freue mich tierisch auf die Show am 8. Mai! Möchtest du noch irgendwas loswerden?

Nur, dass ich mich ebenfalls freue, mal wieder in Deutschland aufzutreten. Das letzte Mal war in den Neunzigern. See ya soon, Hamburg!

Das Interview führte Dominik Freitag


Einen Kommentar schreiben