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Interview: Nada Surf (Teil 1)

Interview Nada Surf2016 ist das Jahr von Nada Surf. Nachdem die US-Amerikaner um Frontman Matthew Caws im Frühjahr eine umfangreiche Europa-Tour zum Album-Release spielten, sind jetzt aktuell die Sommer-Festivals an der Reihe und nach kurzer Europa-Pause kommen sie dann bereits im Herbst wieder. Unter anderem am 5. November nach Potsdam, wo sie gemeinsam mit dem Babelsberger Filmorchester ihre Songs präsentieren werden.

Im Rahmen ihres Konzertes im Mojo Club in Hamburg am 2. April nahmen sich Matthew Caws und später auch Daniel Lorca und Doug Gillard in ihrem Hotel Zeit für ein Interview mit Concert-News und um es vorweg zu nehmen, es wurde wahrscheinlich eines der persönlichsten Interviews, die der Nada Surf Sänger jemals gegeben hat. Für uns wurde es vielleicht eines der längsten, aber wir möchten es euch dennoch nicht in voller Länge vorenthalten und teilen es einfach in zwei Teile auf. Hier also Teil 1 mit Matthew Caws alleine…

Sebastian (sm) Fast genau ein Jahr ist es her, dass wir zusammen in Husum im Speicher waren und Maria ein Interview mit dir gemacht hat. Damals hast du uns erzählt, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, denn ein neues Nada Surf Album [You Know Who You Are] sei bereits unterwegs. Das klang für mich noch sehr weit entfernt. Doch nur wenige Wochen später hast du bei Facebook verkündet, dass das Album schon fast fertig sei und jetzt ist es endlich da. Was ist in der Zeit dazwischen, also in dem letzten Jahr, passiert? Wieso kam das Album letztlich doch so schnell?

Matthew: Du fandest, dass es schnell ging?

(sm) Ja, letztes Jahr klang es noch viel weiter entfernt.

Okay, also, was passiert ist, war, dass das Album eigentlich schon nahezu fertig war. Ich dachte, die Musik wäre fertig und dass keine neuen Songs mehr benötigt werden und ich nur noch die Lyrics einiger weniger Songs fertig stellen müsste. Dann habe ich das Album Josh Rosenfeld von unserem Label Barsuk Records geschickt und du musst wissen, unsere Beziehung zueinander ist wirklich echt. Es ist nicht so, als wenn er das große, böse Unternehmen ist, sondern er ist ein wirklich guter Freund von mir. Er hat mir dann geantwortet – ich weiß nicht mehr ob es per E-Mail oder per Telefon war – ich kann mich nur noch an das Gefühl erinnern. Und das Gefühl war, dass er quasi gesagt hat: „Ja, es ist super. Wirklich gut. Eure Fans werden es mögen und wir freuen uns, es rauszubringen.“ – Pause… Seeeeehr lange Pause. Und dann sagte er: „Es wird nicht dein Leben verändern… also falls dir danach ist… falls du das möchtest… vielleicht nimmst du zwei Songs wieder raus und schreibst vielleicht vier oder fünf neue Songs und überarbeitest ein oder zwei und dann denke ich, wirst du wirklich etwas haben.“

Das war wirklich mutig und cool für ihn als guter Freund von mir und vor allem auch als der Typ vom Label. Weißt du, nach so viele Jahren war das sehr ehrlich aber in einer so freundlichen und konstruktiven Art. Er hat mehr an mich geglaubt als ich selbst und er war noch mehr als gewillt, mir eine Chance zu geben; also habe ich mir gedacht, dass er wohl recht haben muss und habe genau das getan, was er vorgeschlagen hat.

Manchmal, wenn man ein Album fertig macht, hofft man einfach, dass es gut ist. Es könnte aber auch das beste seit jeher werden, das weiß man nie. Wie auch immer, ich habe gesehen, dass er Recht hat. Also habe ich einige neue Songs geschrieben und das Spannende daran war, dass es etwas anderes ist, an etwas zu arbeiten, das eigentlich schon fertig ist, als etwas fertig zu stellen. Denn wenn es bereits fertig ist, gibt es kaum ein Risiko, weißt du? Es ist ja schon fertig und man hat nichts zu verlieren.

(sm) Also hast du einiges geändert?

Ja! Wirklich viel! Vier oder fünf dieser Lieder gab es noch nicht, als ich auf Facebook schrieb, dass das Album fertig sei. Beziehungsweise, zwei Songs gab es schon, aber ich wollte sie nicht aufs Album packen. Diese zwei habe ich mit Dan Wilson von Semisonic zusammen geschrieben. Wir haben das nur als Experiment gemacht. Wir haben einen gemeinsamen Freund, der so nett war, mich ihm vorzustellen.

Interview Nada SurfDas war sehr nett, denn Wilson hat “Someone like you” mit Adele geschrieben! Er kann mit jedem schreiben, mit dem er will und so war es wirklich nett von ihm. Wir sind dabei echt gute Freunde geworden, ich habe ihn wirklich gern und es war eine großartige Erfahrung. Wir saßen vier Tage lang zusammen in seinem Haus und den ersten Tag haben wir einfach nur miteinander gesprochen. Ungefähr sieben Stunden lang, einfach nur über die Geschichten des Lebens, Dinge die uns beschäftigen, Dinge, die uns auf dem Herzen liegen, Sorgen über die Zukunft, Romanzen – wirklich alle möglichen Dinge. Und dann, an den folgenden Tagen, saßen wir zusammen rum und schrieben und er war quasi ein Coach für mich in der Art, wie er einfach war.

Wir begannen mit etwas und dabei hab ich mich so wohl gefühlt, dass ich begonnen habe zu improvisieren, zu free-stylen. Ich hab mir einfach was ausgedacht. Und er hatte sein iPhone da und hat es immer mal wieder einfach rausgeholt und auf „Aufnahme“ gedrückt. Da dachte ich „Oh, ich bin auf dem richtigen Weg“ und dann hat er die Aufnahme gestoppt und ich dachte „Oh, ich sollte etwas ändern, okay, lass mich was anderes probieren“. Das war wie ein kleines Signal für mich, so wie „heiß“ oder „kalt“. Und das andere, was er tat und was super war, war, dass ich ihm eine Melodie vorgesungen habe und dann hat er sie zu sich selbst gesungen, nur ganz leise für ein paar Minuten und dann laut für mich, wobei er nur zwei winzige Dinge geändert hat, wie eine Note nur ein kleines bisschen niedriger und eine kleine Änderung im Timing und auf einmal war es doppelt so gut wie vorher.

Also wirklich, wirklich gut. Wir haben einen ähnlichen Sinn für Melodien.

(sm) Welche Songs auf dem Album sind das?

Es sind “Rushing” und “Victory Is Yours”. Und “Gold Songs” is brandneu und “Friend Hospital” … oder vielleicht hatte ich das auch doch schon?

(sm) Ja, dass hast du in Husum schon gespielt.

Ah okay, dann gab es das schon. “You Know Who You Are” ist auch neu.

Elena (eh) Was kam zuerst, der Albumtitel oder der Song?

Der Albumtitel war zuerst da und dann habe ich den Song erst geschrieben.

(sm) Wo wir gerade beim Albumtitel sind, euer Plattenlabel sagt in der Bandbiographie über euch, dass mit den 10 Songs des neuen Albums jede Facette der Band aufgefangen wurde. Ist das vielleicht der Grund, weshalb du das Album “You Know Who You Are” genannt hast? Also, dass ihr jetzt nach 20 Jahren auch wisst, wer ihr seid und was ihr könnt und eure Fans wissen, wer ihr seid.

Tatsächlich nicht, aber das werde ich häufig gefragt und ich denke, es ist eine gute Interpretation. Aber, wisst ihr, ich finde es toll wenn ein Titel viele Interpretationen hat. Dieser Titel hat wohl zwei witzige Bedeutungen und eine echte Bedeutung. Die witzigen Bedeutungen sind „Ask who“-Fragen, wie „Wir konnten den Film nicht machen ohne… zu viele Leute, um sie alle zu nennen, aber ihr „wisst schon wer ihr seid““ oder „Der Film wurde fast zerstört durch eine Person, aber ich kann sie nicht nennen – „du weißt schon wer du bist““.

Aber was es wirklich bedeutet, ist wie ein Kommentar zum Bauchgefühl und wie ich in den letzten zwei Jahren viele Entscheidungen treffen musste und ich hatte oft das Gefühl, das ich gar nicht wusste, was mein Bauchgefühl mir sagen wollte. Eigentlich denkt man ja, das Bauchgefühl würde automatisch funktionieren – „Folge deinem Herzen“, „Mach was du fühlst“, „Geh mit deinem Bauchgefühl“ – aber was ist, wenn du kein Bauchgefühl hast? Oder was ist, wenn du zwei oder drei verschiedene Gefühle hast und sie sind alle gegensätzlich? Also habe ich versucht, einfach entspannt bei diesen Fragen zu sein und der Albumtitel ist wohl für jemanden in einer ähnlichen Situation. Das ist das, was ich immer tun wollte – ich habe mit mir selbst gesprochen – aber dies öffentlich zu tun, weil es bestimmt jemanden in der gleichen Situation gibt, mit den gleichen Gedanken, also spreche ich auch mit diesen Leuten. Denn wenn wir das gleiche Problem haben, sollten wir miteinander sprechen, oder?

Also sage ich zu jemand anderem „Wenn du Probleme hast, herauszufinden, was du tun sollst, falls du Probleme hast, die richtige Antwort auf eine Frage zu finden oder schlichtweg herausfinden willst, wer du bist oder sein solltest – Du bist zum einen nicht allein, zweitens versuche zu schlafen und etwas Gutes zu essen, treffe dich mit Freunden wenn du kannst – das müssen nicht viele sein, vielleicht ein oder zwei, geh spazieren und am Ende wird alles gut, du findest es schon heraus. Denn du weißt es bereits, aber es ist so schwierig, die Lösung zu finden weil wir so kompliziert sind.

(sm) Das passt perfekt zum Album.

Ja, stimmt genau! Und ich finde, das Album hat so viele Facetten von uns, was nicht unbedingt unsere Absicht während des Aufnehmens war, sich aber bei der Wahl der Songs für das Album ergab. Am Ende hatten wir so ungefähr 17 Songs oder so, und beim Auswählen war es zum Beispiel so, dass wir sagen „Also das „New Bird“… das klingt irgendwie wie unser erstes Album.“ Das war etwas komisch… aber ich erinnere mich, als wir versucht haben, es zu arrangieren, hat Ira versucht herauszufinden, wie er es spielen soll und ich sagte „tu einfach so als wäre es 20 Jahre früher, als wir zum erstem Mal miteinander spielten. Weißt du noch, wie sich das anfühlte?“. Und Ira war sofort „Ah ja!“ und hat angefangen zu spielen. Und nun klingt wohl wie das „alte“ Nada Surf, glaube ich, was echt Spaß bringt! Und es ist schön zu denken, dass wir eine kleine Tour unserer verschiedenen Perioden machen.

(eh) Wie klappt das die Songs zusammen aufzunehmen, wo du doch in England wohnst und Daniel in Ibiza?“

Ja, also es ist vor allem anders als früher. Ich vermisse es, einfach einen Proberaum zu haben und sich dort zwei, drei, vier mal die Woche zu treffen. Da gibt es kaum Druck. Aber nun müssen wir solange warten, bis ich ein paar Songs geschrieben haben, also genug bis wir denken, es reicht aus, dass jeder das Geld ausgibt und rüber fliegt.

(sm) Du schreibst also die Songtexte?

Ich schreibe die Songs.

(eh) Und ihr arrangiert sie dann zusammen?

Genau.

(eh) Hast du schon immer alle Songs geschrieben, also seit 1996?

Interview Nada SurfEs war ein wenig anders. Das ist schwierig zu sagen. Ich war immer etwas zurückhaltend, das so klar zu sagen, weil ich immer fand, dass wir in der Band eine echte Demokratie haben sollten und deswegen haben wir immer gesagt „ja ja, wir schreiben die Songs alle zusammen“ aber das tun wir eigentlich nicht. Daniel hat früher mehr Songs geschrieben, natürlich die, die er auch selbst singt. So wie „Slow down“. Obwohl, der Refrain von „Slow down“ ist eigentlich unser Song „Robot“ rückwärts. Es war ein Tape mit 4 Tracks und ich hab’s einfach umgedreht.

Es ist also eine ziemlich merkwürdige Entwicklung, da es Rückwärts-Musik ist. Die Idee hatte ich von Camper van Beethoven, denn sie haben gesagt, jeden Song, den sie sehr gerne mögen, spielen sie einfach rückwärts und schauen ob sie noch einen Song draus machen können. Es gibt auch einen Turtles-Song… mir fällt grad nicht ein welcher… aber wie auch immer, die haben zwei Hits und der eine ist der andere rückwärts. Aber zurück zu Daniel… „Icebox“ und natürlich „La pour ça“… er hat früher mehr selbst gesungen.

(eh) Er singt aber nicht mehr live, oder?

Er singt teilweise die zweite Stimme.

(eh) Stimmt, aber keine Leadstimme oder?

Nein, nicht mehr, die Stimme ist nicht mehr so da. Er hat allerdings kürzlich aufgehört zu rauchen, also vielleicht kommt sie wieder – man weiß nie.

Ah und „Baby, I only wanna make you happy“ [singt], das ist Ira. Es ist also in den einzelnen Momenten… es kann alles da sein.

(eh) Letztes Jahr wurdest du gebeten, eure Alben in eine Reihenfolge zu bringen vom besten zum schlechtesten Album. Bist du mit deiner Antwort immer noch zufrieden? Und wo würdest du das neue Album einordnen?

Oh [lacht], es liegt grad ziemlich weit oben! Ich mag es! Ich sage das jetzt bewusst, denn bei dem Interview hieß es auch „Aber letztes Jahr hast du gesagt, es wäre das neue Album und als ich 2012 mit dir gesprochen habe, war es „The Stars Are…“. Und meinte nur „Ja, ich weiß, es tut mir leid“ aber ich fühle mich so gemein wenn ich zum Beispiel sage, dass ich Echo and the Bunnymen wirklich liebe und die ersten vier Alben einfach magisch sind aber bei den folgenden, ich weiß nicht, sieben Alben, da hat Ian McCulloch bei jedem neuen Album gesagt, es sei genauso gut wie „Ocean Rain“ und ich dachte immer nur „Auf keinen Fall!“ und „So gut waren sie einfach nicht und sie werden niemals wieder so gut sein!“ Naja und ich will nun mal nicht genauso sein, aber ich mag das neue Album wirklich gerne. Ich weiß nicht, wie es später sein wird, aber ich mag es gerade wirklich.

(sm) Ich mag es auch sehr und ich habe bei keinem Song das Gefühl, ich will beim Hören zum nächsten Lied weiter schalten. Aber andererseits kann ich auch nicht sagen, welches mein Lieblingslied ist, weil es dauernd wechselt. Es erscheint mir insgesamt ein sehr homogenes Album.

Ja genau.

(eh) Hast du ein Lieblingslied, Matthew? Auf dem neuen Album?

[Ohne zu zögern] „Friend hospital“, das mag ich wirklich gerne. – Pause – Ich weiß nicht… ich mag „Cold To See Clear“ auch gern, es bringt Spaß es zu singen. Ich weiß nicht… aber insgesamt – ich will nicht sagen, es ist das beste Album der Welt – aber bei dem was wir so tun, ist es wirklich gut.

(sm) Ist die ganze Band zufrieden mit dem Album?

Absolut! Wir sind alle total aufgeregt!

(sm) Und City Slang, euer Label hier?

Sie lieben es! Die Plattenlabels sind so glücklich wie schon länger nicht mehr.

(eh) Hast du ein Nada Surf Lieblingslied? Also eines, bei dem zu sicher bist, dass du es für immer mögen wirst?

Oh, ich weiß nicht. Ich mag die Lieder, die etwas in den Menschen zu bewegen scheinen, weil ich mich dadurch gebraucht fühle. Also ich mag es, wenn die Lieder etwas Sinnvolles bewirken, also nicht nur, dass sie ein gutes Gefühl bewirken, sondern, wenn sie helfen. Das ist mir wichtig, weil ich nun mal einen etwas merkwürdigen Job habe. Und Teile davon sind wirklich schwierig. Songs zu finalisieren oder Alben zu machen. Songs anzufangen, ist zwar nicht so schwierig, es kann einem höchstens Angst machen, wenn man etwas zugibt, was ungemütlich ist oder offen zugibst, dass man vor etwas Angst hat, denn dafür muss man sich öffnen. Viele Menschen haben Angst davor, sich zu öffnen. Und ich habe das schon wirklich viel gemacht, aber ich habe immer noch Angst davor.

Es ist einfach so. Aber dann einen Song zu finalisieren, zu beenden, das ist Arbeit. Aber trotzdem benötigt man dafür nicht wirklich Können – auch wenn es sich komisch anfühlt wenn ich das sage. Es benötigt einfach nur Toleranz, denn wofür man bezahlt wird, ist nicht das Singen – ich meine, ich liebe singen – und singen ist einfach für niemanden schwer, man macht es einfach und hoffentlich wird man mit der Zeit besser. Das einzige was du tun musst, ist auf dein Ohr aufzupassen und du darfst nicht denken „oh mein Gott, ich bin so gut“, denn dann singst du wie ein… Arschloch.

Man sollte demütig und pflichtbewusst bleiben. Aber wofür wir eigentlich bezahlt werden, ist oft von zu Hause weg zu sein und das ist wirklich eine merkwürdige Sache, für die man bezahlt wird. Viele Leute arbeiten körperlich viel härter. Wie auch immer, was ich damit sagen möchte, ist, dass man sich immer bewusst machen sollte, dass wenn das Album fertig ist, dann bin ich draußen und versuche Verbindungen zu den Menschen aufzubauen, was ich wirklich gerne mache. Aber es ist einfach ein recht geringer Druck wenn man es mit zum Beispiel einem Arzt oder so etwas vergleicht. Also, wenn die Menschen etwas für sich aus den Songs rausholen, das gibt mir das Gefühl, nützlich zu sein.

Aber wie auch immer: „See These Bones“ und „Always Love“!

(sm) Das neue Album wirkt fröhlicher als es die Alben früher waren. Ist es sehr anders für dich, jetzt Songs zu schreiben im Vergleich zu früher? Jetzt, wo du um so viele Erfahrungen reicher bist und weißt, wie das Leben so läuft und der Druck entsprechend auch geringer ist.

Ja, das kommt vielleicht wirklich von dem Gefühl, dass ich gebraucht werden und etwas Sinnvolles tun möchte. Vielleicht habe ich früher einfach mehr über meine Ängste geschrieben, das klingt vielleicht etwas abgedroschen, aber es gab einfach mehr „Angst“, mehr Unsicherheiten. Und ich bin immer noch ähnlich unsicher, aber ich will einfach nicht mehr drüber sprechen! Es fühlt sich eher maßlos an und nicht sonderlich nützlich. Denn als Ratschlag an einen jüngeren Hörer oder eine jüngere Person, hat das Teilen meiner Unsicherheit eine Bindung aufgebaut, und hat vielleicht bewirkt, dass sich jemand weniger allein gefühlt hat aber wenn ich diese Gefühle jetzt teile, wünsche ich mir, ich wäre darüber hinweg.

Und jetzt hoffe ich, dass eine jüngere Person, die die Songs hört, in meinem Alter ebenfalls darüber hinweg ist. Das würde sich jetzt also anfühlen, als wäre ich ein schlechtes Beispiel. Es ist zwar nicht so, als wenn man das feiert, worüber man singt, aber irgendwie, ein kleines bisschen wird es „romantisiert“. Ich meine, Lieder machen doch jeden Inhalt irgendwie etwas romantisch. Und das möchte ich heute einfach nicht mehr so wie früher, weil ich besser als das sein will. Ich habe mich also davon weg entwickelt, mein möglichst wahres Ich zu zeigen, dahingehend nun mein bestmögliches Ich zu sein.

Dillon hat ein interessantes Zitat gebracht, wo er sagt, ein Lied ist wie ein Rede – es fühlt sich für mich zwar nicht ganz richtig an, aber ich mag das Zitat – und du versucht die möglichst heldenhafteste Rede zu geben. Das entspricht nicht dem, wie ich fühle, aber es ist einfach das Nützlichste was ich habe, es zu versuchen und ruhig zu sein – ich bin eigentlich eine super-nervöse Person und eher ängstlich und ich habe die letzten 10 Jahre wirklich hart gekämpft, einfach darüber hinweg zu kommen weil man einfach nur einmal lebt und ich will kein ängstliches Leben. Also muss ich es einfach hinkriegen. Ja, also deswegen ist das neue Album wohl so positiv.

(eh) Bist du immer noch nervös wenn du Konzerte spielst?

Nicht mehr so sehr.

(eh) Ist es einfacher mit der Band zusammen oder sogar besser weil es mehr Spaß macht? Im Vergleich zu den Solo-Shows, die du im letzten Jahr gespielt hast?

Oh, ich kann nicht sagen, was besser ist. Beides hat wirklich seine Vorteile, muss ich sagen, ich mag wirklich beides gern, es ist unterschiedlich.

(sm) Ist es einfacher allein, weil du weniger Kompromisse eingehen musst?

Ja, das stimmt teilweise. Was ich am alleine spielen mag ist, dass ich den Tag über meistens viel Zeit für mich allein habe und dann bin ich wieder viel mit Leuten zusammen und ich brauche wirklich beides. Manchmal hat man auf der Tour einfach nicht genug Zeit für sich allein. Aber die anderen sind wie Brüder für mich, wir sind eine wirklich liebevolle Familie. Es kommt vielleicht auch auf den Club an und was ich auf der Bühne hören kann.

(sm) Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass eure Auftritte – heute bei Michelle Records und morgen im Mojo – viele Leute sehr glücklich machen werden? Einfach nur, weil du deine bzw. eure Musik spielst. Wenn man mit den Leuten in Hamburg darüber spricht, dass Nada Surf in die Stadt kommt, haben sie so ein Funkeln in den Augen; eure Konzerte sind wirklich besondere Momente für viele Menschen hier. Das muss ein wirklich tolles Gefühl sein.

Das ist es, es ist wirklich ein tolles Gefühl. Ich meine, ich bin so dankbar – wie ich ja gesagt habe, dass ich eigentlich eher ängstlich und nervös bin – ich wäre wahrscheinlich ein noch größeres Wrack wenn ich nicht so viel Liebe entgegen gebracht bekommen würde. Es ist ein bisschen so, wie man sagt, dass ein Geschenk schenken sich besser anfühlt als eines zu bekommen. Und ein Geschenk zu bekommen, fühlt sich wirklich großartig an! Ich will nicht dramatisch klingen, aber so habe ich nicht mein Leben verschenkt.

(eh) Wo wir gerade über Menschen und insbesondere euer Publikum sprechen: In Hamburg wird uns als Publikum häufig gesagt, dass wir so höflich und ruhig sind, vor allem bei ruhigen Liedern. Seht ihr diese Unterschiede auch wenn ihr in der ganzen Welt spielt, dass zum Beispiel das Publikum in Frankreich so und so ist und das in den USA wieder ganz anders?

Interview Nada SurfFür uns persönlich gleicht es sich immer mehr an, weil unser Publikum immer vertrauter wird – wir kennen uns gegenseitig immer besser – manche von Ihnen sind seit 20 Jahren dabei – und dabei werden die Wilderen ruhiger und die Ruhigeren sind etwas wilder geworden. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, Japan ist zum Beispiel wirklich interessant. Es gibt super verrückten Applaus aber nur bis der allerletzte Ton verklungen ist – dann ist Totenstille. Sie sind unglaublich höflich, warten ab ob wir vielleicht etwas sagen wollen und dann kommt der nächste Song. Manchmal sind große Städte auch einfach etwas leiser. Das ist wahrscheinlich logisch, weil sie einfach mehr Konzerte sehen. Das verrückteste Publikum, was wir jemals hatten, war auf jeden Fall in einer kleineren Stadt in Brasilien, was wirklich Spaß gemacht hat. Und gestern in Oslo – wir haben seit 19 Jahren nicht in Oslo gespielt, wir waren da nur das eine Mal damals – da war das Publikum super aufgeregt, was toll war.

(sm) Es war sicher ausverkauft? Wie groß war die Location?

Ja, es war ausverkauft. So circa 300 – 350 Leute.

(eh) Habt ihr überlegt etwas Besonderes zu machen, um das 20jährige Jubiläum zu feiern?

Ja, wir hatten das eigentlich überlegt. Dann hat es sich aber so ergeben, dass wir so nah dran waren, das neue Album fertig zu machen, dass es das Album verzögert hätte, hätte wir was gemacht. Und wir wollten es nicht noch später rausbringen, es war also nicht umsetzbar. Auf der anderen Seite ist es ziemlich lustig, dass es so einfach ist, das 20jährige Jubiläum einfach zu verschieben. Deutschland war zum Beispiel am schnellsten, schon vor 2 Jahren hieß es hier „Es sind 20 Jahre!“ und kürzlich haben andere Länder gemeint „Es sind 18 Jahre!“. Irgendwie weiß es wohl niemand so genau. Aber 1996… du hast recht, dieses Jahr ist wahrscheinlich der spätesteste Zeitpunkt, wo wir es noch sagen können. Dann sind es 21 Jahre. Wir hätten es aber schon 2015 oder auch 2014 machen können. Aber wie auch immer… tatsächlich gibt es keine Pläne zur Zeit.

(sm) Aber dann 25 Jahre… also das wäre doch ein Anlass…

Ja stimmt, 25 Jahre ist sogar noch viel besser [lacht].

(sm) Wo siehst du Nada Surf in 10 Jahren?

Puh, das ist spannend… keine Ahnung… definitiv zusammen, auf jeden Fall machen wir immer noch Platten… wahrscheinlich touren wir aber nicht mehr ganz so viel, wie wir es dieses Jahr geplant haben.

(eh) Aber Hamburg ist für immer auf der Liste, oder?

Natürlich, klar, immer [lacht]! Aber es wird sicher nicht so viel sein, wie dieses Jahr. Tatsächlich kann ich es noch nicht sagen und ich weiß noch nicht genau wann und wo, aber von Mitte September bis Weihnachten wird es wieder ein voller Terminplan für uns.

(sm/eh)


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