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Interview: Hundreds

hundreds2Dystopische Landschaften offenbaren sich vor dem inneren Auge, wenn man das neue Werk der Band Hundreds hört. Die Geschwister Eva und Philipp Milner haben mit „Wilderness“ ein Album produziert, das den Hörer von Beginn an in einen dunklen Sog mit ganz eigener Ästhetik zieht. Dabei waren die Ausgangsbedingungen eigentlich wie geschaffen für besinnliche Kompositionen: Wie schon das Vorgängeralbum „Aftermath“ entstand auch „Wilderness“ auf einem idyllischen Gehöft im Wendland, fernab vom Großstadttrubel.

Trotzdem sind viele der Songs von einem apokalyptischen Grundgedanken getragen, mit dem sich die Philosophen schon seit Ewigkeiten beschäftigen. Warum sich Sängerin Eva davon nur schwer lösen kann, wie die Band diese Thematik live umsetzt und was Nanomikroskopie mit all dem zu tun hat, erzählt sie im Interview nach ihrem Konzert im Hamburger Gruenspan.

Bei eurem Gig im Gruenspan waren die Zuschauer wie hypnotisiert. In Sachen „Visualität“ legt ihr euch immer besonders ins Zeug…
Von Anfang an war uns bewusst, dass wir im Kern nur zur zweit sind. Trotzdem muss man als Band den Blick des Publikums einfangen und die Leute bannen. Da wurde uns schnell klar, dass wir eine Lichtshow wollen. Philipp ist durch seine Bühnenerfahrung als Musiker bei Clueso erfahren und hat das damals angeleiert. Im Laufe der Zeit haben wir die Lichtshow gemeinsam mit Freunden weiterentwickelt.

Gibt es einen speziellen Weg, den ihr dabei einschlagen möchtet oder experimentiert ihr einfach gerne mit Licht und Schatten?
Viel Neues ist jetzt nicht dabei. Schwebende Aufbauten a la Helene Fischer wären für eine Band unserer Größe auch utopisch (lacht). Trotzdem haben wir für die Bühnenshow unseren bescheidenen finanziellen Rahmen bis ins Letzte ausgereizt und werden es weiterhin tun.

Das neue Album „Wilderness“ wurde erst im Laufe eurer Tour veröffentlicht. Wie hat das Publikum die neuen Songs aufgenommen?
Es war spannend, die Reaktionen zu sehen. Ich hatte das Gefühl, dass es ein anderes Hinhören als bei den bereits bekannten Songs war, aber allgemein gab es eine positive Resonanz.

Mit welcher Stimmung wollt ihr die Hörer entlassen, die das Album gehört haben?
Schlechte Laune (lacht)! Nein, aber das Album nimmt einen schon anders ran als die Alben zuvor. Die Sound-Ästhetik ist viel düsterer, genau wie die Texte. Der Hörer soll sich im besten Fall sagen: Ich möchte es noch einmal hören. Und noch einmal. Es gibt einfach sehr viel zu entdecken.

Dabei ist es durchaus kein Feel-Good-Album.
Stimmt. Ich höre auch selbst keine Musik, die grundsätzlich happy ist. Mich kickt das nicht.

Steckt ein Statement dahinter, das ihr vermitteln möchtet?
hundreds3Das Statement ist im Grunde genommen eines, das die Philosophen schon vor tausenden Jahren behandelt haben: Der Mensch ist ein völlig seltsames Tier, das sich langsam selbst abschafft und sich seiner eigenen Lebensgrundlage beraubt. Wir sind eine hochentwickelte Spezies, aber wir machen nur Mist.

Gab es eine Initialzündung für diesen Gedanken?
Diesen apokalyptischen Grundgedanken habe ich schon, seitdem ich acht Jahre alt bin. Als ich damals von der Existenz von Atomkraftwerken erfahren habe, konnte ich das gar nicht fassen. Ich konnte nicht verstehen, wie der Mensch mit etwas umgeht, was er eigentlich nicht bändigen kann! So etwas steht eigentlich gar nicht in unserer Macht. Man sieht ja, dass es nur Probleme mit sich bringt.

Und das hat dich nie so richtig losgelassen?
Ja, das ist ein Thema, was mir schon immer unter den Nägeln brannte. Ich habe mich schon immer im Umweltschutz engagiert und auch unsere Eltern haben uns dahingehend sehr geprägt.

Hat euer Artwork etwas mit dieser Thematik zu tun? Was ist das überhaupt?
Was du da siehst, ist kleiner als die Größe eines Atoms! Das ist Kupferperoxid, das durch ein Elektronen-Nanomikroskop aufgenommen wird und über einen Magneten gehalten wird. Fotografiert wurde es vom amerikanischen Künstler Michael Oliveri. Wir fanden das ganz faszinierend: Erst vermutet man eine dystopische Landschaft, aber mehr und mehr denkt man sich, dass irgendetwas damit nicht stimmt. Es lädt ein, sich näher damit zu beschäftigen.

Genau wie eure Musik. Für mich wirkt „Wilderness“ wie aus einem Guss, aber ein Konzeptalbum ist es ja trotzdem nicht….
Ja, wir haben auch etwas poppigere Songs auf dem Album. Da schlagen immer zwei Herzen in unserer Brust. Zum einen das Düster-Experimentelle und dann das klassische „Strophe, Refrain, Bridge, ab dafür“-Prinzip. Dieses Mal wollten wir collagenartiger arbeiten und das Düstere in den Vordergrund stellen.

Aber könntet ihr euch vorstellen, ein gesamtes Konzeptalbum zu produzieren?
Wir hätten da riesige Lust drauf! Das Problem am Konzeptalbum ist aber, dass das Konzept „Album“ nicht mehr funktioniert. Die Leute haben einfach nicht mehr die Zeit, um sich komplette Alben anzuhören. Zudem ist es verdammt schwierig, dass es am Ende wirklich zusammenpasst. Ich habe großen Respekt davor, wenn Künstler so etwas schaffen. Wenn wir das versuchen würden, würde es sicherlich zehn Jahre dauern.

Obwohl ihr aus der Großstadt kommt, ist das Album wie schon der Vorgänger auf einem Bauernhof im Wendland entstanden. Hat denn die Arbeit auf dem Lande einen Einfluss auf euren Sound ausgeübt?
Im Grunde genommen hätte das Album exakt genauso in unserer Heimat Hamburg entstehen können. Wir sind jedoch in der ländlichen Umgebung viel besser vorangekommen. So konnten wir etwa morgens ganz bequem vom Bett ins Studio gehen und den ganzen Tag dort verbringen. In der Großstadt war es logistisch immer schwieriger, da musste man sich durch den Stadtverkehr zum Proberaum am Ende der Stadt quälen.

Und man hat sicherlich mehr Ruhe.
Genau, die Ruhe war einer der größten Einflüsse. Es gibt viel weniger Werbung von allen Seiten. Wenn ich in Hamburg mit der U-Bahn fahre, dann sehe ich überall nur Bewegung, blinkende Neonlichter und Reklamen. Ich brauche das nicht.

Habt ihr nach der Tour vor, weiter im Wendland zu arbeiten?
Wir fangen jetzt langsam wieder an und haben schon neue Song-Ideen. Nach dem ersten Album haben wir gemerkt, dass es nicht gut ist, wenn man zwischendurch zwei Jahre Pause hat…

Gibt es denn sonst noch Dinge, die du gerne anders machen würdest? Was würdest du deinem Ich zu Beginn eurer Karriere empfehlen?
Behalte dir einen langem Atem bei. Habe Geduld. Ich habe mir damals vorgestellt, dass das alles ein bisschen schneller geht: „Jetzt haben wir ein Label – jetzt geht’s rund!“ Aber es passiert nicht alles auf einmal, sondern langsam nacheinander.

Hat dich das gestört?
Ich war zunächst sehr ungeduldig, aber mittlerweile bin ich froh, dass es so gekommen ist. Wir haben ja keinen Hit, der uns über Jahre prägt und unser Publikum ist sehr vielschichtig. Das ist aber auch gut so und passt viel besser zu uns. Von daher würde ich jeder jungen Band raten: Haltet durch, erwartet nicht zu viel – und lasst euch nicht zu viel erzählen!

Das hat bei euch bestens geklappt. Das Gruenspan war für ein Solokonzert eine eurer größten Konzertlocations, oder? Wenn ich da an das Campusfest in Jena 2010 denke…
Ja (lacht)! Das war so witzig. Es hat so sehr geregnet und Philipp hat „Singing In The Rain“ gespielt, während die anderen die Plane hochgehalten haben, damit nichts nass wird. Heutzutage hätten wir zumindest eine ordentliche Bühne eingefordert. Trotzdem denke ich da noch gerne zurück.

Interview: Danilo Rößger


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