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Jeden Tag Silvester: Gruenspan statt Tetris

by Sanda Ludewig Konfetti FarbeSie brauchen kein Konfetti, keine Raketen und erst recht keine Böller. Jeden Tag Silvester haben es im Gruenspan ordentlich krachen lassen. Ihr Mut hat sich ausgezahlt, sich räumlich fast zu verdoppeln. Im Knust hätte das Publikum wohl Tetris spielen müssen, um überhaupt Platz zu finden. Um einiges stilsicherer und lauter als gewohnt war das ein amtliches Musikhighlight. Wir sprachen mit der Band kurz vor ihrem Auftritt über ihr aalglattes Image und welche Hunderasse in ihnen lauert.

Sind Jeden Tag Silvester verkopft oder verherzt?
Niclas: Sowohl als auch!

Tom: Einer ist auf jeden Fall verkopft.

Bertram höchstwahrscheinlich?
Bertram: Vor allem vor dem Konzert. Das wir einmal im Gruenspan spielen, war immer ein Traum von uns. Aber ich denke da dann gar nicht drüber nach, sondern bin ganz angespannt und mache mir stattdessen die ganze Zeit Gedanken über die Ansagen, die Liedtexte oder die Akkorde, ob ich die denn alle kann. Und Tom reist die Arme in die Luft und schreit: „Yeah….Jungs, überlegt mal, wo wir heute sind! Das ist mega!“, strahlt und umarmt einen. So wär ich auch gern. Deswegen sind wir halt beides, weil in der Band einfach alle Charaktere vertreten sind.

Braucht eine Band Charaktertypen?
Tom: Unbedingt! Man fragt sich immer, warum es mit vier grundunterschiedlichen Typen eigentlich funktioniert, das ist ein Stück weit auch die Formel, dass man sich einfach ergänzt. Das jeder seine positiven Eigenschaften mit rein bringen kann. Die Negativen werden von den anderen mit aufgefangen.

Bertram: Ich glaube, das ist ganz nah an einer Beziehung zwischen zwei Menschen. Es ist nie sehr gut, zu gleich zu sein, in jeglicher Beziehung, Ehepartner oder eine Freundschaft zu einem Kumpel. Man lernt am meisten von dem anderen, wenn man unterschiedlich ist, aber den gleichen Nenner hat. Die Musik verbindet uns, das ist ganz schön.

Niclas, du meintest mal, durch verkrampfen geht die Leidenschaft für die eigene Musik verloren, wie bleibt man denn entspannt?
Niclas: Die Aussage ist ein bisschen darauf gemünzt, dass man früher mit Biegen und Brechen unbedingt den Erfolg reißen wollte. Irgendwann haben wir gemerkt, wenn wir das tun und uns so unter Druck setzen, sind wir alle nur noch angespannt und haben weniger Freude, sowie Leidenschaft am Musizieren. Wir haben gelernt das ein bisschen zurückzufahren. Bertram ist bei uns halt immer sehr verspannt, aber dann reden wir immer viel, mit Hand auflegen und so.

Bertram: Niclas massiert mich vor Konzerten oft und greift mir nochmal in den Nacken.

Welcher Charaktertyp spiegelt denn wen von euch wieder?

by Sandra Ludewig Band FarbeBertram: In Hunden ausgedrückt, ist Tom ein Golden Retriever. Nic ist unser Jack Russel Terrier und Till ist eher so ein ruhiger, weiser, zuverlässiger Dackel.

Tom: Till hat tatsächlich noch niemals einen Termin abgesagt.

Bertram: Es gab sogar mal eine Zeit, da hat er in Niebüll bei Sylt gewohnt und ist immer zwei Stunden zu uns runtergegondelt. Vielleicht ist er dann eher ein Windhund!

Jeden Tag Silvester Hunde1Tom: Und Bertram ist so unser Labrador. Auf der einen Seite zielstrebig, ein Kämpfer und auf der anderen ein Herzmensch.

Carsten (Tonmann): Der spielt gern und weil er zauberhafte Texte schreibt ist er unser Labrakadabrador.

Bertram: Das ist übrigens Carsten, der heute für uns den unfassbaren Ton macht.

Feiert ihr auch privat jeden Tag Silvester?
Bertram: Das kann man ja gar nicht durchhalten.

Tom: Ich wurde eben von dem Veranstalter draußen angepöbelt, spaßeshalber natürlich, wieso trinkt ihr immer so wenig Alkohol und seid so brav. Ich sag so, ich trink doch mit dir.

Niclas: Das hat er zu dir gesagt?

Tom: Ja! Er sagte so, du bist ja der Einzige, der hier mal Gas gibt. Abseits der Musik machen wir schon mal was zusammen, aber privat ist jetzt nicht jeden Tag Party angesagt.

Stimmt, ihr wirkt brav und so aalglatt werteorientiert. Dabei habt ihr den Bandname ja gewählt, um etwas zu provozieren.
Bertram: Sind wir ja auch. Wir sind wenig Rock´n´Roll und sehr viel Spießer, aber mit Verrücktheit drin. Was uns halt auszeichnet ist, dass wir relativ normale Typen sind, die einfach extrem Bock auf ihre Musik und das was wir erleben dürfen haben. Das ist aber auch extrem einbindend, sodass man sich als Band immer wieder selber hinterfragt.

Niclas: Ja und nein. Diese Zweideutigkeit haben wir ja aber auch bewusst gewählt. Jeden Tag Silvester bedeutet auf der einen Seite jeden Tag Rock´n´Roll, aber spiegelt das ja auch wieder, was Bertram sagt, sich reflektieren was man eigentlich wirklich will, was man eigentlich erreichen kann und sich für Ziele setzt. Das macht man Silvester ja ganz gerne und das machen wir halt jeden Tag. Da ist dann auch wieder dieses Verkopfte irgendwo in uns drin. Das findet sich dort wieder.

Und auch was man in der Welt eigentlich ändern will? Ihr singt ja „Der Mensch ist zu faul, zu blöd, zu bequem.“
Bertram: Ja, weil man sich selbst so erwischt, diese konsequente Inkonsequenz. Man möchte immer ein besserer Mensch sein, sich besser verhalten, weniger Müll verbrauchen. Aber es ist halt auch echt schwer gut zu sein. Irgendwie erinnert das Lied immer wieder an diesen Wohlstandskrieg. Uns fehlt es an nichts und sich in diesem Wohlstand immer wieder bewusst zu machen, wie viel man eigentlich verbraucht oder gebraucht von der Welt ist ein wertvoller Gedanke, den man sich nicht zu oft auf die Stirn schreiben kann.

Wie legt man diesen Schalter im Kopf denn um? Handelt ihr da aktiv?
Bertram: Ja, Fahrrad fahren. Es ist wirklich die Summe der Kleinigkeiten, die was bringen. Wenn jeder mal dran denkt, dass er zum Bäcker auch mal zu Fuß gehen könnte und es ganz schön ist in der Morgensonne die Straße runter zu gehen, sich bewusst die Zeit zu nehmen. Damit wäre die Welt schon ein Stück besser. Wir gehen jetzt nicht am Wochenende mit der Mülltüte an die A1 und sammeln die Gräben leer, so sind wir jetzt nicht drauf. Aber wir versuchen schon mit unseren Texten und unserer Musik zum Teil, „Der Mensch“ sticht da auch sehr raus, daran zu erinnern, dass wir eine Verantwortung haben. Bestes Beispiel: Der Hund macht nichts, außer ein Haufen. Aber was macht der Mensch? Achtung: Der macht wieder eine Plastiktüte drum. Wie dumm kann man sein? Menschen regen mich manchmal ganz schön auf. Wie oft ich mich dabei erwische, dass ich sage: Guck mal, Menschen. Da laufen sie. Typischer Spruch von mir. Damit meine ich aber auch mich, ich mache es ja nicht viel besser.

Top, dass ihr euch da selbst auch nicht rausnehmt, sondern mit einschließt.
Bertram: Es ist ja auch nicht typisch, dass man sich in der heutigen Pop Musik mit solchen Themen auseinander setzt, aber gerade in Zeiten, in denen Böhmermann das auch sehr verarscht, finde ich es umso wichtiger Haltung zu beziehen, sich zu positionieren und auch mit Inhalten zu kommen und nicht nur plakativ mit leichter Kost. Wir lieben es auch leicht und frei zu sein, aber es darf auch gerne etwas Content beinhalten.

Interview: Tanja Kilian

 


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