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Thekenmusik: Pohlmann im Interview

Ingo Pohlmann - Kilian

Was haben Gonzo-Journalismus, Quarks mit Ranga Yogeshwar und Harald Lesch gemeinsam? Ihr gemeinsamer Nenner ist kein geringerer als Pohlmann. Und was waren das noch für Zeiten, als der nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem auf der Theke stand. Wir sprachen in der rappelvollen Fabrik mit dem Singer-Songwriter über legendäre BP1 Nächte, sein neues Album „Weggefährten“ und seinen Einsatz für die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd.

Welche Weggefährten haben dein Album geprägt?
Besonders Philipp Schwär und mein neuer Manager Arne Ghosh. Vor diesem Album, das muss man dringend dazu sagen, habe ich zwölf Jahre mit Henning Wehland gearbeitet, der hatte ein Management, das hieß BLX. Jetzt bin ich bei Arne Ghosh, der wirklich Weggefährte dieser Platte ist. Als Manager ist er ein sehr wichtiger Partner an der Seite eines Musikers, mit dem man sich viel austauscht, viel organisiert und der das ganze Drumherum mit trägt. Die musikalisch wichtigsten Weggefährten sind Reiner Kallas und Hagen Kuhr, mit denen ich seit 14 Jahren Musik mache. Wenn wir zusammen spielen ist das wirklich ein sehr schönes eingespieltes Team.

Du bist einer der modernen Geschichtenerzähler, nicht nur musikalisch. Wo und wie entstehen die spannendsten Geschichten?
Meine Geschichten entstehen im Erleben und Beobachten. Beim Schreiben meiner Songs, merke ich aus der Erinnerung heraus, was eine Geschichte war, die sich erzählen lässt. Das geht Hand in Hand. Wenn ich im Zug sitze, mich langweile und der Zug dann plötzlich anhält, weil sich jemand davor geschmissen hat, fange ich an über das Leben nachzudenken und damit fängt eine Geschichte an. Oder wenn die Mädels die Jungs in der Kneipe total toll finden, weil die betrunken sind und sich aufblasen. Kommen die Mädels mit den Jungs zusammen, wollen sie diese nicht mehr so haben, sondern umbiegen. Sie sollen nicht mehr so viel Trinken, nicht mehr so viel ausgehen. Eigentlich haben sich die Mädels aber genau deswegen in die Jungs verliebt, weil sie eben so waren. Deswegen auch „Mädchen und Rabauken“.

Bist du eher der Erfinder oder der Beobachter?
Du bist der Erfinder nur insoweit, dass du wiedergibst was du gesehen hast. Das ist eine Art von Journalismus. Gonzo-Journalismus im besten Fall, also das was Hunter S. Thompson darunter versteht. Das bedeutet, du gibst deine Wirklichkeit auf deiner persönlichen Ebene wieder, nicht mal unbedingt objektiv, sondern subjektiv.  Als Journalist musst du objektiv bleiben, aber als Songwriter bist du subjektiver Beobachter deiner Welt und dementsprechend eine Mischung zwischen Erfinder und jemand, der einfach nur versucht die Wahrheit auf seine Weise wiederzugeben. Ich habe Bock darauf mit den Leuten zusammen an einem emotionalen Ort zu sein und das auf einem Live Konzert zu teilen. Das kommt noch aus der Kneipenzeit.

Da muss ich an das BP1 denken, das für durchzechte Nächte sorgte. Leider hat es dicht gemacht. Was hat dich mit der Kneipe verbunden?
Das war in zweierlei Hinsicht toll, das erleben zu dürfen. Der kleine Laden hat die Emotionen komprimiert. Wenn da ein Mädchen auf einen Typen stand, hat das jeder gesehen. Am Anfang des Abends kannten sie sich nicht und am Ende des Abends saßen sie da, er quatschte sie voll und sie fand das super. Das BP1 war für uns Kellner eine Show-Möglichkeit. Wir haben uns auf die Theke gesetzt, ein Mikrofon dran geschnallt und dann immer Vollgas gegeben, jeden Abend. Ich finde es immer doof, wenn ich in eine Kneipe komme und der Kellner steht da, nimmt sich eine MOPO und gibt mir das Astra. Das ging bei uns nicht. Jeder der bei uns hereinkam, kriegte erstmal einen Schnaps, wurde vollgequatscht oder musste erstmal seine Geschichte erzählen.

Du achtest oft auf Kleinigkeiten und fotografierst Gegenstände, die auf dem Boden liegen. Viele davon sind sogar in deinem Songbook zu sehen.
Da gibt es richtig viele Bilder drinnen, die sich in den letzten fünf Jahren angesammelt haben. Irgendwann hat man das so drin, man sieht in jedem rotzigen Taschentuch auf der Erde ein Gesicht. Was ich dann immer mache ist, dass ich die fotografiere und den Gesichtern ein bisschen auf die Sprünge helfe, damit die anderen das auch sehen.

Deine Songs lassen ein ziemlich breites Interessenspektrum vermuten. Womit vertreibst du dir die Zeit?
Ich bin auf jeden Fall Fan von Naturwissenschaften, sowie diesen ganzen Physiksendungen, um Professor Harald Lesch oder Quarks mit Ranga Yogeshwar und jede Art von Tierdokumentationen. Für mich ist das eh das Interesse am Leben selbst und das ist grundsätzlich der Blickwinkel, den ich als Songwriter einnehme. Mein Interessengebiet ist ziemlich breit gefächert. Das heißt nicht, dass ich ein wandelndes Lexikon bin und mir alles merken kann. Das kann ich überhaut nicht, das wäre dann eher Hagen Kuhr, der viel studiert hat. Ich bin einer, der immer am Jetzt interessiert ist.

Du unterstützt nicht nur Sea Shepherd, sondern bist der Veranstalter vom Ozean Festival. Die gehen ja ziemlich radikal vor. Wieso gerade Sea Shepherd? Könntest du dir auch mal vorstellen mitzutouren?
Wenn man für etwas einsteht, reicht es für mich nicht, mir das nur auf ein T-Shirt zu kleben. Ich will mir Arbeit damit machen. Das Ozean Festival organisiere ich mit Herz und der musikalischen Familie, die als Musiker schnell wächst. Nächstes Jahr will ich das wieder machen. Geld hineinwerfen ist nur die eine Sache. Es muss auch Diplomaten geben, wie Greenpeace, die Spenden generieren. Die Sea Shepherd macht keine Kompromisse. Das ist ein Laden, der mit niemanden zusammen arbeitet. Ich könnte mir sehr gut vorstellen einmal mitzutouren, ich weiß allerdings nicht, ob ich seefest wäre, Nerven hätte mir eine Walfangjagt mit anzuschauen. Das geschieht oft getarnt von japanischen oder chinesischen Flotten, die behaupten Wale zu wissenschaftlichen Zwecken zu fangen und zu beobachten. An der Grenze zur Illegalität landen die Menschen von Sea Shepherd dadurch oft auch im Knast. Die Wirtschaft erschafft nicht nur die Gesetze, sondern dehnt sie auch zu ihren Gunsten aus. Fünf gerade sein lässt man eher zur Lasten der Natur statt Zugeständnisse an Naturschützer zu machen. Die Sea Shepherd hat aber auch schon dazu beigetragen zahlreiche Wale zu retten.

Du zahlst einen Gegenwert für den Verbrauch deines CO2-Gehalts ein und unterstützt damit den Klimaschutz. Klär mich auf, was hat es damit auf sich?
Vieles geht leider auf Kosten der Natur, die Grundlage unseres Lebens und wir sind dabei diese zu zerstören. Wir begehen quasi Selbstmord, weil wir uns in der Masse nicht organisiert bekommen. Geld meistert unsere Wirklichkeit. Es gibt die Möglichkeit sein CO2-Verbrauch ausrechnen zu lassen und den Gegenwert in dieser Welt wieder einzusetzen, z.B. mit Solaranlagen in Afrika, damit die Menschen für ihre Energie nicht mehr den Wald abholzen. Mir hat mal jemand vorgeworfen das wären nur Ablassbriefe. Aber ich kann, wenn ich meinen Beruf ausüben möchte, entweder gar nichts tun oder meinen Gegenwert errechnen und Geld spenden. Wenn das jeder machen würde, könnten unfassbare Summen zustanden kommen, um Umweltschutzprojekte voran zu treiben und alternative Ideen zu entwickeln damit das Auto, wie es ist, verdrängt wird. Ich fahre ja mit den Jungs nicht auf dem Fahrrad 10.000 km der Tour. Als Konsument bin ich mit meinem Verhalten Teil der Selbstzerstörung des Menschen und ich habe schon einiges unternommen, um mich daraus zu bewegen. Das ist aber nur im Ganzen möglich, wenn man aus der Gesellschaft aussteigt. Das kann oder will ich nicht.

Wie wichtig ist es im Leben zu stolpern?
Irgendein französischer Philosoph hat mal gesagt, wer es schafft aus seinen Missgeschicken zu lernen und diese ins Positive zu verwandeln, der ist ein König. Wir befinden uns zwischen Leidenschaft und Träumen. Missgeschicke gehören generell zum Leben dazu, das kann keiner verhindern. Sie sind wichtig, aber nur dann, wenn man sie als Chance begreift. Wir können ja nicht alles richtig machen. Entweder die Aussenwelt tritt auf einen zu, ohne das man was dafür kann oder man ist selbst daran Schuld. Auch wenn es scheint, dass nichts gelingt, ist es manchmal das was dich weiterbringt. Das ist dann meine Philosophie.

Interview: Tanja Kilian




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