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Philipp Dittberner im Interview: “Tote singen lauter”

Copyright: Soeren Schaller

Auf “Wolke 4″ traf Philipp Dittberner den Nerv der Zeit abseits der üblichen Popthemen. Und das obwohl er seinen Hit gerade mal mit einem 40 Euro Mikrophon aufgenommen hat. Manchmal braucht Musik eben nur das richtige Gespür statt die große Plattenfirma. Philipp Dittberner wollte nie eine Marke sein, sondern der Typ von Nebenan, der eben gute Musik macht. Mit seinem zweiten Album “Jede Nacht” geht die Erfolgswelle von ihm hoffentlich weiter. Bevor es die Platte, ab dem 18. August, allerdings beim Händler eures Vertrauens gibt, haben wir uns mit dem smarten Musiker getroffen und den gelernten Physiotherapeuten unter die Lupe genommen.

Kaffee, Bier oder Wein, was braucht dein Dichterherz?

Meistens war es der Wein, der am Vorabend getrunken wurde. In verkaterter Stimmung kam dann am nächsten Tag das Songwriting, währenddessen kann ich nicht schreiben.

Welche bunten Vögel entlässt du in die Freiheit? Und wer sind eigentlich die Idioten?

Ich fand irgendwie das Bild so schön, dass manche Menschen so exotisch sind in ihrer Art, dass sie für mich wie bunte Vögel sind. Es geht in dem Fall natürlich auch um eine Liebesbeziehung, die ein bunter Vogel war. Weit weg von den Autonormalos, die ich in dem Lied als Idioten bezeichne. Gemeint sind aber auch Menschen, die eben nicht verstehen können, dass man jemanden mit einem guten Gefühl gehen lassen kann. Manchmal ist dieser bunte Vogel so schön, dass er die Welt sehen und nicht im Käfig bleiben muss.

Musikalisch verlässt du nie deine Komfortzone. Alles klingt vertraut, unaufgeregt. Die Fallhöhe ist jedoch um einiges gestiegen, der Kampfgeist geweckt. Bist du reifer geworden?

Das zu Hinterfragen ist immer schwierig, man schreibt halt wie man schreibt. Wenn man sich in einen Raum befindet, in dem man sich wohlfühlt, wagt man gar nicht so viele Experimente. Es geht dann um den Text, den Moment und die Geschichte, die man darstellen möchte. Musik ist ja immer aus einem gewissen Zeitraum gegriffen. Die Stücke, die 2015 auf der Platte erschienen sind, wurden ja schon 2012 geschrieben. Sie haben alle eine lange Geschichte bis sie richtig aufgenommen wurden. Und jetzt ist die Musik eher etwas, was alltäglicher ist, einen begleitet und dadurch ist sie vielleicht auch reifer geworden, aber eben nicht bewusst.

Ist Schmerz oder Liebe das Geheimrezept zur Selbstfindung?

Man sagt ja, Liebe ist das schönste Gefühl auf der Welt und eigentlich kann man in keinem Punkt so zerbrechlich sein. Es ist eine so unsichere Anlage, in der man total tief fallen kann. Es gehört zum Leben irgendwie dazu, eben unter dem Aspekt, dass man seine Melancholie gut ausleben und den Fall damit kompensieren kann.

Im Fokus ist deine Musik. Du selbst sagst, dass Philipp_Dittberner_Copyright_Soeren_SchallerPhilipp Dittberner keine Marke sein soll. Gehört diese Präsenz zum Künstlerdasein, gerade im Pop, nicht automatisch dazu? 

Bisher war es bei mir ja nicht so und ich hatte trotzdem Erfolg. Vielleicht trenne ich das auch aus der Furcht, dass die Musik irgendwann zur Nebensache einer Person wird, dass es um die neue Frisur, die neue Freundin und die neuen Klamotten geht und nicht mehr um die Musik. Es war nie mein Wunsch, dass zu viel Privates an die Öffentlichkeit geht. Ich kann damit zwar Leben, aber Musik macht an dem Punkt Spaß, wo es darum eben nicht geht. Wenn ich Musik höre, die mich bewegt, habe ich nie die Band hinterfragt. Ich konnte Musik einfach für mich benutzen und das machte Musik erst zur wahren Kunst.

Über wen handelt “Winter”?

Tatsächlich weiß ich, dass der Song schwer zu verstehen ist und wollte ihn auch schwierig verpacken, weil es eine ziemlich wichtige Geschichte für mich ist. Es geht um einen Menschen, dem es sehr schlecht ging als ich nicht da sein konnte und der sehr krank geworden ist. Das Gefühl, dass es wieder gut werden wird, wollte ich aufschreiben. Ein Thema, dass ich sonst nicht gewählt und hätte schreiben können, wäre das nicht so nah gewesen.

Musiker statt Arzt. Du bist gelernter Physiotherapeut, glaubst du dein Helfersyndrom hat sich nun verlagert? Hat deine Musik ebenfalls eine heilsame Wirkung?

Ich glaube, dass Musik immer ein unterstützender Faktor sein kann und die Gefühlswelt aufräumen kann. Wenn man manchmal nicht genau weiß, wie es einem geht, ein Lied hört und dann erst versteht, was in einem los ist, kann einen das sehr weiter bringen. Als Physiotherapeut habe ich im Krankenhaus viele Menschen kennen gelernt, denen es sehr schlecht ging. Am Anfang war ich auch etwas überfordert damit, aber ich glaube, dass mich das menschlich weitergebracht hat, mit kranken Menschen zu arbeiten und ihnen zu helfen. Ob das jetzt auch ein Faktor für meine Musik war, weiß ich nicht genau.

Ist Überforderung und Chaos etwas Kunstschaffendes oder kann das weg?

Das gehört irgendwie dazu, dass man als Künstler ein anderes Leben führt, als wenn man in der Bank arbeiten würde. Ob das jetzt Kunst schafft oder nicht sei mal dahingestellt. Ich bin auf jeden Fall jemand, der sich auch vom Chaos inspirieren lässt, vor allem dem Chaos in meinem Kopf. Die Dinge, wie ich sie sehe, wie sie mich beeinflussen und mich manchmal auch vor Probleme stellen, die löse ich dann damit, dass ich ein Lied über sie schreibe. Viele Künstler, die ich kenne, auch gerade im Pop Bereich, die sind sogar sehr aufgeräumt. Die Leute sind sehr diszipliniert in dem was sie tun, wie sie arbeiten und lassen dem Chaos gar nicht mehr so viel Raum.

“Dramatische Enden, enden dann meist viel zu schnell” (Ein Jahr tarnen) – welches Ende war für dich besonders dramatisch?

Das ist in dem Song fast schon etwas theatermäßig. Es geht um einen Menschen, der sagt, er will aus seinem alten Leben verschwinden und kommt als Protagonist bei einem Anderen an. Er tarnt sich ein Jahr mit diesem neuen Leben von einem Menschen, der ganz anders ist, sein Leben ganz anders bestreitet und er wird dann doch wieder von dem alten Leben entdeckt und weggerissen. Quasi von der Polizei des alten Lebens, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Das ist ein bisschen wie zusammen wegrennen, doch wieder gefunden werden und dann geht es halt wieder kaputt.

Aus dem Aspekt habe ich das gegriffen. Diesen leicht filmischen Ansatz und vielleicht auch die Dramatik, die bei so etwas immer total toll sein kann. Dass das aber ein wirklicher Aspekt ist, den ich so beschreiben könnte, das kann ich gar nicht. Es ist eben eine Geschichte, die ich genommen und dargestellt habe, wie sie auch passiert ist. Wie auch beim Künstler, der ein Bild malt, gehört es zum Künstlerdasein dazu, dass man das Bild immer in all seinen Facetten ausmalt und es irgendwie darstellt, auch etwas abstrakter als es vielleicht normal ist.

Stichwort “Tote singen lauter”: Wie nah sind sich Kriminalität und Liebe?

Ich glaube, in jedem von uns steckt ein Mörder. Die meisten Situationen, die einen dazu treiben zu morden, entstehen aus Liebe. Sie kann einen in den Wahnsinn treiben und daraus kann natürlich auch Tod entstehen. Da muss man wirklich aufpassen. Ich kann da einfach einen Song schreiben, andere können das nicht.

“Tote singen lauter” ist ein Lied, das anders sein sollte. Ich wollte mal einen Song schreiben, der die lyrische Faust auf den Tisch haut, eine Abrechnung auf irgendeine Weise darstellt und in seinem Inhalt laut sein kann. Du bist für mich gestorben und ich will von dir nix mehr hören, dass man aber trotzdem noch da ist, weitermacht und sagt, dass ist zwar schön für dich, du hörst mich aber trotzdem noch, selbst als Toter. Und auch wenn du mich in deinem Kofferraum getötet hast, mich irgendwo hingebracht, vergraben oder tot im Keller aufbewahrt hast, in deinem Hinterkopf werde ich immer da bleiben. Das Gegenteil von Liebe ist ja auch nicht Hass, weil wenn man Hass empfindet, hat man immer noch einen emotionalen Bezug zum Menschen. Es geht genau um diesen Punkt, zu sagen, dass was da gelaufen ist, ist nicht okay und ich hoffe, du wirst es nicht vergessen.

Interview: Tanja Kilian


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