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Tabubruch: Angst sollte legitim sein

1000 Mal überlebte er den Tod, nun will er dem gesellschaftlichen Tabu trotzen. Ein Risikofaktor zu sein ist noch lange kein K.O.- Kriterium. Das ist kein Geschwafel, sondern eine Erkenntnis. Nicholas Müller brachte gerade erst sein Buch „Ich bin mal eben wieder tot“ raus. Kein Ratgeber und schon gar keine Biografie, sondern lediglich seine ganz eigene Geschichte über seine Angst- und Panikstörung, die er erzählt. Im Polittbüro stellte der Von Brücken-Sänger sein Werk vor, gab dabei das ein oder andere Lied von Damien Rice zum Besten und erklärte uns, wie er den Tod überlisten würde und wie wichtig es ist die Scham gegenüber dem was seit Ewigkeiten tot geschwiegen wird abzulegen.

Kiffen, schlafen, fressen, die Synapsen zerschossen und die Wut gegen dich selbst gerichtet. Ab wann erkanntest du dich selbst nicht wieder?
Ab dem Zeitpunkt, an dem ich ständig das Gefühl hatte, mit allem was ich tue, mir selber Schuld auf die Schultern zu laden. Mit der Erkrankung meiner Mutter, als ich wegen all dieser Untugenden nicht richtig reagieren konnte, fing das an. Während der Panik erkannte ich mich auch oft nicht wieder, da passiert so viel menschliches und instinktives, rein schon genetisch und von den Reaktionen, die man so hervorbringt, sodass die ganzen Sachen, die man vorher geübt hat, weg sind.

Wie sahen deine Akutphasen aus und wie veränderten sie sich?
Mit 27 Jahren zog ich nochmal zu meinem Vater. Ich war nicht mehr fähig alleine einkaufen zu gehen, am sozialen Leben teilzuhaben und auch Behördengänge waren völlig unmöglich. Nicht mal mehr ein Konto besaß ich. Jeder Tag war geplagt von Panikattacken, die Angst zu sterben, Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel und irgendwann schlich sich diese Alltäglichkeit auch auf die Bühne, die zuvor meine Komfortzone war. Chronologische Abfolgen der Zeit, kann ich schwer ordnen, das ist auch Teil meiner Erkrankung. Ich hätte jemanden gebraucht, der mit schreibt und mir jetzt nochmal erklärt, wann das alles passiert ist.

Wie schwer war es, diesen kranken Zustand zu maskieren und später offen zu legen?
In einer Zeit, in der Bands wie Unkraut aus dem Boden sprießen, muss man im Spiel bleiben. Das hatte eine Ambivalenz. Es ist schwierig, wenn die Veranstalter erst mal alle wissen, der hat eine Angststörung und keiner kann sagen, ob er überhaupt auftaucht und auf die Bühne kann. In meinem engeren Umkreis wussten alle Bescheid und in der Regel maskierte ich mich da auch nicht. Das gab dann so eine Gemengelage, unterwegs mit der Band war ich der gut gelaunte Typ und Zuhause ging dann teilweise die Welt unter.

2005 nahmst du mit Heisterkamp „Biographiehagel“ auf. 2010 wurde „Schweren Herzens Popmusik“ als Album veröffentlicht. Zu der Zeit warst du schon wegen Panikattacken in einer Tagesklinik. Welch ein Weggefährte war dieses Nebenprojekt für dich? War das eine Zwischenstufe zu Jupiter Jones?
Irgendwann erreichten wir den Punkt, an dem wir mit Jupiter Jones von der Musik leben konnten und das möchte man nicht sofort wieder beenden. Zum Schutz aller Beteiligten war ich zu der Zeit noch nicht bereit darüber zu sprechen, auch aus Existenzangst. Heisterkamp war eine total schöne Sache, wo ich zusammen mit Jan musizieren konnte, ohne darüber nachzudenken, ob sich die eigentlich verkauft oder nicht. Entweder trafen wir uns in der seiner WG oder im Arbeitszimmer meines Vaters und nahmen die Songs auf. Das wir irgendwann mal eine CD daraus produzierten, war blanker Zufall.

Wie sehr hilft es, dass dein Publikum jetzt von deinem, wie du es nennst, „Dschungel aus Seelen-Kladderadatsch“ weiß?
Sehr, ich muss nicht mehr kreativ werden, wenn ich irgendwann nicht mehr kann. Sollte die Panik mich nochmal einholen, besitze ich die Freiheit zu sagen, ich geh mal kurz, beruhige mich und danach geht es weiter, geduldet euch ein bisschen. Das ist ein Luxus, den sich viele Leute, die nicht Musik machen, sondern z.B. Bäcker oder Maurer sind, nicht leisten können. Für viele Arbeitgeber zählt man als ein ständiger Risikofaktor. Und genau das macht die Sache nicht besser, deswegen muss viel mehr darüber gesprochen werden, um ein Verständnis für die Krankheit zu erlangen.

Was war die größte Herausforderung „Ich bin mal eben wieder tot“ zu schreiben? 
Meine Lektorin trieb ich fast in den Wahnsinn, da Chronologie nicht meine Stärke ist. Es gab keinen festen Zeitstrahl. An einem Tag, an dem ich mit einer melancholischen Grundstimmung aufwachte, schrieb ich über die traurigen Momente und wenn es mir gut ging fasste ich die humorigen Sachen an. Sie sortierte die Texte und ich schrieb diese nochmal in Form. Schwierig waren diese Rückführungen in Momente, die ich nicht vergessen habe und nicht in meinem Bewusstsein haben wollte, wie der Tod meiner Mutter. Das Kapitel machte mich völlig fertig. Irgendwann schrieb ich eine E-Mail in die Runde, dass ich für heute raus bin, meinen Tagesablauf stellte ich komplett um. Nachts um drei stand ich auf und fing an zu schreiben, weil ich im Dunkeln am besten arbeiten kann.

Du sagst, du bist nicht im missionarischen Auftrag unterwegs, weil du nicht mehr oder weniger als andere weißt. Trotzdem bist du Schirmherr für „Die Deutsche Angstselbsthilfe (DASH)“ und hast dieses Buch geschrieben. Wie passt das zusammen?
Eher Botschafter. Eigentlich geht es darum, dass gerade in einem Segment, in dem so viel Tabu geschaffen wird, jemand darüber spricht ohne sich zu schämen. Das zeigt denen, die betroffen sind, das Scham einfach nicht angebracht ist. Spenden sind ebenfalls sehr wichtig. Dafür tue ich mein Möglichstes. Am Ende ist es nur eines von vielen Themen, ich will nicht als Angstpapst über die Angst definiert werden. Trotzdem habe ich mich dem Thema verschrieben und möchte gerne so lange am Ball bleiben bis das Tabu weg ist.

Angst- und Panikstörung, sowie Depression sind Berufskrankheiten bei Musikern. Laut einer Studie über 70 Prozent. Wieso ist das Schweigen darüber so groß?
Von diesen 70 Prozent sind es ganz oft die Sänger und die Frontmänner. Man steht ja als eine Art Anheizer und Aushängeschild der Band auf der Bühne. Das geht in der Wahrnehmung der Menschen nicht zusammen. Und das hörte ich auch sehr oft, gerade ich mit der Statur und den ganzen Tätowierungen, das kann ja gar nicht sein. Das ist allerdings totaler Quatsch. Auf der anderen Seite macht man sich in dem Moment dem Business gegenüber angreifbar. Da klatscht halt keiner in die Hände, weder die vom Plattenlabel, der Veranstalter oder sonst wer, wenn man angst krank ist. Das ist ja auch verständlich, man wird eben als ein Risikofaktor definiert.

Sollten Musiker transparenter sein und eine gewisse Verantwortung übernehmen?
Absolut. Gerade wenn man die Möglichkeit besitzt zu so vielen Menschen zu sprechen, sehe ich da fast die Verantwortung. Ich möchte aber niemanden anklagen, wenn er das nicht macht, in dem Moment mache ich mich zum Missionar und da habe ich keinen Bock drauf. Obwohl ich kein Fußball Fan bin, habe ich immer noch diesen Robert Enke Vergleich im Kopf. Es wird immer erst darüber gesprochen, wenn das Kind schon im Brunnen liegt und ertrunken ist. Das darf eigentlich nicht sein und so was sollte im Bewusstsein bleiben. Das Einzige was nicht passieren darf, dass Angst zu einem romantisierten Kunstwerk gemacht wird, dafür ist es zu sehr Krankheit.

Trotz der Angst und Panik bist du mit Von Brücken auf die Bühne zurückgekehrt. Was hält dich an der Musik?
Von Menschen abgesehen, die mir nahe stehen, fällt mir nichts wichtigeres ein als Musik. Nur hinter den Kulissen zu stehen, wäre bitter traurig gewesen. Zurück auf die Bühne zu gehen, war mir ein tiefes innerliches Bedürfnis, allerdings in einer Art und Weise und zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich dafür bereit gefühlt habe. Von Brücken ist eine unglaubliche Verbundenheit, zwischen Tobi und mir gibt es so ein impliziertes Verständnis. Wir sind uns alle einig, erst mit Sachen an die Menschheit rauszugehen, wenn wir uns damit wirklich wohl fühlen. Falls es am Ende den Plattenvertrag kostet, ist es echt eine bescheuerte Situation, da wird aber nichts zugunsten irgendwelcher Terminpläne über das Knie gebrochen. Das wurde es bei Jupiter Jones auch nie, ab dem Moment als wir diesen Hit hatten, ging es aber in einem anderen Tempo ab.

„Gott muss schon einen kranken Humor haben“, schreibst du im Buch. Was war bisher sein bester Witz dir gegenüber?
Ich selber wahrscheinlich und die Tatsache, dass er mich sehr krumm zusammen gebaut hat.

Wie würdest du den Tod überlisten?
Wahrscheinlich würde ich es wie immer machen, erst mal versuchen mit den hanebüchigsten Argumenten aus der Sache raus zu kommen und im Zweifelsfall einfach zutreten, wegrennen und mal gucken, ob das was hilft. Auf den Tod habe ich keinen Bock, ich finde das ist eine ganz unnütze Einrichtung. So einen richtigen Plan habe ich trotzdem nicht in der Tasche. Ich geh einfach davon aus, dass er mich noch eine Zeit in Ruhe lässt, weil alles andere würde mir wieder Angst machen.

Trotzdem hast du den Tod, wie du so schön sagst, in Farben gemalt. In deinem Sarg sollte z.B. ein Schlitz sein, in den jeder einen Knopf einwirft. Wieso hast du deine Beerdigung so detailliert geplant? 
Wenn man schon einen Endgegner hat, sollte man der ganzen Sache mit Humor und einer gewissen Sachlichkeit begegnen. Damit nimmt man dieser Tatsache, die ich eben nicht ändern kann, den Schrecken. Das ist tatsächlich in erster Linie für mich selber. Und ich will verflixt nochmal, dass die Menschen traurig sind, wenn ich sterbe. Das sie um die Sachen trauern, die waren und nicht die, die hätten sein können.

Interview: Tanja Kilian

 


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