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Scheiß auf Plan B!

Lotte_Copyright_Jean_RacletAuf dem Reeperbahn Festival fegte Lotte dieses Jahr sowas von wild über die Bühne, dass man die Ravenburgerin kaum wiedererkannte.

Ihr Konzert in der Prinzenbar (29. Oktober, wir freuten uns hier) war ratzfatz ausverkauft, sodass es direkt einen Zusatztermin am 19. April 2018 im Knust gibt. Und ganz ehrlich, wer braucht schon einen Plan B? Wir trafen Lotte und schnackten mit ihr über die neue Band und die unfassbare Energie, die sie gepackt hat.

Du warst dieses Jahr Teil des Reeperbahn Festival und dein eigenes Tourkonzert in Hamburg ist schon ausverkauft. Glückwunsch! Wie fühlt sich das an?
Das ist total cool und verrückt. Ein Fan hat mir geschrieben, dass er kein Ticket mehr findet, wo er denn welche kaufen könnte. Da habe ich mein Management gefragt, was denn los ist und die sagten mir, dass die Hamburg Show ausverkauft ist. Ich habe gar nicht damit gerechnet.

Du hast ja schon ziemlich viele große Shows mit Max Giesinger, aber auch mit Benne und Johannes Oerding gespielt. Ziemlich schneller Aufstieg würd ich behaupten. Inwieweit bist du mit den großen Shows selbst gereift?
Das ist eine saugute Erfahrung. Anfangs habe ich auf der Bühne meine Songs gesungen, die auch von mir selber handeln und quasi keine Schutzmauer zwischen mir und den Leuten gehabt, weil nur ich auf der Bühne war. Da habe ich gelernt mich nicht zu verstecken und sehr viel mit den Leuten zu kommunizieren. Nach meiner Show bin ich runter gegangen und habe mir dann eben die Show von einem Max Giesinger oder Johannes Oerding angeschaut, die ja mit einer ganzen Band ein Konzert spielen und gemerkt, das will ich unbedingt auch. Das Spektrum an Möglichkeiten Songs zu gestalten ist einfach viel größer.

Nun ist dein Debütalbum frisch erschienen. „Querfeldein“ bewegt sich zwischen extremen Polen. Dem Bedürfnis nach Freiheit, aber auch nach Sicherheit / Geborgenheit – Wie kommt es, dass diese Extreme sich so gegenüberstehen?
Ich glaube, dass ich so extrem bin, weil ich ein sehr emotionaler Mensch bin und die vielen Momentaufnahmen der Songs sind bei mir immer sehr intensiv. So entstehen Songs, die nach vorne gehen, etwas intensiver und energetischer sind und welche, die halt ruhiger sind. Thematisch, streben die nach Freiheit, raus zu gehen, die Welt zu entdecken, durchzudrehen und alle Grenzen abzureißen. Es gibt aber auch Songs die nach Geborgenheit, nach Sicherheit suchen.  Ich setze in der Musik alles auf diese Karte, wenn ich nur so 50  drauf setzen würde und einen Plan B hätte, würde es nicht funktionieren.

Das Musikbusiness ist ja nicht gerade der sicherste Platz, sicherlich aber umso spannender. Wie sehr ging dir anfangs die Muffe?
Als ich mich entschieden hatte, nicht mehr. Davor habe ich immer sehr viel gezweifelt. Ich dachte nicht, das ich die Chance bekommen könnte alles auf eine Karte zu setzen. Jeder hat mir erzählt, dass ich nicht von heute auf morgen ein Album machen kann, sondern dass das ein Prozess von Jahren ist. Und jetzt ist genau das passiert, dass ich auf einem Konzert einen Großteil meines Teams und meine Plattenfirma kennengelernt habe. So durfte ich von Null auf Hundert einfach anfangen Musik zu machen und konnte alles andere hinwerfen. Deshalb war das keine ganz leichte Entscheidung, sondern eine die Mut gebraucht hat, aber als ich mich dann entschieden hatte, war keine Angst mehr da und jetzt eben auch nicht. Einfach mal machen und gucken was passiert. Entweder läuft es oder eben nicht.

Schmiedest du generell nur Pläne bis zum Morgengrauen?
Ja, das stimmt, das bin ich. Es gibt auch so einen Song auf meinem Album, der heißt “Anders als geplant”. In dem geht es genau darum, dass es am Ende immer anders kommt, als es geplant war und dass es sowieso so kommen wird, wie es kommen soll und es keinen Sinn macht sich Gedanken zu machen.

„Ich weiß nicht wo ich Zuhause bin“ („Stadt der Türme“) – Berlin, Hamburg, Ravensburg….brauchst du diese Rastlosigkeit?
Ich merke, dass sich der eigene Horizont erweitert, wenn man viele Menschen und viele Städte sieht. Es ist cool so viel zu erleben. In den letzten Jahren bin ich nach Innsbruck gezogen, nach Berlin, nach Hamburg und bin während der Zeit der Albumproduktion so viel gependelt, dass ich, als Mensch, der immer an eine Ort gewohnt hat, irgendwann nicht mehr wusste, wo ich eigentlich hingehöre. Und dann lässt man ja auch Freunde zurück, findet Neue und deswegen war ich, als ich “Stadt der Türme” geschrieben habe gerade etwas lost und wusste eben nicht was mich gerade ausmacht und wo meine Wurzeln sind. Mittlerweile hat sich das allerdings geändert. Vielleicht fühlt sich nicht gerade Hamburg zu Hause an, aber die Menschen um mich herum, wie meine Band.

Wieso ist es dir so wichtig, dass keiner den Hintergrund deiner Geschichten kennt?
Lange Zeit habe ich auf englisch geschrieben, mich hinter den Texten und der Sprache verstecken können. Irgendwann habe ich dann gemerkt, ich möchte mit meinen Texten, die eben auch autobiografisch sind, ehrlich, direkt und so nah wie möglich an das ran kommen, worüber ich singe. Deshalb fühle ich mich auch sehr nackt auf einer Bühne, wenn ich singe. Und damit ich das überhaupt kann, wie in „Wer wir geworden sind” oder “Du fehlst” brauche ich diesen letzten Hauch Privatsphäre. Auch nahestehende Personen wissen das nicht: Echt keiner.

Welchen Einfluss hat diese Einstellung auf dein Songwriting z.B. bei der Produktion, wenn auch Andere ihre Hände mit im Spiel haben? Wie erklärst du ihnen die Tiefgründigkeit deiner Geschichten?
Zum Einen schreibe ich mit Leuten, die mir sehr nahe stehen und die zählen mittlerweile auch zu meinen besten Freunden, weil wir einfach sehr ehrlich miteinander reden. Bei “Fluchtreflex” den habe ich mit Jens, einem Kumpel aus Mannheim, geschrieben. Da haben wir uns glaub ich drei Stunden vorher darüber unterhalten, wie es in einer Beziehung ist, wenn irgendwann dieser Punkt kommt an dem man einfach nur wegrennen will, wenn es eben so ernst wird, dass es einem Angst macht. Warum das so ist und wie das kommt. Wir haben über die Hoffnung geredet, ob es eventuell auch anders sein könnte und warum es anders sein könnte. Da hat er mich verstanden und ich konnte dieses Du unbenannt zu lassen.

Zwei Songs auf deinem Album hat Max Giesinger mit dir geschrieben, welche sind das und wie viel stammt aus deiner eigenen Feder?
In erster Linie fällt mir die Grundidee / das Thema nicht in dem Songwriting ein, sondern beim Zug fahren, wenn ich morgens aufstehe, laufen gehe oder ich was erlebe. Das packe ich dann in Zeilen aus denen später ein Song wird. Manchmal kommt da auch eine kleine Melodie dazu. Und dann gehe ich mit dieser Grundidee und dem Wunsch darüber zu schreiben in solche Co-Writings oder manchmal schreiben wir auch zu dritt, weil man dann nochmal sehr viel reflektierter wird. Das ist so wie ein Gespräch mit einem Therapeuten oder wie so Pingpong spielen. Ich werfe eine Zeile hin und bekomme einen Ball zurück geschossen, überleg doch mal. Zum Beispiel “Wenn du nichts hörst, geht es mir gut” in “Auf beiden Beinen”, das habe ich ja mit Max geschrieben, verstehen wir das ganz unterschiedlich und das geht eben so hin und her und zum Schluss kommt so ein Lied raus, das immer noch diese ursprüngliche Bedeutung hat, die ich mir gewünscht habe. Gleichzeitig habe ich aber auch sehr viel reflektiert und manchmal sogar etwas über mich gelernt. “Anders als geplant” ist auch mit Max geschrieben.

Du hast zwar früh angefangen Instrumente (Geige, Klavier, Gitarre) zu lernen. Aber erst die Gitarre hat dich wirklich überzeugt. Warum gerade die Gitarre?
Ich glaub man muss sehr fleißig sein, um Geige sauber zu spielen und nicht so schräg, wie es bei mir immer klang. Die Gitarre habe ich bei meinem Onkel gesehen, der saß einfach da mit seiner Gitarre und hat vor dem Kamin gespielt und gesungen. Das war so eine schöne Stimmung und genau die hat mich so gepackt, dass ich mich damit begleiten konnte und kreativ werden konnte. Mit nur vier oder fünf Akkorden konnte ich, nur durch eine veränderte Reihenfolge, neue Lieder schreiben. Gitarre kannst du so einfach spielen, du brauchst nicht viel können, um wirklich weit zu kommen. Du kannst es eben auch vertiefen und immer mehr dazu lernen. Das fand ich so cool und deswegen war es das perfekte Instrument für mich als faule, aber auch wissbegierige Person. Am Anfang habe ich akustische Gitarre gespielt und so richtig verliebt dann in meine schwarze halb akustische Gitarre. Das ist so eine schöne Mischung zwischen elektronisch und akustisch.

Letzte Frage: Du bist ja noch sehr jung, gibt es Themen, die du eher meidest, die dir peinlich sind?
Ich fühle mich zu jung um über Politik zu singen. Das ist ein Thema mit dem ich mich noch nicht lange genug beschäftigt habe, um es in Songs umzusetzen. Aber peinlich ist mir das nicht.

Interview: Tanja Kilian


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