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Nicholas Müller zerschoss ihm seine Umwege

Nackt sein, der Berliner Kneipenchor und Winter in der Sauna? Nur einer kann sich hinter dieser Kombi verbergen: Mister Me! Wir trafen den Berliner bei seiner Show im Nochtspeicher und schnackten mit ihm über seine Radikalitäten, Umwege und den Einfluss von Nicholas Müller .

Wofür schätzt du dich selbst am meisten?
Oh, jetzt mach mal nicht solche schweren Fragen. In so Radikalitäten finde ich mich immer wieder. Entweder geht es mir mega scheiße oder mega gut. Oder ich bin völlig übergestresst oder eben entspannt. Bei mir gibt es keine Mitte. Ablenken von schlechten Gefühlen konnte ich mich noch nie gut, was total doof ist und irgendwie gut. Immerhin resultiert daraus Kunst. Und ich bin wahnsinnig unsicher, das schätze ich besonders, weil sonst wäre ich schnell zufrieden und Songs würden nicht solche Prozesse durchmachen.

In „Zeit bleibt Zeit“ blickst du zurück. Konntest du mittlerweile dir selbst und deinem nicht immer bequemen Erfahrungsschatz vergeben?
Vergebung betrachten wir immer etwas zu leicht. Rational so etwas zu verstehen und es emotional zu verkörpern ist ein riesiger Unterschied. Geplant war es übrigens nie, dass ich mal so einen Song schreibe. Der ist zusammen mit Nicholas Müller (hier bei uns im Interview) entstanden. Während ich beim Schreiben nur banale Themen im Kopf hatte, sagte Nicholas, dass ich in meinen Songs immer einen Umweg gehe und wir genau das diesmal nicht wiederholen. Bevor er eine rauchen gegangen ist, druckte er mir einen unveröffentlichten Song von sich aus. 14 Strophen über seine verstorbene Mutter drückte er mir zum Lesen in die Hand und sagte, wenn ich die lese, würde ich verstehen worum es geht. Danach war mir klar, was er von mir will. Vier Stunden erzählte ich über meine Kindheit, Jugend, Familienkonstellation und so entstand „Zeit bleibt Zeit“. Von Nicholas kam auch der Satz: “Alter, wenn du einen Song schreibst, muss das richtig weh tun.” und das war nochmal der Auslöser den eigenen Anspruch zu schärfen.

Du bist gelernter Erzieher, was trieb dich auf die soziale Schiene?
In der Schule wurde ich eher gemobbt, war für mich alleine. In mir löste das einen Lernprozess aus, dass es Sinn ergibt sich mit der Realität auseinander zu setzen, um daran zu wachsen. Das sind Erkenntnisse, die du nicht kriegst, wenn du dich dem entziehst. Ich merkte, dass ich reflektieren kann und wollte Menschen, die Negatives erlebt haben, gerne etwas Gutes auf den Weg geben.

„Mir ist wichtig, nicht so ein Deutschpop-Lappen zu sein, der in jedem Song das Gleiche erzählt“, wie verstehst du Pop in deiner Musik?
Pop umfasst so ein schlechtes Image, weil es eben sehr Schlechten gibt, sodass die Leute ein negatives Bild damit verbinden. Das finde ich schlimm. Mein Anspruch ist es echt zu sein und nicht Halt bei einem Gute Laune Song machen. „Kokon“, der ja auch positive Stimmung verbreitet, sagt ja aber nicht das Leben wird schon irgendwie gut, sondern das Leben gibt dir eh keine Chance, also nimm es an und steig mal aus.

Die Liebe zur Musik trieb dich in einen einengenden Deal mit einem Majorlabel. Wie veränderte das deine Sichtweise?
Für diesen Schritt war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht reif genug, weil ich selber noch nicht wusste wer ich bin und was ich will. Daraus entstand dann nur wischiwaschi Musik. Der mit der lautesten Stimme bin eben nicht ich. In einem Team von mehr als fünf Leuten bin ich ein unsicherer und schüchterner Typ. Nino, mein jetziger Manager, stieß beim Kennenlernen einen langen Prozess an. Der Kern war, dass ich als Künstler, als Person wichtig bin und nicht nur die Musik.

Was hat es mit der „9 Songs“-Videoreihe auf sich?
Das war so eine Idee, um Zeit für das Album zu schinden und einen Vorgeschmack auf das was kommt zu geben. Videos zu drehen und dem Inhalt der Songs visuell einen verlängerten Arm zu geben fand ich immer geil. Einer der Gedanken bei „9 Songs“ war aber auch, das Ganze etwas witziger zu gestalten.

Mittelpunkt des Songs “Licht an” ist Moni, ein beängstigend nahestehender Fan. Magst du uns was von ihr erzählen?
Moni war bei jedem Konzert dabei und hat uns auf ganz offene Weise daran teilhaben lassen, dass sie an Krebs leidet. Irgendwann schrieb sie mir eine Facebook Nachricht, die an 50 weitere Leute ging, mit dem Hinweis auf ihre Facebook Gruppe, in der sie transparent in einem Tagebuch ihre Geschichte erzählte. Die Situation war beängstigend. Als Band wussten wir gar nicht damit umzugehen, weil wir sie kaum kannten, es für sie aber einen Wert hatte. Mich hat es berührt und zum Nachdenken angeregt. Beim Lokal Radio habe ich später im Nebenbei mitbekommen, dass sie verstorben ist. Auch wenn das total absurd klingt, für mich war diese Erfahrung ein Geschenk, das bewerten zu dürfen. In mich reinzuhorchen, was das mit mir macht.

Interview: Tanja Kilian


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