Erasure “acoustic”, da kann man schon mal neugierig werden. Auch wenn die Synthie-Ikonen der Achtziger eher selten die heimischen vier Wände beschallen. Da muss man schon mal runter vom Sofa. Und der Rahmen, der für dieses Konzert gewählt wurde, kann schöner kaum sein.

Vor dem Schauspielhaus das übliche Szenario. Ticketverkäufer, Ticketaufkäufer und, zum Verdruss der erstgenannten, noch ein paar Tickets an der Abendkasse. Vielleicht lag es an den zeitgleich gelegten Auftritt von Mesh in der Markthalle, die ja ein ähnliches Publikum bedienen. Glücklich daher diejenigen, die spontan vorbeigingen und am Ende durch den Angebotsüberhang sogar ein Ticket geschenkt bekamen! Das gibt’s auch nicht alle Tage.

Kurios auch das Publikum. Schräg Kostümierte, verzweifelt nach ihrem Blind Date Ausschau haltende, countryesk gekleidete  und kaum einer, der nicht vor 20 Jahren mit VoKuHiLa und stonewashed Jeans unterwegs war. Die Vorfreude war den meisten ins Gesicht geschrieben. Zu Recht.

Support-Act (eine Mischung aus Neil Young und Helge Schneider), kurze Pause, Klingel und um 21:00 Uhr ging es pünktlich los. Vince Clarke und Andy Bell (der tags zuvor seinen 42. Geburtstag feiern durfte – Bell ist seit vielen Jahren HIV-positiv) kamen mit sechs Musikern und Sängerinnen auf die Bühne und wurden frenetisch begrüsst. Bell (mittlerweile mit kleinem Speckbäuchlein und besagter Retro-Jeans), immer noch ausgezeichnet bei Stimme und mit erstaunlich guten Deutsch-Kenntnissen, sang sich durch alle Klassiker und wurde von Cello, Mandoline, Klavier, Flöte und Gitarre begleitet. Die Computer hat keiner vermisst an diesem Abend. Die atemberaubende Akustik in diesem wohl schönsten Saal Hamburgs, verwöhnte die Ohren sogar auf den hinteren Plätzen ganz oben im 2. Rang. Vince Clarke, immerhin Gründer der Band, ehemaliger Sänger von Depeche Mode(!) und die anderen 50% des Duos, werkelte den ganzen Abend gekonnt auf seinen Instrumenten. Und wüsste man es nicht, wäre er auch als Sesson-Musiker durchgegangen. Dafür gab’s dann während der Band introduction auch ein Küsschen vom Sänger auf die Platte.

Klar bekam Andrew auch noch sein Geburtstagsständchen von den Fans. Überhaupt war der ehemalige Fleischpacker den ganzen Abend über der große Fixpunkt. Immer wieder riss es die sonst meist reservierten Hamburger aus ihren Plüschsesseln zu Begeisterungsstürmen hin. Und das weit vor dem Zugabenteil. Das hat an gleicher Stelle nicht mal Adam Green geschafft.

Kein Kostümwechsel, kein Goldregen, keine Synthies.
Erasure acoustic – Experiment gelungen.
[dis]

Photo: Dirk Störmann

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