Themenwochenende Roskilde! In zwei Teilen berichten wir, wie das so war.
Heute: Mittwoch 03.07.– Freitag 05.07. Los geht’s.

Seit dem Ende des diesjährigen Roskilde Festivals in Dänemark, am ersten Juli-Wochenende, sind nun bereits einige Tage vergangen. Tage, die man dringend benötigt, um all die Bands und Künstler, die Menschen, die Begegnungen und die Erlebnisse zu verarbeiten, zu sortieren. So groß war die Schlagzahl an Eindrücken, dass man schon den Plan mit der Running Order benötigt, um zu versuchen sich an alles zu erinnern und die von den späteren Erinnerungen schon fast verdrängten Highlights am Anfang des Festivals wieder freizulegen.
Wobei das eigentlich nicht ganz stimmt, denn am Anfang des Festivals waren wir gar nicht dabei. Als wir von Concert-News.de mit einer Gruppe Journalisten zusammen in Roskilde am Mittwoch ankommen, läuft die Veranstaltung bereits auf Hochtouren, denn das, was früher als ‚Warm Up’ bezeichnet wurde, ist seit diesem Jahr ganz offizieller Teil des Festivals: Auf zwei der Acht Bühnen werden vier Tage lang vor Beginn des eigentlichen Festivals bereits die Vorhänge hochgezogen, damit sich junge skandinavische Bands an das große Festivalpublikum gewöhnen können. ‚Roskilde Rising’ heißt passend dazu das festivaleigene Förderprogramm, das nicht vor den Festivalzäunen halt macht, sondern ausgewählte Bands zum Beispiel auf Support-Tour mit größeren Bands mitschickt.

Doch auch auf dem Festival selbst werden diese Bands vielfältig in Szene gesetzt. Davon werden wir gleich kurz nach unserer Ankunft überzeugt, als im „International Press Camp“ gleich zwei davon, Ice Cream Cathedral und Schultz & Forever, zur Begrüßung der Presse aus aller Welt auf einer eigens dafür errichteten kleinen Seebühne, exklusiv für uns akustisch aufspielen. Zuvor ließ man Künstler auch schon direkt auf den Zeltplätzen aufspielen, etwa bei der Wahl zum ‚Camp of the Day’, doch das Hauptprogramm findet natürlich auf den beiden vorab geöffneten Bühnen statt: dem Pavillon Junior und der optisch sehr eindrucksvollen Apollo-Stage, die – komplett handgenäht – aufblasbar ist und im letzten Jahr sogar während des Festivals noch täglich den Standort wechselte, worauf man in diesem Jahr aber aus Kostengründen verzichtete.

Hier sehen wir zu Beginn unseres Programms am Mittwochabend als erste richtige Show Ellifant. Die dänische Sängerin, sollte eigentlich mit der stilistisch nahen M.I.A. touren, zieht aber den Auftritt auf dem Roskilde Festival vor. Solche und ähnliche Äußerungen hört man häufig von den Bühnen hier, gerade bei den einheimischen Künstlern. Nicht wenige der Bands, die hier auf den Bühnen stehen, haben früher selbst als Volunteers für das Festival gearbeitet und sind mit ihm eng verbunden. Die Mädels von Baby in Vain hingegen sind noch dermaßen jung, das man sich schon fragt, ob sie die Riot Girrl-Power der letzten 20 Jahre mit der Muttermilch verköstigt haben. Wir genießen kurz und ziehen weiter in die Sonic Zone, einer Area inmitten einiger bereits geöffneten Ess- und Getränkebuden, wo die Band So-So Echo gerade ihr Equipment aufbaut, um ein unangekündigtes Set zu spielen. Sängerin Lydmor und ihre beiden Mitstreiter von Alcoholic Faith Mission spielen vor einem bunt bemalten Militärfahrzeug, von dem aus zwei Begleiter unaufhörlich weiße Luftballons in den Abendhimmel steigen lassen und erzeugen damit in Kombination eine wunderschöne Stimmung. Der Abend endet damit, sich den bereits geöffneten Bereich des Festivals ein wenig anzueignen, ein paar Kontakte zu knüpfen und die Bierqualität zu testen, denn davon muss man sich in den nächsten Tagen schließlich maßgeblich ernähren.

Am Donnerstag muss man zunächst ein wenig Zeit herumbekommen, da das eigentliche Festival traditionell erst um 17:30 Uhr eröffnet wird. Diese kann man aber prima nutzen, um sich die zahlreichen Kunstwerke der Graffiti-Sprayer anzusehen, die umgebenden Camping-Bereiche zu besuchen und die verschiedenen, sogenannten Cities zu erkunden. Da gibt es zum Beispiel eine große Skate-Anlage und in der Game City zwei gute Dutzend Spielmöglichkeiten: von Brettspielen, über Basketball oder Tischtennis, bis hin zu skurrilen Spielen, wie Bierdosenkegeln im Sitzen, bei dem sich die beiden Mannschaften in zwei Sesseln gegenüber sitzen und abwechselnd versuchen, aus dieser Position heraus die gegnerischen Dosen umzukegeln. Lustig. In der Game City finden wir auch ein großes Wikingerschiff auf dem Dach einer Bar, von dem aus man gerade in den Abendstunden einen tollen Blick über einen Teil des Festivals genießen kann.
Auch die Dream City wird besucht. Hier campieren verschiedenste Gruppen bereits seit einhundert Tagen vor Beginn des Festivals und entwickeln zusammen Ideen und Projekte, die der Allgemeinheit zugute kommen, und einen Mehrwert bringen, sollen. In Roskilde wird man, so man es denn möchte, wirklich mit in das Festival einbezogen. Es ist absolut erwünscht, ein Teil des Festivals zu werden, sei es als Volunteer, oder über eines der zahlreichen Projekte während des Festivals.

Die Dream City selbst war im vergangenen Jahr selbst eines dieser neuen Projekte und wurde in diesem Jahr erstmalig groß ausgerollt. In den nächsten Jahren wird man u.a. versuchen dort Möglichkeiten zu entwickeln, die sich effektiv dem großen Müllproblem auf dem Festival annehmen. Doch dazu folgen im 2.Teil dieses Berichtes noch ein paar Zeilen.
Der frühe Abend naht mit großen Schritten und mit ihm die offizielle Eröffnung. Um 17:30 öffnen sich die Tore zum heiligen Areal für die Massen und binnen kürzester Zeit füllt sich der Bereich vor der berühmten Orange Stage, auf der Vinnie Who, so eine Art dänischer Jamiroquai mit leicht gewöhnungsbedürftiger Stimme, die Massen schnell in Bewegung versetzt, und das Festival damit mit einer großen Tanzparty unter blauem Himmel beginnen lässt. Ein gutes Omen für vier fantastische Tage.

Drenge, das britische Duo mit dänischem Namen, beschallt kurz darauf die Pavillon Stage und zeigt uns, dass die Kombination aus Schlagzeug und Gitarre noch immer ausreicht, um ein paar tausend Menschen binnen Sekunden zum kollektiven Hüpfen zu bewegen und zu begeistern. Weiter geht es mit The Lumineers auf der Odeon Stage, die mich persönlich eher ein wenig enttäuschen. Zu gleich klingt das alles, zu drucklos. Deswegen wird lieber das Gelände erkundet und die Velvet State entdeckt: Diese Bühne findet sich nicht im Programmheft, sondern ist Teil der Art Zone auf dem Gelände und hier bleiben wir bei den Nielsen Sisters hängen. Frontmann/frau dieser Band ist der Philosoph Claus Beck-Nielsen, der im Jahr 2001 in Dänemark seinen eigenen Tod bekannt gab, verschwand, und später in Form der Nielsen Sisters wieder auferstand und mit ihr und bitterbös zynischen Texten zu unterhalten weiß.

Doch es wird nur kurz verharrt, denn die Savages bespielen die Pavillon Stage mit einer ihrer energischen Shows. Für mich das zweite Konzert der Band und die Einsicht, es wird allerhöchste Zeit, dass die Band sich in hiesige Gefilde auf Tour begeben sollte. Sicherlich eine der beeindruckendsten und intensivsten Livebands, die man sich derzeit ansehen kann. Nebenan auf der Cosmopol Stage kann man sich derweil das vierköpfige französische DJ-Kollektiv Chinese Man ansehen und hören. Unterstützt von einer überdimensionalen Multimedia-Leinwand will hier der Funke aber nicht wirklich überspringen. Das mag technisch alles perfekt sein, wirkt aber insgesamt leider ein wenig lahm. Diese Aussage trifft auch auf Jake Bugg zu. Es ist mir persönlich ein Rätsel, was an diesem Bubi dran sein soll. Dünnes Stimmchen, dünne Songs und auch eine recht dünne Performance. Nein, dieser Hype erschließt sich mir altem Britpopper wirklich nicht und mir ist mehr nach neuen Klängen zumute: Mykki Blanco muss man alleine schon für das Auftreten in seinen Videos mögen, wenn er voll geschminkt, in Frauenklamotten ein starkes Zeichen gegen die noch immer vorhandene homophobe Einfalt im Hip Hop setzt. Aber auch musikalisch ist das, was hier abgeliefert wird weit vorn und die Beats peilen zielgenau die Magengrube an. Dazu tanzt Blanco mit Bommeln auf der Brust und Handtuch als Perückenersatz wie eine Burlesque-Tänzerin über die Bühne, so dass es ein großer Spaß ist, dabei zuzusehen. In Hamburg wird man ihn am 10.8. auf dem Vogelball, auf dem Gelände des MS Dockville erleben können.

Auf der Hauptbühne haben derweil Slipknot zehntausende Besucher in ihrer Gewalt. Erstaunlich, wie eine Band, die eigentlich aus einer doch recht überschaubaren Nische kommt, in den letzten Jahren so groß geworden ist. Sie zeigt aber schnell, dass der Headliner-Status für diesen Tag absolut gerechtfertigt ist: Neben einer der fettesten Lightshows auf dem Festival und einem glasklaren Sound, gibt es auch Hebebühnen und Flammenfeuerwerk auf der Bühne und ein donnerndes, musikalisches Feuerwerk, das die Masse deutlich antreibt, aus den Boxen. Erst nach gut 100 Minuten ist der unterhaltsame Maskenspuk vorbei und unser Weg führt zur Arena Stage, wo Animal Collective mit dem wohl schönsten und phantasievollsten Bühnenbild des Festivals aufspielen und man sich dank der ungewöhnlichen Bauweise des Zeltes, auch außerhalb bewegen kann und trotzdem freien Blick auf die Bühne hat. Der Konzerttag endet auf der Orange Stage mit Ingrid, einem Kollektiv, bestehend aus Lykke Li, Peter, Björn & John, Miike Snow und Gästen. Die Erwartungshaltung der Besucher, so muss man es wohl sagen, konnte die Combo trotz Gästen wie The Tallest Man on Earth und Chrissie Hynde (Ja, die von den Pretenders!) aber nur zum Teil erfüllen, doch vielleicht lag das auch an der späten Spielzeit dieser letzten Show des Donnerstagabends.

Der Freitag beginnt für uns mit einer Backstage-Tour, in deren Rahmen wir vieles über die Organisation des Festivals erfahren, über die 32.000 Volunteers, die den Laden am laufen halten und über das Müllproblem.Wir erfahren, dass Roskilde während der Festivalzeit die viertgrösste Stadt Dänemarks ist, wie eine richtige Stadt geplant wird und dabei auch von angehenden Stadtplanern als Studienobjekt begleitet und ausgewertet wird. Wir erfahren über Projekte, die jedes Jahr auf dem Festival stattfinden. So werden in diesem Jahr hier „Schlaftonnen“ getestet, die man später in Katastrophengebieten einsetzen will (O-Ton der Festivalvertreter: „And if you have the chance to visit the Camping Areas when the people  have left, you will see, this is an Catastrophe-Area und in der Backstage Village testet man ein Bargeld- und Kreditkartenloses Bezahlsystem, welches bei Erfolg auf das ganze Festival ausgeweitet werden soll. “). Aber auch kleinere Projekte, wie die Einführung von Mehrweggeschirr, werden im Bereich der Odeon Stage, der Experimentier-Zone des Festivals, ausprobiert

Auch ein Blick hinter die Kulissen der Arena-Stage, mit 17.000 Plätzen immerhin der zweitgrößten des Festivals, wird uns gestattet. Hier haben wir die Möglichkeit mit dem Stage Manager zu sprechen, der uns erzählt, dass von den 438 Mitarbeitern an dieser Bühne lediglich 20 bezahlt werden. Der Rest: Volunteers! Viele seit vielen Jahren dabei. Stage Manager Torben selbst macht den Job seit 25 Jahren. Ehrenamtlich! Dies wiederum erzeugt aber auch die besondere Stimmung, die wirklich auf dem ganzen Festival zu spüren ist und als ‚Orange Feeling’ bekannt ist. Das Festival ist eine Non-Profit-Organisation, jedes Jahr startet man mit dem Budget bei Null und alle Gewinne werden wohltätigen Organisationen gespendet. Das ist weltweit einmalig und darauf ist man hier berechtigterweise sehr stolz.
Doch kommen wir wieder zur Musik: Die norwegischen Indies Highasakite machen heute den Anfang und lassen den langen Konzerttag entspannt angehen. Hübscher Girlie-Indie-Pop, nah an Camera Obscura mit teil zweistimmigem Gesang und Blechbläser. Weiter geht es auf der einzigen Indoor-Bühne, der künstlerisch sehr schick gestalteten Gloria-Stage: Hier gibt sich der Londoner/Wiener Musiker S O H N die Ehre und zelebriert seine Elektro-Pop-Songs mit einer dreiköpfigen Band, die fast alle Passagen der Songs tatsächlich live spielt, was in dem Genre nicht unbedingt selbstverständlich ist. Sicherlich eine der intensivsten Shows, die das Festival zu bieten hatte. Musikalisch das genaue Gegenteil folgte dann mit den Sub-Pop-Darlings Metz, die ihrem Label und seiner Geschichte mit Noise-Rock alle Ehre machten und das Zelt mit ihren Druckwellen anständig durchpustete (Tipp: 4.11. im Hafenklang). Bevor an selber Stelle dann die Suuns spielen, bleibt noch etwas Zeit, sich auf der Hauptbühne Bobby Womack anzusehen, der von einer fetten Funkband begleitet wird und mit seinen fast 70 Jahren durchaus noch zu überzeugen weiß. Da sieht man gern darüber hinweg, dass er zwischen den Songs manchmal ein wenig verloren wirkt. Suuns hingegen spielen tight wie Sau mit einem wirklich tollen Sound und haben die Besucherschaar schnell im Griff, während auf der nebenstehenden Cosmopol-Bühne die beiden Rapper El-P & Killer Mike ihr neues Kollabo-Gratisalbum „Run the Jewels“ zum ersten Mal live aufführen. Hände in die Höhe und mitgemacht, heißt es hier, bis mich eine SMS mit dem Wortlaut: „Apollo Stage, hinten rechts, Fett!!!!“ erreicht. Also Beine in die Hand und zur Apollo, wo der mysteriöse UZ, der seit einem guten Jahr die Elektroszene aufmischt, aufspielt und, ja, ‚Fett!!!!’ war wohl dafür die richtige Umschreibung. 

Bleibt für diesen Tag noch, etwas über Rihanna zu schreiben, die den heutigen Headliner-Slot auf der Orange Stage übernahm. Ohnehin nicht gerade ein Festivalakt, wäre es einfach, einen großen Eimer Häme über ihr auszuschütten. Doch darf man eine so große – und insgesamt recht begeisterte – Besucherzahl ignorieren? Auch die Tatsache, dass sich die Dame zunächst mit Axl Rose zu verwechseln schien und 30 Minuten zu spät startete, wie auch die Tatsache, dass ihr anscheinend niemand gesagt hat, wo sie sich überhaupt befindet und sie mal „Denmark, I love your City“ posaunte, später dann immerhin wusste, das Kopenhagen (immerhin nur knapp 40km entfernt) so „beautiful“ ist und sie unsere „love“ ganz doll und deep zu fühlen meint, macht sie nicht wirklich sympathischer, doch bleibt es unterm Strich ein ganz solides Popkonzert ohne echte Höhepunkte, mit vielen Beats und einem Gitarristen, der in den 90ern mal bei einer mäßig erfolgreichen Rockband gespielt hat (Nuno Bettencourt, Extreme). Ich selbst kannte gerade mal drei Songs: Umbrella, Rude Boy und Don’t stop the music, aber eingefleischte Fans, ja, die gab es da, sagten mir, sie hätte über 20 Hits gespielt. Nun ja, belassen wir es dabei, dass die meisten der Besucher offensichtlich dabei gut unterhalten worden sind – und darum geht es ja eigentlich auch. Überhaupt und bei diesem Festival, das eben auch von dieser Vielfalt lebt.
Der Tag – und auch der erste Teil dieses Berichts – endet mit der Blue Angel Lounge mit einem entspannten Set zwischen Indie, Sixties und leichten Noise-Einschlägen und ohne, das wir über Turbonegro, Volbeat, Crystal Castles, Simian Mobile Disco oder die Suicidal Tendencies berichten, denn alles kann man auf einem so großen Festival einfach nicht sehen.
Der zweite Teil folgt. (nsc)

 

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