Glück gehabt, oder eben auch nicht. Radical Face kennt jeder. Seit inzwischen 3 Jahren hält der Kamerahersteller Nikon an Radical Face’s “Welcome Home” zur Untermalung seiner Werbespots fest. Das ist vergleichsweise langlebig, da haben andere schon mehrfach die Capital Cities, Woodkids und Tom Odells dieser Welt durchgeorgelt. In gewisser Weise, gefühlt, sind Radical Face hier sowas wie die Pioniere im Bereich werbeuntermalender Indie-Popsong. Kein Shazam Symbol wird eingeblendet, nicht einmal Name der Band oder des Songs. Radical Face, eine Band, die man sich selbst finden muss. Knapp vorbei am Download-Superhit. Ein Umstand der Ben Cooper, den Mann hinter Radical Face, nicht interessiert. So wie er sich selbst seine Musik in gelassener “es dauert so lang es eben dauert” Manier erarbeitet, so wünscht er sich das auch von seinen Hörern.

Am 01. November erscheint nun mit “The Family Tree: The Branches” der zweite Teil der “The Family Tree” Trilogie. Begonnen hatte das Ganze 2012, logisch mit dem Teil “The Roots” und da sämtliches Material für alle drei Teile schon geschrieben ist, dürfen wir dann wohl auch recht zeitnah mit Teil 3 rechnen. Gesamtkonzept dahinter ist die Beschreibung eines Familienstammbaums im 19ten Jahrhundert. Eine ausführliche Geschichtssammlung. Cooper liebt es Geschichten zu erzählen. Ging es auf dem ersten Teil der Trilogie noch vergleichsweise spärlich instrumentiert zu, merkt man “The Family Tree: The Branches” schon mehr Spielraum an, denn auch das ist Teil des Konzepts. Alles soll sich über die Spanne von drei Alben weiterentwickeln. Wachsen. Wie Äste, die sich nach mehr strecken, um hier mal das passende Bild zu bemühen.

Gleich zu Anfang schwelgt man da zum Track „Holy Branches“ in einem Stück Musik, dass sich perfekt einfügt in das neblige Herbstszenario vor dem Fenster. Das ist Musik zu der man Sonntags nach einem Wochenende mit viel zu viel wenig Schlaf durch das knöcheltiefe Herbstlaub schlurft, nur um wenigstens einmal kurz vor der Tür gewesen zu sein. Im Anschluss macht man es sich wieder unter einer Decke gemütlich und hört einfach nur weiter zu. Malt sich aus, wie sie wohl aussehen mag, diese Familie im 19ten Jahrhundert, wer mit wem, was und warum. Die Herbstlektüre wird überflüssig, wenn man darüber nachdenkt, was denn wohl vom Sommer blieb (Summer Skeletons), oder wer er wohl war, der Verfasser der „Letters Home“. Namen werden nicht genannt, in keinem einzigen Song. Es gibt immer wiederkehrende Instrumente, kurze Momente, die einem die Verbindung zu einem anderen Song aufweisen, Coopers einziger Hinweis auf die Struktur im Stammbaum. Man muss genau hinhören, auf die Feinheiten achten und würde man sich mit Zettel und Stift hinsetzen und malen, dann hätte man ganz schnell einen hübsch verzweigten und verästelten Stammbaum vor sich, mit Tragödien, Leiden, Liebe und Allem, was eben so dazugehört. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

“The Family Tree: The Branches” ist ein unbedingtes Album, wer den ersten Teil noch nicht sein Eigen nennt, der wird dies schnell ändern. Es ist, als ob man in eine Serie von faszinierenden Romanen plötzlich mit Teil 2 einsteigt, es genießt, am Ende, hinterher, mehr will, kurz in ein Loch fällt, um dann festzustellen: es gibt einen Teil davor und es wird auch einen Teil danach geben. Ein unschlagbares Glücksgefühl. (mh)

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