Die ersten Tage nach der Schocknachricht über das Ende der Hasenschaukel sind vorüber. Doch es fühlt sich noch immer so schmerzhaft an, wie in der ersten Sekunde. Eigentlich muss man es nicht mehr erklären, aber:

Die Hasenschaukel ist eine gemütliche Bar, kleines hübsches Kleinod mit morbidem aber herzlichstem Charme im Herzen von St. Pauli. Während draußen Touristengruppen vorbeigehen, um vor allem am Wochenende in den unzählig gleichschlimmen Lokalitäten rund um die Reeperbahn Junggesellenabschiede zu feiern und sich den Kopf wegzuballern, heißt das in heimeliges Pink und lindgrün gehaltene Lokal all die Willkommen, die diesem Kommerz gern aus dem Weg gehen wollen. Neben gepflegter, immer guter musikalischer Untermalung eines netten Gesprächabends, standen hier schon diverse Musiker auf der kleinen Bühne vor dem Fake-Kamin.

Einige von ihnen füllten wenig später auch schon die größeren Musikclubs in Hamburg oder ganz Deutschland. So spielte Gisbert zu Knyphausen dort anfangs vor einer handvoll Menschen, ehe wenig später die Hasenschaukel randvoll gefüllt und er noch viel mehr später bereits an zwei Abenden das Knust ausverkaufte. Auch Dan Mangan, Kristofer Aström und Golden Kanine standen dort sehr gern ganz nah am Publilum und feiern heute sogar ihre Release-Shows in diesem Laden. Aber auch die weniger bekannten aber nicht minder tollen kleinen Singer-Songwriter dieser Welt (z.B. aus New York, Kanada, Australien, Schweden, Hamburg und von wer weiß woher) haben in der Hasenschaukel eine Heimat gefunden. Nur um ein paar Namen zu nennen: Stanley Brinks, The Great Park, My Brightest Diamond, Patrik Fitzgerald, Tymon Dogg, Rivulets, Peter & the Wolf, Moto Boy, Kim Munk of The Broken Beats, Mike Noga of The Drones, Björn Kleinhenz, Paul Armfield, Cedarwell, Chuckamuck, The Strugglers, Bart Davenport, The WoWz, Phoebe Kreutz, Creaky Boards, Ching Chong Song, Cheese On Bread, June Madrona, La Grande Illusion, Toby Goodshank of The Moldy Peaches, Against Me,Willard Grant Conspiracy, Kid Dakota, Kelley Stoltz, Rue Royale, The Wind Whistles.

Und all das ohne generellen Eintritt, vielmehr wird der „Hut“ rumgereicht, in dem dann der Betrag der Wahl reinfallen darf und auch soll. Das gesamte gesammelte Geld geht direkt an die Künstler und wenn doch mal Eintritt verlangt wird, liegt dieser seltenst über 8 Euro.

Uns zerreißt es das Herz, wenn nun die Realität über uns hereinbricht, denn dieser einmalige Ort wird nächstes Jahr im Mai das letzte Mal der sein, der er jetzt noch ist. Die Inhaber Anja Lupoupou und Tan Le Racoon sehen sich gezwungen, dieses Kapitel nach fast 10 Jahren zu schließen (erst am 14. Dezember feierten sie mit vielen Gästen ihren 9. Geburtstag). Doch diesmal kann man nicht auf böse Vermieter, zu hohe Mieten oder ähnliches schimpfen. Doch das wäre einfacher, als akzeptieren zu müssen, dass diese Herzgeschichte nicht rentabel genug ist, um zu überleben. “Wenn etwas schönes geht, wird etwas anderes schönes folgen” – doch so einfach ist das nicht.

Die Hasenschaukel ist etwas besonderes! Wir haben unter diesen geliebten morbiden Lampen, den Samttapeten  unser Herz verloren, nicht nur an die Hasenschaukel, sondern auch ein Stück an Hamburg. Damit schließt nicht nur einfach ein Laden, sondern ein Wohnzimmer, ein Ort zum Durchatmen und Verweilen. Ein Ort, der einem in dieser kalten Welt gezeigt hat, dass das Herz trotzdem am richten Fleck sitzen kann. Es ist irgendwie Heimat, man spürt die Liebe, die in die Abende gelegt wird. Die Liebe zur Musik, zum Menschen, zu schönen entspannten Abenden. Wir haben dort gelacht, geweint, getanzt, im Takt der Songs gewiegt, ausgelassen geklatscht, geknutscht, getrunken, in Erinnerungen geschwelgt, uns wohl gefühlt.

Doch jetzt in depressives stoisches Trauern zu verfallen würde nicht dem entsprechen, wofür die Hasenschaukel steht. Lieber noch ein paar mal diesen tollen Ort feiern, tollen Konzerten lauschen, Songs raten, die Samttapete streicheln. Manche Dinge können nicht ersetzt werden. Vor allem nicht die Herzdinge! (ms)

Share.

Leave A Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.