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Interview: KLAN

Dilettant versus Profi. Kontrastreiche Kunst ist keine Eintagsfliege. Satte zweieinhalb Jahre tüftelte dieses Pop-Duo schamlos an ihrem Stil bis es sich richtig anfühlte. Fast schon wie ein altes Ehepaar, ist Reibung hier vorprogrammiert. Ob es nur beim Wortgefecht blieb oder auch körperlich wurde, verrieten KLAN uns im Interview vor ihrer fulminanten Show in der Nochtwache.

Noch immer der Euphorie verfallen, präsentieren wir euch direkt die nächste Runde. Mit ihrem Debüt „Wann hast du Zeit?“ geht es am 6. November diesmal nach oben in den Nochtspeicher. Lest euch schon mal warm:

Eure Visitenkarten sind analoge Aufnahmen, die ihr abfotografiert habt. Woher kommt eure Vorliebe für analoge Fotografie?
Michael: Auf meinem Schreibtisch habe ich ein paar Fotos liegen, die sehe ich immer wieder, wenn ich in meinem Zimmer bin. Das passiert mir mit digitalen Fotos nicht so oft. Wenn man den Moment physisch festhält, bekommt er einen Wert. Das ist eine gute Sache.

Stefan: Und wir haben das mit unserer Fotografin Dorothea Dittrich entwickelt, die einfach selbst auch einen Hang zu analoger Fotografie hat. Hier kann man entgegen der digitalen Fotografie eben nicht unendlich Fotos machen.

Michael, warum hat der Arztkittel gegen die Musik verloren?
Michael: Tatsächlich mochte ich das Medizin Studium. Musik ist jedoch eine Sache, die voll in mir drin steckt und ich habe daran Spaß das mit Stefan zu machen. Irgendwie war es ein langer Entscheidungsprozess, weil mich beides erfüllt, aber am Ende lag Musik eine Nasenspitze vorne.

Ihr sagtet mal Songs brauchen Inhalt, am besten einen Punkt an dem es weh tut. Hat man auf der Bühne vielleicht auch eine größere Stimmgewalt? 
Michael: Auf jeden Fall! In der Medizin hat mich eigentlich weniger das biologisch Medizinische, sondern viel mehr das Psychiatrische interessiert, wo es um den Menschen als soziales Wesen geht. Dieses Denken über die Psyche des Menschen, seine Beziehungen und über die Gesellschaft findet in den Songs noch mehr Raum. Manchmal tun diese Reflexionsprozesse auch weh, aber an anderen Stellen geben sie eben auch Kraft.

In „Die Wahl“ sprecht ihr z.B. die Unabhängigkeit und Fairness an, wie „Kuchenstücke endlich fair verteilen“. Sollte sich Musik eurer Meinung nach klarer positionieren?
Michael: Musik kann sich auch um alles andere drehen, aber uns macht es Spaß, weil es uns auch wichtig ist.

Stefan: Ab einer gewissen Größe und Reichweite hat das schon eine Bedeutung. Künstler stehen, meiner Meinung nach, schon in einer Verantwortung für etwas Gutes zu stehen. Wie man in diesen Zeiten sieht, kann am Ende eine so reichweitenstarke Person, wie Donald Trump, eben auch Präsident werden. Es gibt Menschen, die extrem viele Personen erreichen und wo es wichtig ist, dass diese Menschen Meinungen ausbilden und sich selbst bilden. Ich glaube, dafür habe ich ein Gefühl und möchte da ein Vorbild sein oder werden, irgendwann.

Wie würdet ihr eure stilistischen Merkmale beschreiben? 
Michael: Insgesamt ist es Pop, in dem ganz viele Genre Platz finden können. Das nutzen wir schamlos aus! In mir steckt Soul und Stefan hat früher harte Gitarrenmusik gemacht.

Stefan: Diese Einflüsse finden sich in unserer Musik wieder. Auch elektronische Musik und Trip Hop sind etwas was wir mögen.

Michael: Was es nicht sein darf, ist so ein klassischer Deutsch Pop Akustik Gitarren Radio Sound.

Geschwisterkriege. Wir haben gehört, da geht es ganz schön zur Sache. Wie sieht es aus, wenn ihr euch richtig kappelt? 
Michael: Wir haben uns noch nie geschlagen! Aber wir streiten uns krasser als mit anderen Personen.

Stefan: Es geht vor allem sehr schnell nach oben. Oft sind es kleine Meinungsverschiedenheiten, inhaltliche Sachen, bei denen der Eine den Anderen nicht versteht. Als Geschwisterkinder denken wir oft, der muss doch die selbe Meinung haben, wie ich. Das es nicht so ist, fühlt sich dann schlimm an. Wie in jeder Zweierbeziehung oder Ehe muss man die Schuld aber auch bei sich suchen, nicht nur beim Anderen. Spätestens fünf Minuten später kommt oft die Entschuldigung und die Einsicht.

Michael: Wobei wir uns auch schon in Momenten erwischt haben, in denen wir wie ein altes Ehepaar waren, wo wir uns nicht nur an musikalischen, sondern auch an kleinsten Verhaltensbesonderheiten aufgezogen haben.

Michael, für dich ist das Musikbusiness relatives Neuland, während Stefan auf einen enormen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Wie schwierig war es eigentlich auf einen Nenner zu kommen?
Michael: Ich finde das ganz geil, weil ich weiterhin der Dilettant bin und Stefan sehr vieles kann. Wir können uns da gegenseitig viel geben. Während ich Sachen eher begrenze oder auf eine eigene Art und Weise mache, weiß er ganz genau was passt und wie es stimmig werden kann.

„Lang lebe die Liebe“ befasst sich u.a. mit der Trennung eurer Eltern. Wie ist eure aktuelle Einstellung zur Liebe?
Stefan: Liebe ist ja nie leicht. Irgendwann setzt immer der Moment ein, wo man nicht mehr verliebt ist. Da beginnt dann die Arbeit. Wir sind da realistisch und sehen es als hohes Gut an, es in einer langen Beziehung mit einem Menschen auszuhalten. Ich finde es gerade spannend, wie viel man überhaupt teilen muss. Müssen das immer 100 Prozent sein oder hält es eine Beziehung länger frisch, wenn man sich möglichst viel eigene Zeit und Interessen erhält? Mein Konzept ist dabei ziemlich eigenständig zu bleiben und so die Phase der Verliebtheit zu strecken.

Was schätzt ihr am jeweils Anderen besonders?
Michael: Stefan ist der beste Musiker, den ich kenne. Er ist aber auch ein sehr fürsorglicher Bruder.

Stefan: Cool. Ich fühle mich sehr herausgefordert, dadurch dass Micha so klug ist. Oft werde ich als älterer Bruder noch bereichert was andere Perspektiven und Themen angeht. Micha ist sehr ehrlich und klar in seinem Wesen, was er sagt, was er möchte und eben auch was nicht.

Wie war eure Erfahrung auf dem Reeperbahn Festival und dann gleich im Docks zu spielen?
Michael: Vor Liam Gallagher auch noch. Das war verrückt. Niemand kannte uns. Es wäre gut möglich gewesen, dass die Leute einfach auf ihn warten und wir nur nebenher laufen. Von Song zu Song haben die Leute uns jedoch immer mehr zugehört, lauter geklatscht und gejubelt. Das war voll geil und schön.

Stefan: Das war ein Konzert bei dem vorher uns beiden die Knie geschlottert haben.

Interview: Tanja Kilian