Ihre Musik trägt eine ganz eigensinnige Handschrift. Laut, kantig und immer sich selbst einen Schritt weiter gedacht. Von den einen wird sie für ihre anstößige Art gefeiert, von anderen kontrovers diskutiert. Denken wir zurück an ihre damalige Show in der Prinzenbar, erkennen wir Mine kaum wieder. Optisch, sowie musikalisch hat sich diese unfassbare Künstlerin, einfach so, selbst neu erfunden und ist dabei zu der geworden, die sie eigentlich schon immer war. Nur hat ihr das Selbstbewusstsein gefehlt, das auch aller Welt zu zeigen. Nun scheißt sie auf Kompromisse, immer mit dem Blick darauf, dass hinter jeder Ecke neuer spannender Input wartet.

Am 11. Mai geht es mit ihrer neuen Platte “Klebstoff” und den noch kontroverseren Jungs von AB Syndrom in den Mojo Club. Wir sprachen mit Mine über die letzten Jahre, darüber wie der Dialog mit ihrem Zukunfts-Ich entstanden ist und welche Rolle diese klebrige Masse in ihrem Leben spielt.  

Schwarz-weiß, grau oder bunt – worin findest du dich am ehesten wieder?
Schwarz-weiß! Das sind meine Farben, die ich immer trage und die für mich irgendwie am besten zusammenzubringen sind. Außerdem sehe ich mich manchmal auch selber so ein bisschen schwarz-weiß, obwohl ich es nicht cool finde. Ich versuche die Welt in möglichst vielen Graustufen zu sehen und so bunt, wie es geht, aber trotzdem habe ich manchmal das Gefühl viele Dinge sind schwarz-weißer als ich es gerne hätte. Und ein Song auf dem Album heißt auch “SW”.

Wie sieht die beste Version von dir aus? Und wie die schlechteste Version?
Whoa, das ist eine gute Frage. So selbstreflektiert, wie möglich zu sein und am ehrlichsten mit sich selbst umzugehen. Wenn ich das hinbekomme, dann fühle ich mich am wohlsten.
Die schlechteste Version ist genau das Gegenteil, wenn man sich selbst was vormacht halt. Wahrscheinlich auch schlecht gelaunt. Wenn ich mit mir selbst nicht zufrieden bin, dann werde ich unangenehm, leider. Ich komme sehr schwer damit klar, wenn ich merke, ich habe etwas verkackt, ich hätte es besser machen können. Dann bin ich frustriert. Ich bin halt sehr perfektionistisch. Das enge Umfeld merkt das total, aber sonst kann ich das sehr gut für mich behalten. Das ist ja aber auch das Schlimmste, man lässt es meistens an den engsten Personen aus.

Was verbindest du mit dem Begriff “Klebstoff”?
Erstmal ist das Wort phonetisch total schön. Ein wahnsinnig schönes Wort zum Aussprechen und es klingt genau so wie das, was es für mich aussagt. Und ich verbinde damit so eine zähe Masse, das passt ganz gut zum Sound. Für mich geht es bei dem Album vor allem um das Kleben bleiben an gewissen Dingen im Leben, aber eben auch viel um zwischenmenschliche Beziehungen, was ja auch mit aneinander kleben bleiben zu tun hat.

Was fasziniert dich allgemein an der deutschen Sprache?
Ich mag es, dass sie sehr fragil ist. Ich steh auch drauf, dass es für ähnliche Inhalte tausend verschiedene Möglichkeiten gibt das auszudrücken. Es gibt ein sehr breites Vokabular, viel mehr Wörter als zum Beispiel im Englischen. Dadurch ist die Sprache auch etwas präziser. Aber es ist schwieriger sie schön klingen zu lassen, weil sie sehr kryptisch ist, sehr kantig und sie nicht so weich ist. Das finde ich geil, weil sie dadurch eine gewisse Herausforderung mit sich bringt in der Musik damit rumzuspielen.

Wie ist der Dialog mit deinem Zukunfts-Ich entstanden?
Ich lag mit meiner besten Freundin morgens um vier auf der Couch und wir haben uns total verquatscht. Irgendwann haben wir darüber geredet, wie verrückt es ist, dass man manchmal an sein früheres Ich zurückdenkt und dabei das Gefühl hat, man blickt auf eine andere Person. Es wäre voll geil, wenn man mit dieser Person kommunizieren könnte, scheiße, dass das nicht geht. Aber ich könnte jetzt eine Nachricht an mein Zukunfts-Ich aufnehmen. Ich kann mir das in zwanzig Jahren anhören und habe dann so diese einseitige Kommunikation. In dem Augenblick hat das voll Sinn gemacht. Das war voll der krasse Aha-Moment, wo ich dachte, das ist so verrückt, dass es einen so unendlich viele Male gibt eigentlich. Jeder Moment macht einen zum neuen Menschen, wenn man etwas erlebt hat.

Und was würdest du deinem Vergangenheits-Ich sagen?
Oh, so vieles. Alles geht vorbei. Alles ändert sich. Manchmal erlebt man irgendwas gutes im Leben und geht davon aus, dass es für immer so bleibt. Die Vergänglichkeit ist einem gar nicht so bewusst. Und auf der anderen Seite fühlt man sich manchmal gefangen in etwas ganz ganz schlimmen. Jeder kennt den ersten Liebeskummer, wo man das Gefühl hat, das hört einfach nie wieder auf. Einfach diese Erkenntnis, dass alles irgendwann aufhört, dass alles sich immer verändert. Das finde ich echt krass wichtig. Wenn man das gecheckt hat, dann ist alles nicht mehr so schwierig und gleichzeitig weiß man es viel mehr zu schätzen.

Dein neues Album klingt gereift, losgelöst und energiegeladener. Und auch dein Auftreten hat sich in den letzten 5 Jahren massiv verändert. Was hat zu dieser Entwicklung beigetragen?
Na, als das Projekt entstanden ist, hatte ich gerade diesen ersten Aha-Moment, da hat die Arbeit mit mir selbst eigentlich begonnen. Ich habe diese Veränderung gar nicht mitbekommen, weil ich bin ja einfach jeden Tag ich selbst und mit mir selbst zusammen. Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich das natürlich auch. Ich bin auch einfach älter geworden, weiß viel mehr, bin immer mehr ok damit, wie ich bin, wer ich bin und was ich tue. Und das ohne Kompromisse. Ich vertraue jetzt mehr meinen eigenen Kompetenzen. Früher war es oft so, dass ich gesagt habe, oh, ich würde das jetzt eigentlich gerne selber machen, aber ich habe das Gefühl, ich kann das nicht, also frage ich lieber jemand anders und bin quasi nur dabei. Inzwischen mache ich das einfach direkt selber, weil ich viel mehr Grundvertrauen mir selber gegenüber habe. Ich fühle mich immer wohler in diesem ganzen Konstrukt.

In “Einfach so” behandelst du das Vorurteil “Du kriegst das niemals hin”. Wie oft wurde dir das gesagt? Und wie geht man am besten mit Ablehnung um, um sich selbst zu positionieren?
Puh, ich kann es echt gar nicht zählen wie oft. Alleine schon als ich die Berufswahl getroffen habe. Ich komme vom Dorf, du kannst dir vorstellen, wie die Reaktionen da waren, als ich gesagt habe, ich will Musik machen. Man darf sich nicht so viel von äußeren Einflüssen abhängig machen. Das Wichtigste ist, dass man merkt, das alles was man tut eine Auswirkung auf sich selbst und auf andere hat. Niemand ist seinem Schicksal ergeben. An Schicksal glaube ich sowieso nicht. Ich bin der Meinung, dass man selbst fast alles ändern kann. Jeder hat andere Voraussetzungen, aber wie man damit umgeht, kann man immer selber entscheiden. Wenn man morgens aufsteht und spürt, dass man etwas einfach machen will, sollte man es auf jeden Fall tun. Das ist der einzige Weg. Am Ende geht es darum, dass man zufrieden mit seinem eigenen Leben ist. Man selbst ist der einzige Mensch, der einen selbst zufrieden machen kann.

In “Vater” behauptest du, dass du alles anders machen würdest. Was genau würdest du anders machen als dein Vater?
Whoa, ich würde prinzipiell mit mir selbst einfach ein bisschen besser umgehen. Wenn man besser mit sich selbst umgeht, dann geht man automatisch auch besser mit anderen Menschen um. Ich war lange in der Überlegung, ob ich den Song überhaupt veröffentlichen möchte, weil ich dazu gar nicht so viel sagen will. Der Song erzählt zwar einiges, aber in einem Rahmen, den ich so vertreten kann.

Welche Werte sind im Gegensatz zu denen, die die Gesellschaft uns vorgibt, deiner Meinung nach wirklich wichtig?
Auf andere Menschen prinzipiell Acht zu geben und zwar unabhängig davon wer sie sind, wo sie herkommen, wie sie wirken und wie sie handeln. Also insgesamt fehlt es mir noch extrem an Toleranz und Akzeptanz. Aber auch die Empathie füreinander, also ernsthafte Empathie, Mitgefühl, Verständnis gegenüber Menschen, die anders sind als man selbst. Sich das wirklich mal ernsthaft anzugucken und sich ernsthaft mal in andere Situationen rein zu versetzen. Auch wenn wir da schon weiter sind, als in anderen Gegenden der Welt, wird immer noch sehr viel vorgespielt.

Interview Tanja Kilian

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