Die Mädchen aus der ersten Reihe waren wie gewohnt schon Stunden vorher am Start. Wer bei Batomae allerdings kreischende Teenies erwartet, die nach der Show am liebsten mit aufs Hotelzimmer gehen würden, der liegt hier völlig falsch. Viel mehr geht es hier um familiäre, freundschaftliche Liebe. Und wo lässt es sich besser feiern als im Kreise der Familie? Erst heizte Rapper Fargo dem Indra ordentlich ein, dann zeigte Batomae, dass er eben nicht den typischen Popkünstler verkörpert. Viel mehr spielen hier vernünftige Werte und große Gefühle eine Rolle. Und auch seine bessere Hälfte Jana Crämer gab eine kurze beeindruckende Kostprobe aus ihrem neuen Buch „Das Mädchen aus der ersten Reihe – unzensiert . Warum Batomae etwas Zeit zurückgeben möchte, wieso Schweigen nichts ändern und und wie viel Einfluss Janas Krankheit wirklich auf Tour hat, verriet er uns vor der Show.

Passend zur kommenden Single “Wie du” verlosen wir drei handsignierte rückwärtslaufenden Uhren. Schickt uns dazu einen Mail mit dem Betreff “Keine Zeitverschwendung” und eurer Adresse an verlosung(at)concert-news.de (Teilnahmebedingungen).

Man sagt immer, die erste Reihe wird sich nie den Sänger angeln. Wie hoch sind die Chancen wirklich?
Es kommt auf den Effort an. Nein, das Gefühl der ersten Reihe ist etwas, was bei uns ganz besonders ist, weil es weit darüber hinausgeht sich den Sänger zu angeln. Stunden vorher losgefahren, schon vor dem Club warten, schon bevor wir da sind da sein. Es ist wirklich eine Lebensphilosophie und für uns einfach ein unfassbares Geschenk, weil es sich wie nach Hause kommen anfühlt.

Du hast u.a. für Künstler wie Namika und Wincent Weiss geschrieben, aber selbst reist du ohne Label durch die kleinen Clubs. Wie passt das zusammen? 
Es ist natürlich etwas anderes, wenn ich für andere schreibe. Da biete ich sehr viel an und habe nicht so viel Druck, weil man dann sagt, “das liegt dir auf der Seele, alles klar, ich habe vielleicht die nötigen Skills in irgendeiner Form.” Vielleicht die richtigen Akkorde, die richtigen Textzeilen, die richtige Melodie, die ich dann anbiete und wo dem Künstler plötzlich die Welt aufgeht. Sowohl eine Namika als auch ein Wincent stecken ganz viel Herz in ihre Musik. Ich meine, Namika ist immer noch bei uns im Studio, die ist ja quasi bei uns groß geworden. Ich habe mit ihr schon Sachen aufgenommen, da kannte sie noch keiner und wir haben uns die Nächte um die Ohren geschlagen, viel gequatscht und ich würde gar nicht sagen bei mir steckt jetzt mehr oder weniger Herzblut drin. Natürlich setzt da irgendwann auch eine Maschinerie ein, die braucht es aber auch. Es ist ja immer so, wenn viele Leute etwas von dir wollen, brauchst du auch viele Leute, die ermöglichen deine Message zu verbreiten. Da fällt natürlich immer ein bisschen Persönlichkeit weg.

Wie darf Batomae klingen und wie nicht?
Batomae klingt immer mit ganz viel Herz. Da ist der Sound teilweise egal, weil es mir darum geht, den Menschen das nahezulegen, was ich glaube, was in der heutigen Zeit ein bisschen verloren geht. Sich mal wirklich in die Augen zu gucken, sich Zeit zu nehmen, sich nicht mit einem Double Tab und einem Herzchen die Freundschaft zu definieren, sondern sich auch mal in den Arm zu nehmen, Gefühle zuzulassen und sich dafür auch nicht zu schämen. Im Endeffekt geht es darum mit allen Facetten zu leben und wirklich zu fühlen.

Warum habt ihr eigentlich noch kein großes Label hinter euch? Habt ihr euch bewusst dafür entschieden?
Weil die alle keinen Geschmack haben und uns noch kein Angebot gemacht haben. Ne, wirklich, da musst du die fragen. Wir sind in der glücklichen Situation, nicht alles machen zu müssen, weil wir vieles auch selber können und uns das mit viel Schweiß, Tränen und den Fans erarbeitet haben. Und gerade diesen Menschen, die uns so eine schöne Zeit auf den Konzerten geschenkt haben, möchten wir ein bisschen Zeit mit der neuen Single „Wie du“ zurück geben. Dafür haben wir diese schönen Uhren dabei. Klar gibt es Global Player, aber Menschen, wie du und ich, die jeden Tag, das klingt ein bisschen pathetisch, aber den Dienst der Gesellschaft tun, einfach für den Nächsten da sind, verdienen viel mehr Aufmerksamkeit. Man sagt ja so schön, je sozialer der Beruf, desto schlechter die Bezahlung, desto weniger Aufmerksamkeit und desto weniger auch die Komplimente. Und das finde ich eigentlich schade, weil niemand macht das so gut, wie du. Ob es die Polizei ist, die Feuerwehr oder freiwillige Dienste sind, für mich ist all das einfach viel mehr wert als irgendwer, der 20 Millionen Follower auf Instagram hat und der mit Schminktipps immenses Geld verdient. Verstehe ich nicht. Wir gehen einen anderen Weg und sind sehr glücklich damit. Dann kriegt man vielleicht nicht so ein dickes Konto, aber dafür einen Lächeln und ganz viele tolle strahlende Gesichter auf Konzerten.

In was würdest du dir niemals, nicht mal von deiner besten Freundin Jana, reinreden lassen?
Alles was mit Musik zu tun hat, aber da hat sie natürlich auch ein sehr gutes Gespür. Aber ich lasse mir gerne von Jana reinreden. Wir sind ein Team, beste Freunde. Oft weiß ich schon ganz genau was ich will. Man ist ja auch immer in gewissen Lebenssituationen, wo man vielleicht grundsätzlich weiß, wie man sich verhalten sollte, aber wo das Ego und der kleine Gollum in einem schreit: Du gehörst mir, du machst das jetzt anders!

Beste Freundin, Managerin und gemeinsam auf Tour – Man kennt euch zwei ja vor allem im Doppelpack. Ist es auf Dauer auch anstrengend, wenn man immer zusammenhängt?
Es ist es wie in jeder Beziehung, es ist natürlich nicht die ganze Zeit mega geil. Es ist aber bei weitem auch nicht die ganze Zeit mega scheiße. Man kann sich ja auch seine Auszeit nehmen. Es ist viel mehr ein großes Geschenk Menschen um sich zu haben, denen man zu 100 Prozent vertraut, gerade wenn man viel herumfährt und ganz viele verschiedene Menschen trifft. Gerade ist ja auch Jana ihr neues Buch rausgekommen „Das Mädchen aus der ersten Reihe – unzensiert und natürlich reißen sich da die Leute jetzt ein bisschen mehr um Jana. Ich bin quasi ihr starker Rücken, wenn sie mal ein bisschen Auszeit braucht und wenn meine neue Single „Wie du“ gut anläuft, dann ist sie mein starker Rücken während ich durch das Land düse.

In „Das Mädchen aus der ersten Reihe – unzensiert -“ gibt Jana einen tiefen Einblick in ihr Leben mit Binge Eating. Ist es denkbar, dass ihr auch mal ein gemeinsames Buch schreibt: Sowas wie “Er sagt, Sie sagt” aus beiden Sichten (Betroffener / Angehöriger)?
Tatsächlich wirst du so etwas ganz bald bekommen, aber nicht in Buchform. Es gibt ja auch noch andere Formate als Bücher, wo man die Leute sogar mitnehmen kann. Mehr sag ich dazu nicht. Genau das ist ein Thema, was viele fragen, weil natürlich, gerade nach den Konzert-Lesungen, aber auch nach den Konzerten noch so viele Fragen an mich offen bleiben.

“Schweigen ändert nichts”: Wie schafft man es aus dem gängigen “Immer funktionieren Karussell” auszubrechen, Fehler nicht mehr zu verstecken, sondern daraus die beste Version von sich selbst zu kreieren?
Indem man darüber spricht und sich dabei immer wieder, auch zum 10.000 Mal im Kreis dreht. Das ist nicht einfach. So persönlich, wie jede Geschichte von jedem Einzelnen von uns ist, ist auch der Verlauf. Manchmal kommt der Aha-Moment direkt und man denkt sich so wow, wie konnte ich mich die ganzen Jahre in dieses Loch reinziehen. Und dann kommt da wieder dieser kleine Gollum, wo man denkt, ohne den schaff ich es nicht, weil der redet mir die ganze Zeit ein: Du bist meins. Du bist mein Schatz. Ohne mich kannst du nicht. Nein, die anderen verstehen uns nicht. Wir verstehen uns hier, komm, lass uns in unserer Höhle bleiben. Klar, in der Freundschaft mit Jana und mir, auch mit den Jungs, wenn wir auf Tour sind, geht es zwei Monate gut, man kann Witze darüber machen, alles ist irgendwie selbstverständlich und auf einmal macht man wieder zwei Schritte zurück und dann sind Dinge ein Problem, die man eigentlich schon ausgesprochen hatte und dann spricht man sie halt nochmal an. Es ist wichtig, andere Menschen einen Blick darauf werfen zu lassen, meistens sind das ja die besten Freunde, Partner oder Familie, denen man sich anvertraut. Natürlich sollte man da auch vorsichtig sein, wem man sein Innerstes zeigt, weil nicht jeder das Beste für einen wünscht. Aber ich glaube jeder von uns hat ein gutes Gespür, wenn er auf seinen Bauch und auf sein Herz hört.

Sollte sich Musik generell klarer positionieren und mehr Verantwortung übernehmen?
Definitiv hat man auch eine gewisse Art von Verantwortung, gerade gegenüber Jugendlichen hat man eine Vorbildfunktion. Manche Künstler definieren sich ganz klar als Entertainer. Wenn du halt nur mit dicken Autos, freizügigen Frauen und teuren Uhren dich im Video ablichten lässt und sagst mein Leben besteht aus Koka und Feiern, dann ist das okay, wenn du das meinst. Ich finde aber, wenn man das so verkauft, verkauft man damit auch eine gewisse Realität. Gerade in der heutigen Zeit, wo man so nah über die virtuelle Welt miteinander connected ist, so nah und doch so fern. Man kann sein Handy ausmachen und lässt im Endeffekt die Kids mit dieser Illusion alleine. Man sollte sich dieser Macht bewusst sein. Da bleibe ich ganz bei mir, ich will nicht irgendein Image verkaufen, sondern einfach der Mensch sein, der ich bin und so hoffentlich viele inspirieren ein liebevoller, verantwortungsvoller Mensch zu sein. Ich erfahre das selber und merke wie schön es ist, nicht nur eine Umarmung zu bekommen, sondern auch eine zu geben, gemeinsame Wege zu gehen, sich zu öffnen, man selbst zu sein und keine Maske zu tragen.

Interview Tanja Kilian

Share.

Comments are closed.