Anfang Februar. Das Booze Cruise Festival vermeldete unter anderem Frankie Stubbs (von Leatherface!) und tatsächlich auch Lagwagon als Headliner am Samstag und wir so: Besser geht es nicht! Nun. Wir haben uns geirrt. Es geht besser. Noch besser. Noch viel besser! Vo12. bis 14. Juni sind nämlich unter anderem auch, festhalten!, MakeWar, The Menzingers, Spanish Love Songs, Press Club und wirklich wirklich Good Riddance und Hot Water Music. HOT WATER MUSIC! Besser geht es doch wirklich nicht! Wir haben mal bei Stefan Jonas, Booker und Kopf des Ganzen nachgefragt.

Wie überzeugt man Bands wie Lagwagon oder Hot Water Music, die sonst in ganz anderen, viel größeren Locations spielen, beim Booze Cruise dabei zu sein? Und: Kennen die Bands aus Übersee das Festival schon oder muss man noch viel erklären?
99% der Shows finden weiterhin in kleinen Läden statt, wir haben aber für den Samstag Abend und für den Sonntag auch jeweils eine große Venue dabei – So können wir alle Lagwagon, Hot Water Music oder auch The Menzingers sehen, ansonsten hätten HWM halt 8 Sets im Molotow spielen müssen, da ist dann aber auch mein Verhandlungsgeschick zu Ende, hehe. Einige der großen Bands werden zusätzlich nachmittags noch Shows in kleineren Räumen bzw. kleinen Booten spielen. Wo und wann verraten wir dann spontan. 

An Captain Chuck Ragan und Co. graben wir schon ein wenig länger rum, dieses Jahr hat’s endlich geklappt. HWM Gitarrist Chris Cresswell war ja letztes Jahr schon da, dem hat‘s wohl gefallen.Wir müssen bei dem Namen manchmal erklären, das wir halt keine Kreuzfahrt sind, was dann auch mal ein paar Bands gefreut hat, die eigentlich wegen Seekrankheit absagen wollten. Generell haben viele Bands und Booking Agenturen unser Festival mittlerweile auf dem Zettel und melden sich frühzeitig bei uns.

Wie läuft überhaupt das Booking? Geht ihr auf die Suche oder fragen Bands auch direkt bei euch an? Und wonach sucht ihr Bands denn überhaupt aus? Nur nach eurem Geschmack und ihren Gagen?
Grundsätzlich gehen wir nur nach unserem Geschmack, wenn keiner von uns die Band mag, wird sie auch nicht bei uns auf dem Festival spielen, ganz egal wie groß die Band ist und wie viele Leute sie womöglich anlocken könnte. Es gibt dann leider ein paar ältere Bands, die mal wieder ein paar Shows spielen wollen, die wir zwar gern einladen würden, aber deren Gagenvorstellungen völlig absurd hoch sind, da lehnen wir dann dankend ab und buchen lieber ein paar kleine, aktuelle Bands.

Macht es Sinn, sich als junge, kleine, motivierte Punkband direkt mal bei euch wegen eines Gigs auf dem Booze Cruise Festival zu melden?
Was auf jeden Fall Sinn macht: keine Mail schreiben, vorbeikommen und Hallo sagen. Die Sewer Rats waren als Gast da, fanden es großartig und wollten im nächsten Jahr unbedingt spielen, was dann auch geklappt hat. Uns einfach eine Email zu schreiben, bringt eher nichts. Ich bekomme so 50-100 Anfragen pro Woche, von denen sind vielleicht bisher 2-3 auf dem Festival gelandet. Wir sehen uns ja eher als eine Art Familienfeier denn als Festival – wir suchen schon selbst aus, wen wir einladen und setzen dann eher auf Empfehlungen von Bands, die wir kennen. So sind zum Beispiel Worst Advice bei uns gelandet.

Lagwagon, Good Riddance, The Menzigers – eure Stilvielfalt wird merklich größer. Bewusst? Oder hat es sich eher ergeben? Plus: Muss es denn immer Punk im weitesten Sinne sein oder könnten ganz theoretisch auch mal eine Rap-Crew oder eine Metal-Band in eurem Line-Up auftauchen?
Ganz theoretisch kann das schon passieren, wäre dann halt wichtig, dass die Leute in den Bands irgendwie Punk/HC Wurzeln haben und verstehen, was wir für ein Festival sind. Punk im weitesten Sinne muss es halt schon sein und dann müssen wir die Band auch noch selbst mögen – was bei Metal schwer wird, haha. Die drei Bands, die du da genannt hast, sind jetzt gar nicht mal so weit aus einander, oder? Hör dir mal Norbert Buchmacher an, der spielt auch bei uns auf dem Festival und klingt sehr nach Herbert Grönemeyer, war vorher aber auch mit Hardcorebands unterwegs. Total großartig!

Wann fangt ihr mit der Planung eines Booze Cruise an und was sind die größten Schwierigkeiten? Bands, Clubs, rechtliches Zeug oder was ganz anderes?
Wir sind jetzt schon mitten in der Planung für 2021. Rechtliches/Steuerliches Zeug nervt natürlich am meisten, wem geht’s nicht so? Die größte Schwierigkeit ist aber immer die Fertigstellung der Zeitpläne, also welche Band wann wo spielt. Es gibt jedes Jahr Bands, die dir sagen „Wir wollen unbedingt am Freitag spielen!!!“ Rate mal, wer dann, wenn wir die Zeiten zur Freigabe an die Bands schicken, freitags keine Zeit mehr hat!? Und das heißt dann, dass wir die Zeitplan mehrmals korrigieren müssen, bis dann wirklich alle an dem Tag spielen, an dem sie auch wirklich in der Stadt sind – Total nervig. In der Phase sind wir übrigens gerade, bis Anfang März sind wir hoffentlich damit durch und können die Spielzeiten aller Bands veröffentlichen.

Worauf legt ihr beim Booze Cruise Festival besonders wert, was muss sein und was darf ganz sicher nicht sein?
Es sollte klar sein, dass AfD Wähler, Sexisten, Homophobe und anderes ekelhaftes Gesindel auf Punk-Konzerten nicht willkommen ist. Scheinbar muss man das 2020 aber wieder betonen. Ich versuche, das Line Up so zu buchen, dass da nicht nur weiße CIS-Männer auf der Bühne stehen. Wir achten daher besonders darauf, auch Bands mit Frauen zu supporten. Ich find’s wichtig, Bands einzuladen, die nicht auf jedem Festival des Sommers zu sehen sind. Klar, unsere Headliner sind häufig auf Tour, aber Hot Water Music spielen im kompletten Sommer nur fünf Shows in Europa. Viele andere Bands spielen nur bei uns oder höchstens eine Handvoll Shows drum herum.

Was habt ihr vom 2019er BOOZE CRUISE gelernt und wie soll sich 2020 von den letzten Festivals unterscheiden?
Hm, ich buch ja seit 1999 Konzerte, daher sind die meisten Arbeitsschritte irgendwie verinnerlicht, aber das Festival ist in den letzten Jahren immer gewachsen. 2016 waren’s zwei Bands auf einer Barkasse, dieses Jahr werden’s 65 Bands in 11 Läden und Booten. Bei einem Konzertabend mit 3-4 Bands kannst du auch nochmal spontan was regeln oder umplanen, das geht bei einem mehrtägigen Festival dann einfach nicht mehr. Ich würde sagen, wir bekommen das mittlerweile sehr gut hin, an alle Schritte im Vorfelde zu denken und alle Bands, Clubs, Agenturen und Helfer zu informieren, aber da kann man immer noch was verbessern, so dass es noch stressfreier für alle Beteiligten wird.

Wie erlebt ihr das Festival? Nur im Stress, immer am machen oder könnt ihr auch mal entspannen und genießen?
Ist auf jeden Fall viel Arbeit, viele Telefongespräche und wenig Schlaf, aber wir kommen auch dazu, ein paar Bands zu sehen. Trotz des Festivalnamens ist das Wochenende für uns aber relativ alkoholfrei, haha.

Ob Bootsfahrt, Gig auf der Straße oder Cover-Set – bei euch passiert immer Außergewöhnliches – was plant ihr, was kommt von den Bands selbst und wie viel ist spontan?
Die Bootstouren sind von uns organisiert, genauso die Ananasparty, bei der es Cocktails statt aus Gläsern aus ausgehöhlten Ananas gibt. Wir fragen alle Bands, ob sie Bock hätten, Coversets zu spielen und planen die Sets dann auch immer für die späten Slots am Abend ein – welche Coversets es geben wird, geben wir auch im März bekannt. Ein „Geheimkonzert“ planen wir auch immer ein, da spielt dann eine Band ein Akustikset draußen am Hafen. Wo das Konzert stattfindet und wer spielt, geben wir nachts 1-2 Stunden vor dem Auftritt bekannt. Lohnt sich also, abends nochmal auf sein Handy zu gucken. Dann gibt’s aber auch viele „Side-Events“, die spontan entstehen. Ich hab von anderen Akustik-Open Air Konzerten gehört oder einem spontanen Katerfrühstück, bei dem Primetime Failure im Badezimmer aufgetreten sind.

Interview: Mathias Frank

 

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