Refused (5. Juli | Auswärtsspiel | Roskilde), das ist im Common Sense des popmusikalischen Gedächtnisses zunächst einmal “New Noise”, dicht gefolgt von und fest verwoben mit ihrem Langspiel-Vermächtnis “The Shape of Punk to Come”. Wenn man das Musikvideo zu Ersterem nach fast 15 Jahren wiedersieht, begreift man vielleicht endlich, woran diese Überband des Postcore zerbrochen sein mag, damals: “Alter, wie jung die da waren!”, schießt es einem unweigerlich durch den Kopf, wenn im Intro die Zombiemasken von den Gesichtern der Musiker fallen und sie von der Schaltzentrale des “New Noise” in den Proberaum wechseln, um dort ihres Amtes zu walten. Und neben dieser Erkenntnis kommt leichte Wehmut auf, dass die eigene Jugend zwar ebenfalls schon lange vorbei ist, aber auf der eigenen Habenseite des Lebens immer noch kein Meilenstein der Musikgeschichte steht.
Ebenso gemischt mögen die Gefühle im Angesicht der nun doch stattfindenden Refused-Reunion sein. “Endlich!”, schreien die einen. “Oh oh”, mahnen die anderen. Wer genau hinschaut und liest, was vor sich geht, wird sein finales Urteil wohl noch ein bisschen hinauszögern. Und insgeheim hoffen, dass Refused Zwo-Zwölf auf den Festivalbühnen des Globus – vom amerikanischen Coachella über das Berliner Monster Bash und dänische Roskilde bis hin zum Fuji Rock in Japan – genauso abliefern wie unlängst bei zwei Secret Gigs in ihrer schwedischen Heimat. In der Geburts- und Gründungsstadt Umeí¥ zerlegte das Quintett den örtlichen Punkrockschuppen – abgefeiert von ungläubigen Begeisterten, die meisten davon Wegbegleiter seit Refuseds First Time ‘Round, die sich in einem Backflash ihrer eigenen Hardcorejugend wähnten.
“New Noise” jedenfalls hat in den eineinhalb Dekaden seit seiner Geburt eine eigene Geschichte gelebt, während die geistigen Väter der Hardcorehymne die Wiedervereinigungs-Verweigerung übten. Eine Historie, in der das dazugehörige Musikvideo mit dem Verschwinden seines Mediums Musikfernsehen in Vergessenheit geriet (Musikvideos: diese wundersamen Kurzfilme, die damals, in den 90ern, noch zur Legendenbildung einer jeden Band, eines jeden Künstlers beitrugen). Im vergleichsweise unsexy Youtube-Replay kommen auch die Bilder zurück, die eigene Erinnerung, überlagert von Sequenzen mit schwitzigen, schreienden, unter dem Schmerz der stillstehenden Welt zu “New Noise” zuckenden Körpern in Alternative-Clubs, deren Wände dringend schwarzgemalt sein mussten.
Dennis Lyxzén, mit dunklem Pagenkopf und passgenau bemalten, tiefschwarzen Fingernägeln, von denen der fanatische Rock’n’Roll-Beobachter und Visions-Autor Jan Schwarzkamp unlängst im Angesicht der Reunion gestand, in seiner frühen Punkrockexistenz nachhaltig geprägt worden zu sein. Lyxzén, der abwechselnd von der Decke baumelt, tanzt und dem Betrachter fast durch die Kameralinse ins Gesicht springt, während seine Bandkollegen ihre Instrumente bearbeiten, als würden sie dadurch die beengenden Wände, die sie umgeben, einreißen können. Dazwischen gesichtslose Maskenwesen in Asbestanzügen, die durch ein raumschiffähnliches Gebilde mäandern.
Unruhige Kamerafahrten, abrupt in Slowmotion wechselnd. Gleißendhelle Lichtstrahler, die von der unmenschlichen Energie dieser Band betrieben zu werden scheinen, die jetzt wieder als Zombies ihren Song zu Ende zelebrieren. “The New Beat”, repetiert Lyxzén, immer wieder, immer wieder. Bis die Welt es begriffen hat und die mitgröhlenden Jugendlichen im Club auch, bis die Fünf aus dem vergessenen schwedischen Nordosten schon wieder zweifeln und alles in Trümmern liegt. Noch immer hinterlässt der letzte Akkord, Dennis’ abschließendes “Thank You” ein Vakuum im Pop-Universum. (mmk)
So wie “New Noise” die Vita und das Zerbrechen von Refused auf den Punkt bringt, so manifestiert das Musikvideo zum Song das Bild jener Band, die den Posthardcore auf unfreiwillige Art und Weise mit dem Pop verschmolzen hat und sich damit in ihre ganz eigene Liga katapultierte (nicht von ungefähr kommen die bildästhetischen Ähnlichkeiten zu Nirvanas “Smells Like Teen Spirit”, das aus unzähligen Gründen in die Annalen des Pop eingegangen ist).
Wenn die Kamera schließlich von seinem Gesicht wegblendet, glaubt man Dennis Lyxzén lachen zu hören.