Über den RSD hatten wir vor einigen Tagen schon einmal berichtet, beziehungsweise ihn angekündigt. Es ist der Tag an dem einmal im Jahr der Plattenladen als Ort nicht nur des Musikkaufens, sondern auch des Musikentdeckens und -diskutierens gefeiert wird. Natürlich mit massenweise Special-Editions, die von den Labels anlässlich des Tages auf den Markt gebracht werden.
Euer Lieblings-Musikblog hat sich in einer Handvoll der teilnehmenden Hamburger Läden herumgetrieben und mit Ladenbesitzern und Musikfans geschnackt. Das war sehr interessant und gab so viel her, dass wir den Review dieses Tages auf zwei Artikel verteilen. Der RSD wurde unterschiedlich wahrgenommen und die von-Gesicht-zu-Gesicht geführten Interviews belegen auch gleich, was der Vorteil eines Plattenladenbesuchs ist – im Gegensatz zum Kauf bei iTunes oder Amazon. Im Laden nämlich kann man mit den Leuten reden. Und das ist definitiv ein anderer Zugang zur Musik als der iTunes Store oder Wikitexte über Künstler.
Die Store-Tour, beginnt im Zardoz im Schulterblatt. Es ist kurz nach fünf als ich den Laden betrete. In einer knappen Stunde wird hier Thees Uhlmann, der Botschafter des RSD 2012 in Deutschland, einen In-Store-Gig spielen. Momentan kommt die Musik noch aus der Konserve und eine ganze Menge Leute stöbern durch die Musikplantage aus aufgereihten Vinylscheiben. Die beiden Plattenspieler zum Probehören sind auch belegt und es ist nicht einfach, André, den Inhaber, für ein paar Worte unter vier Ohren zu fassen zu bekommen. Der ist mit Gig-Vorbereitungen beschäftigt. Also belästige ich erstmal ein paar Kunden.
Was treibt zum Beispiel Jan und Inga heute hierher – der besondere Anlass RSD 2012 oder die Gewohnheit? “Wir sind schon regelmäßig in Plattenläden unterwegs.” sagt Jan. “Wir stöbern auch heute hauptsächlich, aber ich bin speziell hinter der “London Calling 2012” von “The Clash” her.” fügt er hinzu. Francesco aus Italien, der an der Hamburger Uni seine Diplomarbeit schreibt, sucht nach mehreren RSD-Special-Releases aus dem Rock-Bereich. “Ich habe schon ein paar Läden durch, sie aber noch nicht gefunden.” erklärt er. In seiner Plastiktüte trägt er trotzdem schon ein paar neue Errungenschaften mit sich herum.
Dann hat Zardoz-Inhaber André Zeit für mich.
CN: ”Als erstes interessiert mich natürlich: was brachte Dir der RSD heute in Sachen Kundschaft und Umsatz im Gegensatz zu anderen Samstagen?”
André: “Wir haben ja schon an früheren Record Store Days teilgenommen, aber dieses Jahr war zum ersten Mal die Ankündigung in den Medien so groß, dass der Laden den ganzen Tag außergewöhnlich gebrummt hat. Viele Leute kommen gezielt, weil Sie die speziellen RSD-Releases haben wollen. Und jede Menge Vorbestellungen gab es auch, so dass wir die große Nachfrage kaum befriedigen können.”
CN: “Also ist der RSD nicht nur eine nostalgische Angelegenheit, sondern auch geschäftlich für die Stores (und natürlich die Labels) eine tolle Sache?”
André: “Heute zwar schon, aber es geht ja uns Ladenbesitzern gar nicht darum, an einem einzigen Tag plötzlich mehr Umsatz zu machen, sondern mehr darum, die Plattenläden als Ort zum Musikkaufen wieder ins Bewusstsein der Leute zu rücken.”
CN: “Ihr habt ja sowieso eine feste Stammkundschaft derer, die ohnehin in Plattenläden gehen. War denn auch viel neues Publikum da?”
André: “Ja, spannend fanden wir echt, dass unter den vielen Leuten heute ganz viele Gesichter waren, die ich noch nie gesehen habe.”
Es wird immer voller im Zardoz und mittlerweile sind es nicht mehr nur Stöberer, sondern auch einige die einfach Herumstehen und ganz offensichtlich auf etwas warten. Thees. Ich schaue als nächstes im Burnout Records (Neuer Pferdemarkt/Beim Grünen Jäger) vorbei. Hier ist auch Chef Schorsch äußerst zufrieden mit der Resonanz auf diesen Tag – obwohl er seine Lieferung an RSD Special-Releases nicht bekommen hat. “Wir kriegen wegen unserer speziellen Lage zwischen vier DHL Lieferzonen alle Releases, die eigentlich heute hier sein sollten erst am Montag. Also ist bei uns am Montag Record Store Day.” lacht er und fügt hinzu: “Das hat aber auch einen Vorteil: Am Montag werden bei uns noch viele von den raren Stücken zu kriegen sein, die in den anderen Läden am Samstag schon ausverkauft waren.” Und Atlas Losing Grip spielen im Burnout Montag Abend auch gleich noch auf.
Im Groove City in der Marktstraße im Karoviertel bin ich zu spät dran. Eine Viertel Stunde nach Ladenschluss geht gerade die Tür hinter dem letzten Kunden zu. Aber die Entschuldigung “Sorry, wir sind echt fertig. Feierabend.” weckt mein vollstes Verständnis und legt nahe, dass auch hier nicht gerade Gruftstimmung herrschte den Tag über.
Und weil ein Blog-Artikel kein E-Book ist, folgt Teil II der RSD 2012 Reportage dann in wenigen Tagen hier. Dann wird’s nochmal richtig interessant, denn im “Rekord” im Schulterblatt stieß ich auf eine besonders individuelle Interpretation des RSD. Im Oteko, dem Electronica-Spezialist in der Feldstraße, hat Inhaber Hardy einen besonderen Wunsch an die Labels und schließlich bringt mich ein Satz von Fiona von der Hanseplatte dann auf eine gute Idee.
Aber jetzt erst mal Nadel auf Schwarz und entspannen. (ds)
