Es ist sehr leicht, die Musik auf Apparats Krieg und Frieden als Kopfkino bzw. dem Soundtrack dazu abzutun. Dieses Attribut wird ja neuerdings allem gegeben, was sich nicht an Songstrukturen im weitesten Sinne hält und schwer erfassbar erscheint. Gleichzeitig streben wir doch alle irgendwie nach Visuellem. Ob wir die Künstler auf der Bühne sehen oder uns deren Videos auf youtube, vimeo etc. anschauen. Man ist ja fast schon enttäuscht, wenn man nur stümperhafte Wackelvideos zu seinem neuen Lieblingslied findet. Was hat das jetzt mit Apparat und Krieg & Frieden zu tun? Alles und nichts.
Sascha Ring produziert elektronische Musik und sieht sich darin eher als Klangforscher. Ein paar tolle Alben und Kollaborationen (mit Ellen Alien oder Modeselektor) hat dies hervorgebracht. Als er dann gefragt wurde, für eine Inszenierung von “Krieg und Frieden” Musik zu komponieren gefiel ihm und seinen zwei Mitmusikern das Ergebnis so gut, dass sie es aufnahmen und als Album veröffentlichten. Ähnlich haben es ja auch schon Slut mit Kurt Weills “Dreigroschen”-Oper gemacht. Entscheidender Unterschied, hier es gab weder Originalmusik noch ein konkretes Skript für das Stück.
Video: “Krieg und Frieden (Music For Theatre) – A Conversation with Apparat”
Tolstoi habe ich nie gelesen und besagtes Stück nicht gesehen. Daher stellt sich mir die Frage, was passiert wenn man sich das Album mal intensiv anhört. Was darf man sich unter Apparats “Krieg und Frieden” im wahrsten Sinne der Wortes vorstellen. Und was kann man von einem Liveauftritt erwarten. Schließlich kommt er bald nach Hamburg. Eines vorab. Ein echter Krieg bricht nicht aus, weder auf dem Tanzflur noch im Moshpit. Vielmehr lauscht man Klassische Komposition wie sie sich mit Elektronischer Produktion vermischt, ähnlich wie bei z.B. Brandt Brauer Frick oder í“lafur Arnalds. Wer neulich bei seinem fabelhaften Konzert war, weiß wovon ich schreibe.
Zehn Stücke, feinstes Kopfkino. Man stelle sich vor in einem dunklen Theater zu sitzen und vor seinen Augen nehmen die Stücke Gestalt an.
44 ist ein sanfter Einstand. Wie im Filmvorspann laufen ein paar Namen durchs geistige Bild. Sigur Rós und Herr Arnalds haben solche Streicher auch schon eingesetzt.
44 Noise Version zieht einen dann in einen Abgrund. Wahlweise sieht man auch langsam etwas aus Untiefen emporsteigen. Aber das passiert alles langsam. Schicht für Schicht gewinnt das Stück an Ambientflächen und ebbt wieder zurück. So kommen die meisten Stücke und gehen wieder. Wie ein Vorhang der kurz für den Umbau auf der Bühne zugezogen wird.
Video: Apparat plays Krieg&Frieden-Teaser
In Light On knistern zunächst leise der Plattenspieler währen eine Orgel schon mal die erste Fläche ausbreitet. Es rumpelt vorsichtig und Sascha singt von Verlassenem. Der Beat ist schön schleppend, als würde sich jemand nur ganz langsam auf Holzdielen bewegen. Das Rumpeln wird schneller, eine Kutsche nimmt Fahrt auf und stellenweise erinnert es an das Knallen eines Feuerwerks. Kaum ist das Stück im Vogelgezwitscher verhallt, tritt der Tod im Soundgewand einer Eishöhle oder eines Gletschergipfels auf.
Blank Page erinnert daraufhin ein wenig an Eluvium zu seinen besten Ambient Zeiten. Es ist der einzige Moment an dem man Gefahr läuft abzudriften. Fast denkt man an Schlaf oder die aktuelle Nebenostenabrechnung.
PV hingegen hat von Anfang an diesen blinkenden Sound im Hintergrund. Zunächst fast nicht wahrnehmbar schwillt er stetig an und baut Spannung auf. Der make-or-break Moment des Albums. Eine verhallte Trompete kündigt die große Erlösung an und wer nach knapp vier Minuten nicht kopfnickend lächelt, den packt die Musik auch nicht mehr. Derweil setzen sich die Truppen im geistigen Kino in Bewegung und marschieren von Dannen.
Zurück bleibt man mit K&F Thema – Pizzicato. Nach den Klangteppichen und dem Opulenzausbruch passt dieses akustische Stück hervorragend. Erst wird gezupft und später gibt es einen schönen Klaviereinsatz. Bei den Stücktiteln hätte Herr Ring durchaus spritziger sein können, denn es folgt das K&F Thema mit Glockenspiel und einem sanften Walzerbeat. Irgendwie ruht dieses Stück majestätisch zwischen den anderen.
Austerlitz ist schließlich das wohl spannendste Stück auf dem Album. Bedrohlich röhrt es los und fährt dann nahezu alles auf was bisher war. Weite Klangflächen, eine markantes Klavier, die schwelgenden Streicher und schließlich die epischen Trommeln. Live ist dieses Stück sicher der Wahnsinn!
A Violent Sky zum Schluss ist so etwas wie die poppige Single zum Film. Die Credits laufend flackernd über den Bildschirm während die Kamera noch die letzten Panoramabilder einfängt. Für dieses Lied würde so manche Indie-Band alles geben. Es ist der Soundtrack für diejenigen, die noch eine Weile sitzen bleiben und das Nachglühen eines tollen Films genießen. Natürlich ist meine Wahrnehmung eine sehr subjektive, aber jetzt mal ohne Scheiss: Live sollte diese Musik noch zehnmal spannender rüberkommen als hier vorm Rechner mit ein paar Kopfhörern im Ohr. Ob es dabei um Krieg oder Frieden geht, ist dabei völlig egal.
Wir verlosen 2×2 Karten für Apparat plays Krieg & Frieden auf Kampnagel am 18. Juni. Schickt eine E-Mail mit dem Betreff “APPARAT” und eurem ganzen Namen an verlosung@concert-news.de. (Guido Sondern)
