Falls dieses Land jemals eine neue Nationalhymne benötigen sollte: Wir hätten da jemanden für den Job. Joachim Witt, Ur-Hamburger, “Reitlehrer” a. D. und ausgewiesener Deichexperte (“Die Flut”). Wie weit die bedeutungsschwangere Breite auf “Dom” heute nach beiden Seiten ausschlägt, wird gleich im Auftakt “Gloria” gewahr. Der fortlaufend heisere Herr Witt zwischen den Welten einer zarten Enya, Andrea Berg-Gedächtniszeilen (“Der Himmel war zum Greifen nah”) und dem zeitgenössisch unheiligen Grafen-Sprech. Puh.
Doch nicht, dass wir uns falsch verstehen. Als ewiger Kämpfer gegen die manchmal übertrieben dogmatische Teilzeit-Oberlehrerschwemme grätscht der Querdenker Joachim Witt nur zu gerne mit reichlich Bombast zwischen die Linien derer, die hinter wirklich jedem (und auch dem nachgewiesen harmlosesten) Busch eine weitere von immer noch viel zu vielen ungestopften Nazi-Rosetten vermuten. So wird hier ein “Dom”-Bau betrieben, der mit Ewigkeiten und Propheten auf den Plan tritt. Einer, der tränenreich über das kalte Pflaster schreitet, Trost und Vergebung sucht und ganz schön dicke Farben auf die Leinwand malt.
Dass Joachim Witt nach dem frühen Goldanstrich und den grauen Wellen jetzt irgendwie in gefährlich tiefschwarzroten Klangfarben daherkommt, schließt am Ende des Tages bei sehr genauem Hinsehen eine Art Trilogie des Künstlers. Auch wenn die finale Zuspitzung nach zehn Stücken schon reichlich an das Geduldpotenzial geht, holen wir am Ende alleine für “Königreich” noch mal die Paradise Lost aus ihrer Elektro-Ära aus dem Regal. Und für die Nationalhymne werfen wir mal die Hey Jude-Antipode “Leichtsinn” ins Rennen. (kel)