Es war irgendwann Ende der 1990er Jahre. Ich, Schüler, sonst auf Punk- und Metal-Konzerten unterwegs. Und plötzlich in einer anderen Welt. “Komm mal mit zu Motorpsycho“, sagt ein Kumpel. Und ich komme mit. In die Markthalle. Es ist voll, es ist eng und heiß. Und dann legen die Norweger los. Schon geil. Ich sage was zu meinem Kumpel. Er zu mir. Wir reden. Und dann von hinten: “Psssst, ich will zuhören!” Bäm. Hatte ich auch noch nie erlebt. Und – bis auf eine Ausnahme, Thees Uhlmann … – auch nie wieder erlebt. Pssst auf einem Konzert.
2016. Motorpsycho veröffentlichen “Here Be Monsters”. Heute. Meisterwerk. Es läuft und läuft und ich so zu jedem, der spricht: “Psssst, ich will zuhören!” Weil es anders nicht geht, weil das Ding nebenbei nicht funktioniert und weil man nebenbei auch nicht möchte. Und nicht kann. Verdammt, was fesselt “Here Be Monsters”, was ist “Here Be Monsters” groß. Riesig. Fünf Songs sind nur drauf, plus ein Intro und ein kurzes Interlude. Am Ende sind es 46 Minuten.
“Lacuna/Sunrise” kratzt als Opener direkt an der Zehn-Minuten-Marke und nimmt einen direkt mit. In andere Welten, auf eine Reise, ins Herz. Bedächtig grooven sich die Norweger ein, erinnern hier und da an Pink Floyd, im Laufe des Lieders werden die Gitarren bissiger, der Groove nimmt zu, der Kopf nickt ein bisschen doller. Bei “Running With Scissors” kommt die Birne wieder zur Ruhe, Jazz trifft auf Prog, Stimmen gibt es keine. Augen zu, los, pssst!
“I. M. S.” beginnt anschließend ähnlich, wird dann aber laut, böse, Rock N Roll – was haben Motorpsycho mit uns vor? Eine Richtung gibt es nicht, “Here Be Monsters” kann alles und die ganze Welt. Hier ein Bogen, dort ein Wechsel. Und mittendrin die erste Single “Spin, Spin, Spin”, ein Cover, im Original von Soul- und Folk-Sänger und -Gitarrist Terry Callier von 1968 und sicher der einfachste Song des Albums.
Am Ende “Big Black Dog”. 17 Minuten, 43 Sekunden. Und das komplette Programm, laut und leise, wild und glatt, böse, verliebt, verträumt. Andere machen daraus ein Album. Motorpsycho ein Lied. Künstler. Am 21. April spielen sie in Hannover (Faust). Sollte man hingehen. Zuhören. Und nicht reden. (mf)
