Neues Jahr, neue Chancen, große Pläne, kühne Vorsätze. Auch in 2017 berichten wir monatlich davon, was wir in Hamburgs Clubs, Hallen, Freilichtbühnen und Parks musikalisch und künstlerisch erlebt haben. Den Januar bestimmten ein neuer Bau in Kombination mit “Einstürzende Neubauten”. Wir schauten “Unter meinem Bett” und was sonst noch los war:
Unter meinem Bett 2 (8.1., Fabrik) Große Musik für kleine Menschen: Kinderhorden stürmten Sonntag nachmittags die ausverkaufte Fabrik, um sich über zwei Stunden lang überwiegend bestens unterhalten zu lassen. Bernd Begemann und Tochter führten toll durch die Show, bei der jeder Act zwei Songs spielte. Die höchste Eisenbahn oder Deniz vom Herrenmagazin zum Beispiel musizierten fröhlich und fein, Bela B von Die Ärzte gab den bösen Wolf und als ultimatives Highlight sorgte Das Bo für einen riesigen Mob voller Quatschmacher und Schlapplacher. Legendär. Das Gegenteil: Enno Bunger sabbelte komplett unverständlich etwas von der Schönheit der Traurigkeit oder so was. Fehl am Platz, Mann, komplett fürn Arsch. (mf)
***Kevin Devine and the Goddamn Band (17.1., Nochtspeicher) Endlich ist Kevin Devine mal wieder in der Stadt (er hat uns auch vermisst) und hat noch dazu seine Band dabei. Jeder, der also ruhige Singer-Songwriter-Mukke erwartet hat, hat ganz schön aufs Ohr bekommen! Dazwischen aber auch ein paar Solo-Einlägen an der E-Gitarre und der grandiose Abschluss mit “Brother’s Blood”. Hach, Kevin, kommt bald wieder und nimm bloß wieder die Goddamn Band mit! (eh)
*** Schrottgrenze (20.1., Aalhaus) Schrottgrenze sind zurück mit einem neuen Album. Das haben sie selbst nicht mehr für möglich gehalten. Auch wenn sie sich vielleicht optisch verändert haben und nicht mehr in Originalbesetzung spielen, so haben sie nichts an Energie verloren und knüpfen musikalisch an die letzten Alben an. Eine gelungene Release-Show zu einem wirklich fantastischen Album, “Glitzer auf Beton”. Davon kann man sich auch nochmal im Molotow am 10. März überzeugen. (dr)
*** Einstürzende Neubauten (21.1., 17 Uhr, Elbphilharmonie) Die Eine jammerte, das sie nur den Po der Berliner sehen konnte und die Stimme zu leise war, außer beim Kreischen. Der Andere fand den Anzug zu glitzerig-eng und alles zu durchstrukturiert. Der Nächste die Toiletten hässlich und die Neubauten alt. Eine aber, eine saß, wie immer verzückt vom dandy-esken Ensemble, in den vorderen Reihen und erlebte einen 110 Minuten langen flashback. Einen der angenehmen Sorte, ohne Angst und Panik und Zittern als Nachwehen. Sondern lächelnd, in Erinnerungen schwelgend, ein bisschen Lärm vermissend aber sonst happy und im Herzen die 20jährige, die mit N.U. Unruh einen schwarzen Tee trank. Seufz. (tk) *** Einstürzende Neubauten (21.01., Elbphilharmonie) Hamburg hat einen neuen Club, der seine Rolltreppe weltoffen “Tube” und die Terrasse “Plaza” nennt und innen mit einem Charme überzeugen möchte, der an kreative Experimente mit Rigips-Platten und unfertiger Messehallen-Atmosphäre erinnert. Gekrönt mit zu wenigen Garderoben, Toiletten und Tresen, die man noch dazu sehr gut versteckt hat, einer frischen Brise,
selbst bei geschlossenen Plaza-Türen und einer ziemlich schlechten Beschilderung, um seine Plätze zu finden. Dass man den Gästen in der Reihe 1 der einzelnen Blöcke auch noch ein Geländer direkt vor die Nase gesetzt hat, das exakt die Bühne verdeckt und einen in eine dauerhaft vorgebeugte Haltung zwingt, anstatt die eigentlich bequemen Sessel genießen zu können, bleibt leider auch nicht in guter Erinnerung. Ganz anders hingegen die Neubauten selbst: Die überzeugen von Anfang an mit ihrem “Greatest Hits”-Programm und einem erstaunlich unterhaltsamen Blixa Bargeld, der im Verlauf des Abends allerlei Anekdoten zum Besten gibt. Dazu wird auf “historischem Instrumentarium” a la Neubauten geklöppelt, was Bleche, Turbinen und Abflussrohre so hergeben. Ein Wort zum Klang dieses Meistersaals muss am Ende auch noch gesagt werden: Zu Beginn dieser zweiten Show des Tages war der Sound erschreckend schlecht, was sich aber nach ein paar Songs austarierte. Gemacht ist der Saal aber für solche Musik ganz sicher nicht, was man nicht zuletzt an den fast völlig fehlenden Bässen schmerzlich bemerkte. (nsc)
*** Helmet (26.1., Knust) Old School im Doppelpack. Erst zockte sich der Chicago-Zweier Local H 45 Minuten durch seinen Sound zwischen Noise, Nirvana und dem Headliner, holte sich zwischenzeitlich 3/4 von genau dem auf die Bühne (ohne Page Hamilton, aber dann mit zwei Drummern) und machte die ersten 30 Minuten auch sensationell Spaß, ehe sie am Ende zu sehr lärmten, frickelten und einfach übertrieben. Besser machten es Helmet. Lärm mit Stil, Soli auf den Punkt, straighte Spielereien und immer wieder Hits und Monster. Und am Ende die beste Zugabe aller Zeiten: “Wilma’s Rainbow”, “Milquetoast”, “Just Another Victim” und “In The Meantime”. Unfassbar großartig! (mf)
*** Pascow (27.1., Uebel & Gefährlich) Schon Duesenjäger sorgten für ein breites Grinsen, die überragend gute Pascow-Show im ausverkauften Bunker machte den Abend perfekt. Ein Sänger auf der Menge, ein Gitarrist springt vom Geländer, eine Band macht klare Aussagen und zockt Hit auf Hit auf Hit. Von “The Weltordnung Is Fuck” über “Lauf Forrest, Lauf” und “Too Doof To Fuck” bis “Zeit des Erwachens” und “Diene der Party”. No Filler, All Killer. Echt. (mf)
*** ClickClickDecker (27.1., Knust) Kevin Hamann alias ClickClickDecker machte sich in letzter Zeit rar und war selbst überrascht über ein ausverkauftes Knust. Dennoch ging es recht familiär zu. Ein wunderbarer Abend und schön, ClickClickDecker so gut gelaunt und mal wieder in voller Bandbesetzung zu sehen. (dr)
*** Rhonda (30.01., Nochtwache) Doppelter Grund zum feiern: Rhonda haben ihr zweites Album “Wire” released und die Nochtwache, im Keller des Nochtspeichers an der Bernhard-Nocht-Straße, ist ab sofort auch als kleiner Liveclub zu nutzen. Beide zusammen bieten den Gästen einen wunderfeinen Abend, mit neuen Rhonda-Songs, die auch ohne das Filmorchester Babelsberg perfekt funktionieren, und einem Club, der sich mit seiner Gewölbe-Decke schnell zu einer Lieblings-Location mausern könnte. (nsc) *
** Spaceman Spiff (29.1., Gruenspan) Hannes Wittmer aka Spaceman Spiff brachte wie schon auf der letzten Tour Clara mit, eine äußerst sympathische Cellistin. Das passt musikalisch hervorragend und ließ die eigentliche Band gar nicht vermissen. Die hat er für zwei Songs um Musikerkollege Ove ergänzt und Support Marcel Gein durfte am Ende auch nochmal ran. Eigentlich sollte auch wieder Enno Bunger dabei sein, der aber leider kurzfristig wegen Krankheit absagen musste. Doch das tat der guten Stimmung keinen Abbruch, jeder Song wurde frenetisch bejubelt. (dr)
