Mal wieder RBF. Mal wieder Mojo. Der Bums war wie eigentlich während des gesamten Festivals gut gefüllt. Doch nichts war wie immer. Erst recht nicht, als orbit die Bühne betraten. Zu zweit, umgeben von Synthesizern. Sie mit einer spanischen Konzertgitarre, er mit einem dieser Keyboards um den Hals geschwungen, die man eigentlich nur aus farblich schlecht ausgesteuerten Modern-Talking-Videos der 90er-Jahre kennt. Doch musikalisch hatte das eine mit dem anderen rein gar nichts zu tun.
Zart gezupfte Töne aus der Akustikgitarre paarten sich mit elektronisch erzeugten Klangfinessen, die uns aus weit entfernten Galaxien zuzuwinken schienen, und dem sanften, teilweise zart verzerrt vorgetragenen Gesang von Marcel Heym, Produzent und Songwriter von orbit. Eine Stimme aus dem All – wie der Tagebucheintrag eines ISS-Astronauten. So verlockend, so fern, und doch so nah. Plötzlich eine kleine Explosion, die Zündstufe schlägt voll durch und alle werden vom Rückstoß in Grund und Boden gedrückt. orbit drehen den Soundpegel voll auf und der Mojo droht vollends in andere Sphären abzudriften. Dann hebt die Rakete ab. Und wir alle mit.
Diese musikalische Grenzerfahrung gehört zum Programm des Soundkollektivs. Eine einzigartige Mischung aus rauen, von der Natur inspirierten Klängen treffen auf den pulsierenden Klang atmosphärischer Synthesizer-Leads. Dies hängt unmittelbar mit Marcels Lebensweg zusammen: Aufgewachsen zwischen wilden Wäldern, weiten Feldern und einem kleinen Strand am Fluss schreibt und produziert er schon als Jugendlicher erste Songs.
Vor einigen Jahren schießt es ihn dann in die Umlaufbahn der Hauptstadt, er verliert sich kurzzeitig im Großstadtdschungel, bevor er den Schleudersitz auslöst und per Fallschirm zurück in die Heimat schwebt. Mutter Erde hat ihn wieder. Er gründet mit Freundinnen und Freunden ein Kollektiv, das verschiedene Projekte realisiert. orbit ist geboren – ein multidimensionaler Ort für menschliche Kreativität und Gemeinschaft, innerhalb und außerhalb des Internets. Ein Traum wird wahr und zum Ausdruck gebracht. Wie aus einer anderen Welt. Und doch ganz und gar irdisch.
Wenn ihr euch einmal live und in Farbe einen Eindruck von orbit verschaffen wollt, könnt ihr dies am 2. August im Musikpavillon von Planten un Blumen im Rahmen der Open-Air Konzertreihe DRAUSSEN IM GRÜNEN tun.
Text: Daniel Seemann
Foto: Julia Preiss
