Erster Eindruck: Nanu? Sind das dieselben energetischen Wolf Alice, die wir im vergangenen Jahr u.a. auf dem Dockville gesehen haben? Es überrascht, denn das Album “My Love is cool” beginnt ruhig. Sehr ruhig. Bestenfalls poppig. Der Wolf umschleicht uns zunächst ein paar Tracks lang, um unser Hörverhalten zu beobachten und setzt erst im vierten Song, “You’re a germ” zum Sprung an, um anzudeuten, welche Kraft in ihm steckt.
Doch Sängerin Ellie Rowsell bleibt stimmlich dem Albumtitel folgend auch hier noch fast cool und zurückhaltend, während ihre Mitmusiker um sie herum immer mehr Klangteppich auffahren, die Handbremse behutsam lösen und sich in “Lisbon” zum ersten Mal auf diesem Album wirklich bemerkbar machen, im folgenden “Silk” aber gleich wieder vom Gaspedal gehen. Ein interessantes Wechselspiel zeichnet sich ab, welches sehr an die Band Salad aus den 90ern erinnert, die mit der damaligen MTV-Moderatorin Marijne van der Vlugt einen ganz ähnlichen Stil gefahren haben – nur damit nicht halb so erfolgreich waren, wie es Wolf Alice mit all ihren Vorschußlorbeeren werden dürften. Vollkommen zurecht. In “Giant Peach” blitzen die nächsten Referenzen auf: ein bisschen Joy Division hier, ein wenig Blondie da, aber auch die frühen Muse, als sie sich noch nicht an bombastischem Blödsinn orientiert haben. “Swallowtail” gibt vor eine Singer/Songwriter-Akustikballaden-Feuerzeughymne mit Männergesang zu sein, schraubt sich aber langsam hoch, um am Ende in euphorischem Lärmpegel und doppelter Geschwindigkeit zu enden.
Im Sound von Wolf Alice schlummert eine permanente Bedrohung, als könnte man den Hörer jederzeit anspringen und mit seinen Soundeskapaden zu Boden ringen – und das trotz all dem, an allen Ecken aufblitzenden, Pop-Appeal, mit dem die Platte um sich wirft, wie mit Bonbons im Karneval. Das Album erfüllt keine falschen Erwartungen, da es, wie schon die Vorab-EPs, mit den Hörgewohnheiten spielt und eben nicht das Lärmbrett ist, das man nach den Live-Eskapaden dieser Spitzenband vielleicht erwarten wollte. Gut so! Möglicherweise wären sonst einige der besten Songs, die uns in den letzten Jahren aus dem Vereinten Königreich erreicht haben, unter einer Wall of Sound vergraben worden und das wäre ein Jammer gewesen. Davon abgesehen ist es sicher kein falscher Ansatz, wenn für die Liveshows noch ordentlich Luft nach oben am Krachhimmel verbleibt. Der wird im einzigen älteren Track, einer Neuaufnahme des früheren Download-only-Songs “Fluffy” dann irgendwo in der Stratosphäre gefunden, bevor uns “The Wonderwhy” wieder sanft zum Boden sinken lässt.
Wolf Alice – My Love Is Cool erscheint am 19. Juni 2015 als Download, CD & Vinyl. Live spielt die Band am 23. November im Uebel & Gefährlich. (nsc)
