Me & Cassity? “Der Esel nennt sich immer zuerst” und die linke Hand zu geben galt vor nicht so sehr langer Zeit als schlechtes Benehmen. Fragt mal eure Eltern oder Großeltern.
Hier aber haben wir es beim (nicht nur musikalisch) perfekt zweisprachigen Dirk Darmstädter inmitten seiner temporär funktionierenden Bandformation Me & Cassity natürlich mitnichten mit einem unfreundlich-grauen Wesen zu tun. Und was uns auf dem, am 13. Januar erscheinenden, Album “Appearances” entgegen klingt, kann eigentlich hörbar, spürbar, fühlbar nur mit links entstanden sein.
Ein ganzes Jahr Arbeit steckte trotz allem dahinter. Wer sich dazu hochkarätige Gäste einlädt, die Tradition von ganzen Show-Orchester-Dynastien lebt und liebt, wer “nebenher” noch mit Tapete Records ein erfolgreiches Label betreibt und das BootBooHook-Festival veranstaltet, muss aber entweder die beste Assistentin der Welt oder einen ziemlich ausgeglichenen Charakter besitzen. Nach dem Interview-Besuch auf Dirk Darmstädters Sofa glauben wir: Beides ist wahr.
“Als Künstler gesehen befinde ich mich hier bei Tapete Records natürlich in meiner ganz persönlichen Comfort Zone” wischt Darmstädter gleich jeden aufkommenden Anfangsverdacht fort, “Appearances” könne möglicherweise in einem Zustand maximalster Zufriedenheit und Ausgeglichenheit entstanden sein. Eine Menge Songs habe er in den vergangenen Monaten geschrieben. Von denen haben es es die besten jetzt in das künstlerische Eigen-Geflecht aus bürgerlichem Namen, der aktuell gewählten Pop-(Duft-)Marke Me & Cassity und (weder vergessen, noch verleugnet) den ganz frühen Jeremy Days geschafft. Ein “großes, emphatisches Popalbum zu entwerfen, war für mich die Blickrichtung”, schaut Darmstädter zurück in die Zukunft. W
er dort nun erlebt, wie sich Streicher, Vibraphon und Flügelhorn, Martin Wenk, Kristofer Aström und Anne de Wolf einander die Fingerspitzen reichen, der wird vielleicht sogar froh sein, dass die monetäre Grundlage für noch viel voluminösere Ennio Morricone-Arrangements bisher nicht vorhanden war. Am leitenden Künstler selbst sollte das nämlich eigentlich gar nicht liegen.
Trotz aller Ideen über den Punkt des Albums hinaus: “Der Nukleus der Platte ist definitiv vier Leute in einem Raum zu haben” beschränkt Dirk Darmstädter sich selbst auf seine Rolle als antidiktatorischer (aber auch nicht notwendigerweise “basisdemokratischer”) Netzwerker feiner Ideen und Taktgeber an der eigenen Gitarre mit dem typisch präsent geprägten Gesang. Wie gut dieses Band-Konzept bereits in der ersten Single “Fred Astaire” aufgegangen ist, stellt nicht nur das beseelte, in Göteborg gedrehte, Video zwischen 8-10-Tage-Bärten und Morgen-Latte unter Beweis.
“Alles, was ich tue, ist ein langer Weg” lässt Dirk Darmstädter “absoulut positiv egoistisch” seine Erfahrungen von Früher und Heute in Me & Cassity einfließen. Etwa mit Martin Wenk zu arbeiten, der nicht zuletzt auch bereits im Auftrag von The Arcade Fire tätig war, sei eine “Begegnung im selben Kosmos” gewesen. Inkludiert von Ideen, deren gemeinsame Augenhöhen einem “Abenteuerspielplatz für Musiker” glichen und wohlfeil-freudig-luftig “in einen einzigen großen ‘Lass uns mal schauen was passiert’ -Spaß” mündeten.
Was auf “Appearances” bleibt, ist am Ende dieser behagliche Eindruck, der am Interview-Tag mitten im November die Tapete Records-Fenster durchflutet: Sonne und ein paar bewegte Wolken am Horizont. Wasser nur im Glas. Gepaart mit der engagierten Nonchalance ihres überaus lebensfreudigen Anschubgebers könnte man das Erlebte mit dem Begriff “Frühlingsalbum” umschreiben. Aufmerksame Assistentinnen und gesamtsituative Glücksgefühle inmitten einiger bestiegener Berge von Arbeit werden sorgsam ihren Teil dazu getan haben. 24. Februar | Knust | (kel)