Saddle Creek Records ist in künstlerischer Hinsicht auf den Schultern zweier Männer gebaut. Der eine ist unser aller Conor Oberst, der völlig zu Recht Anfang der nuller Jahre sowas von durch die Decke ging. Der andere ist Tim Kasher. Sie beide verbindet weit mehr als eine tiefe Freundschaft. Zum Beispiel leben beide ihr außergewöhnliches Talent auf mindestens drei Kanälen aus. Sie treten als Solokünstler auf, haben eine ruppig-laute Band und eine countryesk-nachdenkliche Band, mit welchen sie den modernen “Omaha-Sound” prägten. Bei Conor sind das natürlich Bright Eyes und die endlich wiederbelebten Desaparecidos. (Bitte bald nach Deutschland kommen!).

Tim Kasher hat The Good Life für die melodisch-melancholischen Lieder und Cursive, in deren ungestüme Stücken er gerne Dissonanzen und Wut verarbeitet. Allein mit diesen beiden kommt der schon auf zehn reguläre Alben, nebst dem üblichen Sonderkram an EPs, Compilations und so. Mit “Adult Film” veröffentlicht er nun sein zweites Soloalbum nach “The Game of Monogamy” von 2010. Natürlich auf Saddle Creek.

Das Blöde an Soloalben ist, dass auf Ihnen meist der schnöde, bürgerliche Name eines Künstlers steht. Das ist insofern langweilig, weil man keine Vermutungen anstellen kann, warum die Band genau diesen Namen ausgesucht hat und womöglich beinhaltet dieser noch eine gewisse Botschaft. The Good Life klingt zumindest spannender als Tim Kasher. Aber kein anderer Name würde auf diesem Album Sinn ergeben, denn “Adult Film” wird fortan als DAS Referenzwerk für Tim Kashers Gesamtwerk angeführt werden. Ausserdem schafft der Titel “Adult Film” ja auch einiges an Interpretationsspielraum.

Kashers ewiges Grundthema, welches sich durch sein gesamtes Schaffen zieht, ist die Trennung bzw. das Unvermögen zweier Liebenden längerfristig miteinander auszukommen. Mit Mitte zwanzig durchlebte er eine bittere Scheidung, die ihn nachhaltig geprägt hat. Darum tragen seine Texte zwar nicht so staatstragend auf die wie von Kollege Oberst, aber sprechen viele harte Wahrheiten aus. Das tun sie aber nicht im Heulsusenstil, sondern mit einer Mischung aus Zynismus, Humor und eben Bitterkeit. Im furiosen Opener “American Lit” singt er “I’ve got a story to tell, though not sure what it is, I’m sure it is funny as hell and tragic and dramatic and personal and universal.” So wie heutige Lebensgeschichten halt sein sollen, allesamt ganz große Stücke der Weltliteratur. Über das Album hinweg thematisiert er viele Aspekte des modernen Erwachsenenleben, dessen Probleme meist sehr ernst und handfest sind. Herzschmerz bedeutet hier Scheidungskrieg. Eine Regenwolke ist halt nur eine Regenwolke und kein Zeichen für irgendwas. Am Ende das Albums fasst er zusammen: “The world is a perfect place, when you don’t know what’s swept under the rug. […] In innocence we are all saints.” Nur um sich danach sich zu fragen ob er die Differenzen mit seinem Vater irgendwann mit ihm besprechen wird oder ob sie unausgesprochen bleiben bis der Krebs einen von beiden töten wird. So wie es schon zwischen seinem Vater und Großvater war.

Musikalisch kombiniert er auf Adult Film die Kernelemente seines bisherigen Schaffens. Spröde Momente finden sich in “A Looping Distress Signal” oder in “Life And Limbo”, welches an Cursives Meisterstück “The Ugly Organ” erinnert. Andere Stücke wie “The Willing Cuckold” oder “You Scare Me To Death” würden zu den besten Momenten auf jedem Good Life Album zählen.

Richtig spannend sind jene Stücke, welche sich nicht direkt auf eine dieser beiden musikalischen Verkörperungen münzen lassen. Allen voran die Vorab-Single “Truly Freaking Out”. Da kommen ungewohnte Synthies zum Einsatz und es atmet (wenn auch nur vom Ansatz her) das Orchestrale seines letzten Soloalbums. Da ergibt es nur Sinn, dass er vom Ende der Welt singt. “Where’s Your Heart Lie” ist dann die Ballade für den Gänsehautmoment und glänzt mit tollem zweistimmigen Gesang im Refrain.

Beiden Saddle Creek Urgesteinen kann man auch einen Faible für Intros und Outros auf ihren Alben attestieren. Bei “Adult Film” bildet ein rhythmisches Stöhnen den Rahmen dieses grandiosen Albums bildet. Sex? Frust? Erleichterung? Last? Ist Pornos gucken eklig oder geil? Armselig oder aufregend? Wahrscheinlich all das, so ambivalent wie das Leben.

Sagen wir es mit Conors Obersts Worten: “Yeah Tim, I’ve heard your album and it’s better than good!” (gs)

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