Eine kniffelige Frage, die Tom Krell alias How To Dress Well mit dem Titel seines neuen Albums stellt – und wie schon auf dem Vorgängeralbum “Total Loss” werden wir auf dem neuen Werk des ehemaligen Philosophie-Studenten Zeugen einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit den eher großen als kleinen Problemen der menschlichen Existenz. Abschreckend? Ganz und gar nicht!
Schon auf “Total Loss” (deren Antrieb Krells’ Beschäftigung mit der Trauer um seinen besten Freund war) mündet diese Grübelei in großartige Musik. Nun treibt er das Hinabsteigen in die tiefen, komplexen Gefilde seiner (und unserer?) Welt auf “What Is This heart?” weiter. Und wieder gelingt ihm ein organisches Werk, das in Texten und Tönen Widersprüche aufmacht und dann zeigt, dass das eigentlich gar keine sind. Unbestritten eine Platte, die Zeit, Muße braucht und fordert, sich irgendwie nur entfaltet, wenn man sich ein wenig einlässt auf das Sinnieren – aber dann!
Eine der beiden vorab veröffentlichten Singles – “Words I Don‘t Remember” – kommt dem Gesamt-Phänomen da schon ziemlich nah, steht exemplarisch für die sich kontemplativ entfaltenden und steigernden Stücke des Albums: Sphärische Sounds, die manchmal Gedanken an Dubstep í la Burial auf den Plan rufen, und Krells Stimme, die selbst Prince wie einen Wolf ohne Kreide klingen lässt.
Einen sofort in den Beinen wirksamen und zu einer Menge Remixe animierenden Song wie “& It Was U” von “Total Loss” ist hier nicht zu finden. Sowieso führt die manchmal zu lesende Einordnung von How to Dress Well als Contemporary R’n‘B ein wenig in die Irre, auch wenn genau diese Musik vielleicht zeitgenössischer Blues sein könnte. Ein Blues jedenfalls, der immer wieder durchsetzt ist von erlösenden, positiven Momenten. Diese Spannbreite findet man auch innerhalb eines einzigen Songs, zum Beispiel beim letzten Stück “House inside”: Da ist die Situation zunächst ausweglos “… Future is older than the past, every day carries the weight of the last”, um dann fast euphorisch in “This world is such a pretty thing” zu enden. Sehr kraftvoll und selbstbewusst startet “A power” und steht damit in einem Widerspruch zum fast Mantra-artig wiederholten Refrain “I don‘t have the power”. Um es mal theatralisch auszudrücken: Hier wird das Leben in allen Tiefen und Höhen, in aller großartigen Widersprüchlichkeit zelebriert.
Sicher ist: Wer spätestens seit “Total Loss” von den musikalischen und philosophischen Ausflügen angetan war, wird an dem neuen, am 20. Juni erscheinenden Album viel Freude haben. Bleibt zu hoffen, dass sich Tom Krell nach ausgewählten Gigs in Europa und einer Tour in den USA in diesem Jahr auch nochmal – wie 2012 – in Hamburg sehen lässt. Am 29. Juni gibt es auf jeden Fall einen Auftritt bei den Berliner Festspielen. (jb)
