Fans der Reitermania mussten sich ziemlich lange gedulden. Seit “Moral & Wahnsinn” (VÖ 2011) herrschte Funkstille im Recording-Studio. Wer Die Apokalyptischen Reiter hören wollte, der musste die Konserve anzapfen oder auf Festivals gehen. Doch jetzt reiten sie wieder! Sie haben drei Jahre gewurschtelt und dabei etwas Großes und ebenso Gewöhnungsbedürftiges erschaffen.
“Tief. Tiefer.” heißt es, das Doppelalbum (VÖ 6. Mai 2014), dessen zwei Longplayer ihr auch einzeln kaufen könnt. Groß ist es schonmal wegem dem physischen Umfang, aber auch weil es mutig ist: Disc 2 “Tiefer.” ist nämlich ein Akustikalbum. Auf diesem finden sich bekannte Songs von früheren Alben, nur neu arrangiert, für mit ohne Stromkabel. Damit wären wir auch beim Gewöhnungsbedürftigen Teil. Die Reiter akustisch? Diese Typen, die auf den Metalfestivals die Moshermania auslösen und die uns seit bald 20 Jahren mit großkalibrigen Death-/Thrash-Hymnen wie “Metal will never die” oder “Friede sei mit dir” die Trommelfelle massieren? Ja, die haben das fertig gebracht, und es ist richtig gelungen. Es wird zwar keinen missionieren, der mit Unplugged-Musik nichts anfangen kann, aber alle anderen dürften begeistert sein, wie gekonnt die Reiter hier die Wucht aus ihren alten Metal-Songs nehmen und ihnen eine neue Seele verleihen. Besonders gelungen ist “Friede sei mit dir”. Wer nach der neuen Album-Version eine noch reduziertere verträgt, der muss sich mal die spontane Campingplatz-Live-Version vom diesjährigen Rock Hard Festival angucken.
Damit ist das Thema “gewöhnungsbedürftig” aber noch nicht beendet. Dieses Attribut trifft nämlich auch auf Disc 1 “Tief.” zu. Leider nicht im ganz so positiven Sinn. Hier hätte ich mir das krasse Gegenteil zur Akustik-Scheibe gewünscht. Ein apokalyptisches Donnerwetter wie früher, mit Blast-Beats und Gebrüll. Leider klingen große Teile wie normaler Folk- oder Mittelalter-Rock í la Letzte Instanz oder Saltatio Mortis. Die früher schon vorhandenen gemäßigten Momente der Reiter bilden hier den Nährboden für zwei Drittel der neuen Songs. Lediglich bei den ersten beiden Tracks glaubt man noch, die alten Reiter vor sich zu haben, aber dann kommt einem auf einmal der 2008er Song “Es wird schlimmer” in den Sinn und man findet an der Aussage etwas Prophetisches. Aber das ist Geschmackssache.
Fazit: Für Akustimaniacs ist “Tiefer.” die definitive Kaufempfehlung. Für Romantiacs ist auch “Tief.” keine schlechte Wahl. Für kompromisslose Lack-und-Leder-Reitermaniacs bleibt nur der Konzertbesuch. Zum Beispiel am 19. Oktober in der Markthalle, präsentiert von concert-news. Tickets könnt ihr dort kaufen. (ds)
