U3: Landungsbrücken, St. Pauli, Feldstraße, raus. Denn Kettcar veröffentlichen eine neue EP (“Der süße Duft der Widersprüchlichkeit” erschien vergangenen Freitag) und vorher lädt Wiebusch zum Gespräch ein. Marcus Wiebusch. Der Pate wurde er laut den Tour-Tagebüchern von Tomte auf St. Pauli gerufen. Darüber musste ich immer lachen. Nun geht es so mit dem Lachen. Respekt schleicht sich ein und ich bin nervös wie lange nicht mehr. Kettcar, ui ui ui! Schon habe ich die Klingel gedrückt, der Öffner summt, ich trete ein. Mir wird Kaffee angeboten und der Pate beteuert, ich müsse nicht nervös sein. Meine Tasche fällt dennoch aufgeregt zu Boden, ich zücke meinen Notizblock, die Anspannung fällt nun endlich ab und wir beginnen mit dem Interview.

(1) Lange war es still um euch. Im Oktober 2017 hattet ihr nach der sehr langen Pause dann einfach “Ich vs. Wir” von der Leine gelassen. Und nun, keine zwei Jahre später gibt es diese neue EP. Seid ihr auf einen Topf Kreativität gestoßen?
Wiebusch: Mhm, joah. Irgendwie schon. Tatsächlich ist es so, dass wir mit dem vierten Album, “Zwischen den Runden”, auch schon so was wie eine Delle hatten. Dann habe ich mein Soloalbum gemacht, es war unsicher, ob die Band noch weitermacht. Dann hat die Band weitergemacht und tatsächlich ein Album aufgenommen, mit dem wir alle auch sehr, sehr zufrieden waren. Ganz egal, wie die Reaktionen auf die Platte waren. Aber siehe da, das ganze Album fühlt sich natürlich auch wie ein Comeback an, wir sind populärer denn je. Wir waren schon 2005 sehr populär, aber jetzt haben wir mehr Fans als je zuvor. Und das ist sicherlich auch solchen Songs wie “Sommer ’89”, “Ankunftshalle”, “Benzin und Kartoffelchips”, “Den Revolver entsichern” geschuldet, weil wir da offensichtlich einen Nerv getroffen haben. Das fühlte sich gut und richtig an. Dann hatten wir sehr viel zu tun, weil wir die Popularität, die wir hatten, dann natürlich auch ausgenutzt hatten, um viel live zu spielen. Weil es sich auch richtig und gut angefühlt hat. Aber nichtsdestoweniger hatten Reimer und ich und auch Erik, die Hauptsongwriter der Band, auch noch Ideen für Songs, die sich angefühlt haben wie der dunkle, böse Bruder von “Ich vs. Wir”. Die eine etwas andere Ebene haben, die auch politisch sind, aber auch hart deprimierend wie “Weit draußen”. Sehr politisch, wie “Scheine in den Graben”, oder eben auch “Palo Alto”. Dann haben wir uns halt gedacht, komm, schnappen wir uns nochmal den Mischer von “Ich vs. Wir”, namens Philipp Schweer, der wurde dann Produzent der EP. Und dann machen wir nochmal fünf Songs, die sich dahingehend auch am politischen Zeitgeist abarbeiten. Also deine Annahme, dass wir gerade eine gute, kreative Phase haben, ist durchaus gerechtfertigt.

(2) Wieso nur eine EP?
Wiebusch: Wir wollten raus. Wir sahen die Notwendigkeit. Das ging mir bei “Sommer ’89” auch extrem so. Der Song war fertig und ich dachte, jetzt muss der raus. Und dann hat das noch ein Jahr gedauert, bis der rauskam. Für diese EP hatten wir auch noch mehr Ideen, aber wir wollten nicht noch warten. Denn wir hatten das Gefühl, dass “Palo Alto” jetzt raus muss. Und “Scheine in den Graben” muss auch jetzt raus. Und deswegen die EP.

(3) Sei mir bitte nicht böse. “Ich vs. Wir”, “Der süße Duft der Widersprüchlichkeit”: Wie konntet ihr diese schreckliche Covergestaltung abnicken?
Wiebusch: Ich sage es mal ganz offen. “Ich vs. Wir” ist der beste Albumtitel, den wir je hatten. Es ist der Knaller vorm Herrn! Es geht eigentlich nicht besser. Und da brauchst du halt nichts anderes als diese Worte. Dann ist es gut. Uns war klar, wenn man schon mal so einen Knaller hat wie “Ich vs. Wir”, wo wir auch ziemlich viel Lob für bekommen haben, dann muss das all over the place sein. Dann ist da kein Platz mehr für Grafik.

Hier sind wir.
Wiebusch: Hier sind wir und unser Album heißt “Ich vs. Wir”. Und das ist halt richtig dick und groß. Dass da hinter irgendwas durchschimmert, ist dann auch egal.

Interview: René Biernath
Das komplette Interview gibt es bei gaesteliste.de

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