Wer wissen möchte, ob Covid-19 denn nun wirklich so schlimm ist, sollte mal bei Marianne Faithfull nachfragen. Die Grande Dame aus London erkrankte daran, fiel ins Koma, die Ärzte gaben ihr keine große Chance mehr, aber sie überlebte.
Heute erscheint ein ganz besonderes Album von Marianne Faithfull, das sie mit Warren Ellis von den Bad Seeds vor und während des Londoner Lockdowns aufnahm und auf dem auch Nick Cave, Brian Eno und der Cellist Vincent Ségal mitmachen. “She Walks In Beauty” heißt es und besteht aus vertonten Gedichten von John Keats, William Wordsworth, Lord Byron und Percy Bysshe Shelley. Alte Kunst, frühe Poesie, ein großes Album!
Die Idee dafür allerdings hatte Marianne Faithfull schon vor langer, langer Zeit: “Mit 13 oder 14 Jahren kaufte ich mir ein Buch – ‘Palgrave’s Golden Treasury‘ – das hat mich auf Anhieb begeistert und für die Welt der Poesie und Gedichte geöffnet, viele verschiedene Gedichte. Und dann war da ja auch noch meine Englischlehrerin im Kloster, Mrs. Simpson. Das war ungefähr ein Jahr bevor ich entdeckt wurde – ich war damals sehr glücklich. Dann kam das Showbiz. Und auch wenn ich die Schule nie beendet habe, habe ich in der Zeit viel gelernt und all das Wissen hat mich im Grunde auch nie wieder losgelassen. Ich hatte also gewissermaßen mein ganzes Leben lang die Idee in meinem Kopf, dass ich diese wunderschöne Poesie-Platte mit Musik machen wollte.”
Elf Stücke sind auf dem Album. Marianne Faithfull spricht, liest vor, trägt die Texte vor, Warren Ellis legt wunderschöne, sehr atmosphärische, gefühlvolle, beeindruckende Sounds darunter. Ambient ist was anderes, aber das hier ist: Ambient. Das ist auch Emo, Klassik … Kunst. Ach, das Wort ist so ein Scheiß, aber hier passt es, hier MUSS man es nutzen. Hier muss man sich das Album kaufen. Und dann auflegen, sich hinlegen und zuhören. Genießen. Dabei spielen die Englischkenntnisse übrigens gar keine so große Rolle. Die Stücke funktionieren auch so, berühren auch so. Es reichen die Stimme, die Sounds und das Gefühl und die große Liebe der Marianne Faithfull für diese Texte.
Warren Ellis sagt: “Sie begleiten sie schon ihr ganzes Leben. Sie glaubt an diese Texte. Diese Welt, sie bewohnt sie – ja, verkörpert sie, und das spürt man. Sie meint es wirklich ernst. Es ist nicht nur einfaches Lesen. Das Beste daran, diese Gedichte zu hören, ist, dass sie einen total mitnimmt. Sie lädt dich ein, mit ihr in diese Welt zu gehen. Das macht sie auch mit einem Song. Ich war dabei – habe gesehen, was sie im Studio macht, wie sie auf eine Weise singt, so dass kein Auge trocken bleibt. Und dann fragt sie: ‚War das ok?‘. Sie hat so eine ganz bestimmte Art und eine dieser Stimmen, die einen unglaublich berühren.”
Wir ergänzen: Warren Ellis hat Recht. (mf)
