Werden deutsche Musiker neuerdings von der Friseur-Handwerksinnung gesteuert? Angesichts der Poisels und Bendzkos dieses Landes liegt der Verdacht irgendwie nahe. Da überrascht nicht, dass jetzt mit dem 21-jährigen Stuttgarter Tiemo Hauer (30. Oktober | Stage Club) der nächste frisch gewaschene Kopf auftaucht. Und mit Sätzen direkt in die Zwölf (“Wenn in deinem Körper alle Bomben hochgehen”) erst gar nicht mit ziemlich direkt protokollierten Gefühlen unter der Trockenhaube geizt.
“Losgelassen” kann verdammt schüchtern Populärmusik am (immer wieder) Klavier und sogar Gitarrensolo, kann vor allem das “Emo” im Vornamen, polarisiert Beziehungen auf ihre geilsten
Höhe- und schwersten Tiefpunkte. Ein paar Hardliner werden es Tiemo Hauer natürlich übel nehmen, dass er mit blitzsauberem “Love Will Tear Us Apart”-Shirt im Booklet am Tastenkasten lehnt und vielleicht tatsächlich so verpeilt daher kommt, wie er ausschaut.
Dass hinter der Poesie in “Zum Abschied” derweil nicht mehr oder weniger als ein dreckiger Abschiedsfick (zu Joy Division-Songs?) Wunsch Vater des Gedanken ist, macht “Losgelassen” zu einer heimlichen Wundertüte unter Auslassung wirklich expliziter Worte. Bei allem Flachs in dieser Rezension nicht unerwähnt bleiben sollte aber auch, dass Tiemo Hauer mit “Nein” ein Statement gegen Kindesmissbrauch meißelt, dessen klare und deutlichen Worte durchaus in der Tradition eines Rio Reiser stehen. (kel)