“Zwischen den Runden” Track by Track geschrieben von Sarah De Castro (Conmoto)

Ich höre gerade die neue kettcar – “Zwischen den Runden. Das Szenario könnte passender nicht sein. Ich sitze in Hamburg an meinem Schreibtisch. Mir frieren die Finger beim Tippen ein, ein Dampfer tutet und ab und an fliegt eine Möwe an meinem Fenster vorbei. Das könnte eine Textzeile von kettcar sein, ist es aber nicht. Bittere Realität. Wie dem auch sei, das Album und ich kämpfen und streicheln uns durch diesen bitterkalten Nachmittag.

Und ich möchte mich bei allen kettcar-Fans entschuldigen – ich traue mich schon gar nicht mehr aus dem  Haus – aber um es vorweg zu nehmen, das Album trifft im Gesamten leider einfach nicht meinen Nerv. Aber ich hoffe Euren. Denn ich mag diese Band. Und auch ich denke jeden Tag aufs Neue: „An den Landungsbrücken raus – dieses Bild verdient Applaus“

Rettung spricht sämtlicher meiner Freunde aus der Seele. Ich sage es ungern öffentlich aber mir hat man diverse Male Schüsseln neben`s  Bett stellen müssen und ich brauchte mehr als nur einen Rettungssanitäter um über den nächsten Tag zu kommen. Und das mit der Liebe sehe ich ähnlich. Summa Summarum: Ich muss diesen Song einfach gut finden und das tue ich auch sehr gerne. Die besten Zeilen des Albums – für meinen Geschmack – werden schon am Anfang der Platte rausgehauen. „Nein, ein Marine  lässt  niemanden im Stich“ und „Du konntest nicht mehr gehen  – das heißt Huckepack nehmen“.

Im Club: Im „allergrößten Club der Welt“ würde ich wahrscheinlich am Türsteher scheitern …

Schwebend: Ich kann das schwerelose Gefühl von Marcus Wiebusch leider nicht ganz nachempfinden. Freue mich aber für ihn. Musikalisch schon eher mein Ding, schön zurückgenommen und da ich großer Fan von Klatschen bin finde ich das auch schön. Passt wunderbar zum Text nur leider spricht der mich nicht an. Vielleicht ein anderes Mal.

R.I.P.: Wie schon gesagt, ich kämpfe mit diesem Album. So auch hier. Großartiger Text. „Das Schweigen  zum Schluss – Haare im Kissen – Haare im Abfluss“.  Mehr muss Marcus Wiebusch nicht sagen und man befindet sich auf direktem Wege mitten im Desaster. Das ist was mich bewegt. Wunderbar. Jetzt noch ein wenig kantiger und weniger belangloses Gitarrenspiel und es würde mich packen. Und die letzte Textzeile „Wenn das der Frieden ist – lass niemals Krieg sein“  ist mir persönlich – wie  soll ich sagen – einen Hauch zu episch.

Kommt ein Mann in die Bar heißt der Titel dieses Liedes und ich denke spontan “Ja, und?“ Leider bleibt es dabei. Es passiert einfach nichts. Schade. Ich war so gespannt.

Weil ich es niemals so oft sagen werde: Wenn ein Mann ein Lied singt und es herrlich nüchtern wie folgt beginnt: „Weil ich es niemals so oft sagen werde wie du es hören willst – obwohl es wahr ist“ und er bei 1:13min singt „von vorne mehr Licht auf die Beiden“ und und bei circa 1:23min sagt „Und  Bitte, wo bleiben die Geigen?“, und plötzlich Geigen  spielen, dann ist das gelinde gesagt einfach Scheisse-Schön. Das hat mich. Wunderbar. Bei 2:37min passiert dann noch das Unfassbare. Marcus Wiebusch singt „…wo wir alles behaupten und dann alle verbluten“ und kettcar rutscht ins Moll!!! Und schon habe ich eine Art Lieblingslied auf der Platte  gefunden, so einfach kann`s gehen!

Schrilles buntes Hamburg: „Wo wir hinkommen, da steigen Mieten. Wir tun, als ob wir es nicht wüssten, ab jetzt komm´ die Touristen.“ Gentrification wird derzeit oft besungen und Hafencity Sucks, keine Frage. Es gibt  keine echten Berliner, New York ist seit Ende der 80er tot und  Hamburg war schöner als ich noch nicht hier war. Bittere Wahrheit.

Nach Süden: Es gibt Lieder die sollte man einfach so stehen lassen. So auch dieses hier. Sehr nahe. Sehr ehrlich und bewegend ohne ausschmückend zu sein.

In deinen Armen: Ja, auch hier wird wahres gesprochen. Die gute alte Vorsicht, angefasste Herdplatten und Pferde die Trübsal blasen gewinnen keine Rennen. Das kann ich so unterschreiben.

Der apokalyptische Reiter: Oh, auch hier geht es um Pferde.  Naja, im  weitesten Sinne vielleicht. Ja, also ich kenne Regeln auch nur vom Hörensagen. Mehr fällt mir grade nicht ein.

Erkenschwick: Ja, das ist ganz nett. Und das Glück ist eine einfältige Kuh, das stimmt wohl. Generell eine gute Idee auch mal über dumme Gänse und blöde Kühe zu singen die einem suggerieren man sei im richtigen Abteil Richtung Meer und dann sitzt man doch im falschen Zug. Ja, so ist das machmal.

Zurück aus Ohlsdorf: Auch wieder Liedgut das – zumindest aus meiner  Sicht – unantastbar ist weil es sehr persönlich spricht. Es macht mich nachdenklich, soviel sei gesagt. Insgesamt hat  die Platte schöne Moment  und – wie  man  das von kettcar gewohnt  ist – große Zeilen.  Musikalisch nicht  immer mein Geschmack, aber das  ist persönlicher Kram und das zählt hier nicht. Ein würdiger letzter nachdenklicher Song und dann  sitzt  man in Hamburg, schaut aus dem Fenster und es ist dunkel. Und eine Möwe fliegt vorbei. Und ein Dampfer  tutet. Und  jetzt kann  sogar  ich für  einen Augenblick  diesen  kitschigen Moment aushalten.

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